Archive for Dezember 2014

People A, People (B) – Jugend in der DDR mit Depeche Mode

21. Dezember 2014 | von | Kategorie: Blog, Mauergewinner Leseproben

Mark ScheppertMeine ersten Freunde im Leben kamen aus Vietnam, Jugoslawien und Bulgarien. An den kleinen Tuan Tui aus dem Kindergarten kann ich mich zwar kaum noch erinnern, aber meine Mutter beharrt darauf, dass ich damals bei der Familie mit den dunklen Augen beinahe zu Hause war. Zumindest schickte ich anschließend immer aus Solidarität brav Spielzeug in die Volksrepublik Vietnam.
Im Abitur gab es den Strafko aus Sofia. Er war ein Wirrkopf, der sagenhaft schelmisch dreinblicken konnte. Otmar und ich brachten ihm die schlimmsten deutschen Schimpfwörter bei und stellten ihn Mädels als Sohn von Jean-Paul Belmondo vor, da er gewisse Ähnlichkeit mit dem Schauspieler hatte. Im Gegenzug musste ich bei meiner ersten Flugreise zusammen mit Kosbi in die bulgarische Hauptstadt für die Übernachtung nichts bezahlen. Wir konnten bei Strafkos Eltern wohnen.
Zwischen Kindergarten und Abi traf ich jedoch meinen wichtigsten Ausländer: Dejan. Der Diplomatensohn aus Sarajewo war ein Geschenk des Himmels. Er saß ab der 5. Klasse neben mir und wurde mein wichtigster Freund. In Zeiten, in denen man für abfotografierte Fotos aus der Bravo 15 Mark bekam und für originale Doppelseiten sogar 40, konnte Dejan nach Westberlin fahren und diese Kultzeitschrift besorgen. Einfach so. Mit seinen Eltern und ihrem Dienstwagen. Fortan kümmerte ich mich in besonderer Weise um meinen allerbesten Freund und wartete gespannt darauf, wann er wieder nach Drüben düsen würde. Erst als er plötzlich, wie zuvor Tuan Tui und später Strafko, aus meinem Leben verschwand, kapierte ich, was mit ihm so alles möglich gewesen wäre: Er hätte mich mal im Kofferraum in den Westen schmuggeln können – und zurück!
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Im Juni 1988 hatte Dejan keine Zeit und auch Stefan und ich wollten eigentlich nur mal kurz vorbeischauen: Vielleicht gab es ja noch eine Karte an der Rennbahn in Weißensee. Es war nicht irgendein Konzert: Bryan Adams sollte heute hier spielen. Allein, dass er aus Kanada kam und nicht Stern Meißen Combo oder Petra Ziegler hieß, war die große Sensation. Wir waren ziemlich früh losgefahren, sodass wir zwar mit mehr Menschen als üblich in der Straßenbahn saßen, aber Massen waren es noch nicht. Auch am Kartenhäuschen war nicht viel los und so standen wir maximal zwei Minuten davor, bis wir stolz unsere Karten zum Einzelhandelsverkaufspreis EVP 15 Mark in den Händen hielten. Der Einlass war noch geschlossen und so schlenderten wir gut gelaunt die Straße zurück. Bereits nach ca. 200 Metern sprachen uns die ersten Leute an: „Ey Piepel, habt ihr vielleicht noch Karten?“ Nee – hatten wir nicht und gingen weiter.
Immer mehr Menschen strömten jetzt aufgeregt in Richtung Konzertgelände. Zwei dicke Typen mit Dauerwelle fragten uns, ob wir „zufällig ne Karte zu viel“ hätten. 30 Mark würden sie uns dafür geben – pro Karte! Wir brauchten uns gar nicht lange zu beraten und schwuppdiwupp waren wir unsere Bryan-Adams-Tickets wieder los.
Zurück am Schalter mussten wir nun schon 15 Minuten warten, bekamen aber ohne Probleme vier neue Eintrittskarten. Ohne groß zu überlegen, rannten wir die Straße hinunter und flüsterten den ankommenden Rockfans zu: „Braucht ihr noch ne Karte? Nur 30 Mark.“ Viele staunten nicht schlecht: „Gibt’s denn keene mehr vorne?“ – „Nee, total ausverkauft“, antworteten wir mit verschwörerischer Miene. Recht schnell brachten wir die heiße Ware an den Mann.
Zum ersten Mal ahnte ich, was meine Mutter unter „Bückware“ verstand. Wir spurteten zum Eingang zurück und reihten uns in die lange Schlange des Kassenhäuschens ein. Sie stellten uns keine Fragen, für wen wir die vielen Tickets brauchten und verkauften uns acht neue. Gegen 19 Uhr waren wir die reichsten Jungs von Berlin-Weißensee. Zwei allerletzte Tickets hatten wir nicht verscherbelt und so gingen wir freudestrahlend auf das riesige Openair-Gelände der Radrennbahn. Doch von Bryan Adams kann ich nicht viel berichten; ich lief mit 800 Mark in kleinen Scheinen in ausgebeulten Hosentaschen zwischen den 80.000 Menschen umher und dachte die ganze Zeit nur an eines: Du musst die Kohle sicher nach Hause bringen!
Olly ich

Doch das Erlebnis war nicht einmalig und längst nicht unerreicht …

Als ich am 7. März 1988 morgens in die Schule kam, wusste ich noch nicht, dass ein besonderer Tag meines Lebens vor mir lag. Sabine aus meiner Klasse und Vorsitzende unseres Freundschaftsrates passte mich auf dem Flur ab und sagte zu mir, dass sie drei Eintrittskarten für eine westliche Musikgruppe bekommen hätte, welche sie an Schüler mit besonders guten gesellschaftspolitischen Leistungen verkaufen sollte. Obwohl ich wusste, dass Sabine ein gewisses Faible für mich hatte, wollte ich mich gerade umdrehen und sagen, dass sie sich ihre Karten sonst wohin stecken könnte. Auf die Bands, die in die DDR eingeladen wurden, konnte man in der Regel locker verzichten. Die 15 Mark machten mich jedoch stutzig; das waren ja kanadische Bryan-Adams-Preise. Deshalb fragte ich freundlich: „Welcher bedeutende Künstler beehrt denn unser sozialistisches Heimatland?“ Die Antwort ließ mich erstarren. Ich, der 16-Jährige, neuerdings dauergewellte Junge, hörte den Namen wie einen Donnerschlag: „Depeche Mode.“
„Zeig her!“, brüllte ich und entriss ihr die bräunlichen Pappkarten. Da stand es, schwarz auf braun: „FDJ & DT64 Geburtstagskonzert: Depeche Mode am 7. März in der Werner-Seelenbinder-Halle, Einlass 18 Uhr“.
Icke Bad Boy
Wir standen uns schweigend gegenüber: auf der einen Seite der größte DEMO-Fan Ostberlins und auf der anderen die Frau mit den magischen Papieren. Die Band war zu diesem Zeitpunkt die bedeutendste Rockgruppe, das sagte zumindest Dejans Bravo, egal ob in Ost oder West; sie waren die Superstars, die Beatles unserer Generation.
Ich (!) war es doch gewesen, der die ersten Lieder der Engländer auf unseren Schuldiskos gespielt hatte. Mein jugoslawischer bester Freund Dejan hatte mir (!) doch die erste Platte zum Freundschaftspreis von 100 DDR-Mark und das Poster aus Westberlin mitgebracht. Mein Vater nannte mich (!) doch nur noch People A (und Benny People B), weil selbst ihm schon das „People are People“ ein Ohrwurm war. Eigentlich hatte ich (!) Depeche Mode in der DDR eingeführt, noch bevor sich alle Mädels in die Bandmitglieder verliebt und man zu ihren Liedern Breakdance auf den Schulhöfen getanzt hatte. Scheiße, ich (!), der Typ mit den blonden Martin Gore-Locken, verdiente diese Karte.
Sabine merkte nicht, dass ich ganz blass um die Nase geworden war und sie ahnte auch nicht, dass ich für meine Depeche Mode-Dauerwelle zwei Stunden lang beim Frauenfrisör äußerst verschämt aus dem Fenster geschaut hatte und zu Hause „Zwergpudel“ genannt wurde. Ich säuselte ihr lieblich ins Ohr: „Mensch Sabs, da können wir doch nächste Woche mal zusammen ins Café am Leninplatz gehen. Was hältst Du davon?“ Sie schaute mich skeptisch an und lächelte: „Aber nur, wenn Du bezahlst.“ Natürlich ginge das, ganz klar, drei Schweden-Eisbecher mit extra viel Eierlikör – ich musste bloß lebend mit dieser Karte aus dem Zimmer kommen. Sie zwinkerte mir zu und drückte mir das wichtigste Stück Papier meines bisherigen Lebens in die Hand. Wow – ein Depeche-Mode-Ticket!
People A und B
Natürlich gab es an diesem Schultag noch großen Ärger wegen der Verteilungskriterien der Karten. Wütend wurde Sabine beschimpft, dass die Tickets nicht ordnungsgemäß an die besten FDJler und anständigsten Menschen vergeben wurden, aber ich besaß eins und würde es auch nicht wieder hergeben. Am Abend fuhr ich ganz allein mit der Straßenbahn zum Konzert ins Glück. Die Sache hatte sich herum gesprochen. Vor der Halle gierten tausende aufgeregte Leute nach Karten. Man munkelte, dass 6.000 Tickets im Umlauf und diese nur an vorbildliche FDJler (wie mich!) verteilt worden waren.
Es gab regelrechte Tumulte, viele versuchten über die gut geschützten Zäune hinein zu kommen, einige hatten sich schon am Vormittag im Innengelände versteckt. Alle anderen versuchten auf legale Weise, an die Tickets zu gelangen – für illegal viel Geld. Ich sah keinen einzigen Menschen mit blauem FDJ-Hemd, fast alle trugen Schwarz von Kopf bis Fuß. Hunderte sprachen mich an und boten mir Schwindel erregend viel Geld – einer sogar sein Moped der Marke Simson. Bei eisiger Kälte und leichtem Schneefall schüttelte ich erbarmungslos den Kopf. Dass die beiden anderen Karten besitzenden Mädels aus meiner Schule diese für je 800 Mark verscheuert hatten, erfuhr ich erst am nächsten Tag. Ich hatte drei Monate später 27 Bryan-Adams-Tickets dafür gebraucht!
Endlich war ich drin, mein Kopf glühte und mein Herz pochte, als tausende Menschen die Vorband „Mixed Pickles“ von der Bühne buhten. Ich kämpfte mich bis ganz nach vorn durch und nachdem die Band unseres Jahrzehnts das erste Lied unter ohrenbetäubendem Lärm noch hinter einem geschlossenen Vorhang gespielt hatte, begrüße Dave Gahan eine durchdrehende Meute. Ich verstand nur irgendetwas von „East Berlin“, denn rechts und links von mir gab es kein Halten mehr. Die vollkommen überfüllte Halle tobte, sprang und sang, wie ich es nie zuvor (und danach) erlebt habe. Was für eine geile FDJ-Veranstaltung!
Demo-Ticket (2)
Es war das Konzert meines Lebens. Nach dem vierten Lied bekam ich keine Luft mehr und schaffte es gerade noch, ohne zusammenzubrechen etwas weiter nach hinten. Zwei Songs später drängelte ich erschöpft zum etwas leereren Ausgangsbereich. Plötzlich bemerkte ich das niedliche Mädchen neben mir; auch sie schien vollkommen atemlos zu sein. Wir schauten uns lange in die Augen, lauschten der Musik und nahmen uns zärtlich in die Arme. Bald umarmten wir uns immer inniger und sangen gemeinsam die Lieder unserer Helden aus dem Radio. Bei einer herzzerreißenden Ballade zog sie mich plötzlich zu sich hinüber und gab mir den innigsten, wärmsten und schönsten Kuss meines gesamten DDR-Lebens. Nach dem Konzert sahen wir uns nie wieder. People are People!

Nachdem ich Sabine tatsächlich drei riesige Becher mit Vanille-Eis, Apfelmus, Eierlikör und Sahne – unsere so sehr geliebten Schweden-Eisbecher – im Café am Leninplatz spendiert hatte, war ich durch das Konzert endgültig zum Musikfan geworden, erlebte später auch Bruce Springsteen in Weißensee und vor allem durch meinen Freund Otmar, der Schlagzeuger war, auch viele kleinere, durchaus ansehnliche und kritische DDR-Bands. Beim Mauerfall war ich 18 – es war nicht zu spät, die vielen verpassten Gelegenheiten nachzuholen. Ich kaufte und tauschte Schallplatten, ging in riesige Hallen und fuhr auf legendäre, schmuddelige Openair-Festivals. Mit Bestimmtheit kann ich sagen, dass ich die bedeutenden Bands meiner Zeit mindestens einmal live gesehen habe.
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In der Bar in Asuncion, der Hauptstadt Paraguays, war ich der einzige blonde Mensch, der einzige Deutsche und überhaupt der einzige Ausländer. Sylvie hatte sich einen Grippevirus eingefangen und sich frierend richtige Blocker in Tablettenform reingezogen und schlief jetzt tief und fest. Doch mir ging es blendend, also schlenderte ich in die belebte Stadt und fand recht schnell eine gemütliche Kneipe. Nach ein, zwei Bier kam ich mit ein paar hübschen Mädchen ins Gespräch, die vorschlugen, noch gemeinsam in eine benachbarte Kellerbar zu gehen. Ich ließ mich überreden, doch in dem Lokal wurde mir schnell klar, dass ich in einer Karaoke-Bar gelandet war. Aber egal – ich war gut drauf, angeheitert und sowieso noch nie in so einem Ding gewesen.
Weitere Freundinnen der Mädels kamen an unseren Tisch und orderten verführerisch lächelnd noch mehr alkoholische Getränke für mich. Die hiesigen Menschen sahen fantastisch aus, irgendwie geheimnisvoll, und waren vor allem in einer Art und Weise gastfreundlich, wie ich es noch nie erlebt hatte.
Plötzlich drückte mir Marcia das Mikrofon in die Hand und die etwa hundert Gäste des Clubs sahen mich erwartungsvoll an. Natürlich konnte ich die Leute jetzt nicht enttäuschen und ließ mir ein Buch mit Plastikseiten geben, in denen die Titel von sicher 500 Liedern standen, die meisten davon in Spanisch. Als ich es fast schon aufgeben wollte, entdeckte ich jedoch einen Song, den ich kannte. Vor einer begeisterter Meute sang ich lauthals „People are People“ von Depeche Mode ins Mikrofon. Ich war jetzt endgültig der ausländische Star des Abends.
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Zum Weiterlesen: People A, People B bei Spiegel Online
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Zum Gesamtkunstwerk: Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens
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Scheiß Auswärtsspiel

19. Dezember 2014 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Blog

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Die allererste Fußball-WM auf deutschem Boden! Es hätte ein großes Ereignis für mich werden können. Aber nein! Zum einen fand das Turnier auf der falschen Seite der Mauer statt, zum anderen war ich gerade erst drei Jahre alt. Mein Vater und Onkel Wolfgang hatten sich beim Frühschoppen so dermaßen einen eingeholfen, dass sie beim Finale 1974 schnarchend auf unserem Wohnzimmerteppich lagen und ich mit Mutter das Spiel allein anschaute. Die BRD wurde Weltmeister und ich – viele Jahre später – Fan dieser Mannschaft.
Meine zweite Fußball-WM auf deutschem Boden! Es hätte ein großes Ereignis für mich werden können. Aber nein!

„Alles Scheiße“ schreibt Jenna. Er berichtet in einer E-Mail, dass in den Straßen Berlins, tausende Touristen herumlungern und schon Stunden vor Spielbeginn unsere Stammkneipen blockieren. Wie eine Radioübertragung hätte er das Eröffnungsspiel verfolgt, eingekesselt von nervigen „Fans“ hinter einer fetten Säule. Er hätte kein einziges Tor auf der Leinwand live gesehen. Trotzdem, zwischen den Zeilen lese ich, dass in der Hauptstadt – bei Bombenwetter – gehörig die Post abgeht. Ich habe sogar ein Bild vor Augen: Vollbusige schwedische und brasilianische Fans tanzen halbnackt in der Simon-Dach-Straße mit meinen Freunden auf den Tischen. Auch in Argentinien sehen wir doch, dass Deutschland mit der ganzen Welt eine ausgelassene Party feiert. Ein schwarz-rot-goldenes Fahnenmeer auf diesen Meilen. Ich muss mir ständig verwundert die Augen reiben und bin erstmals regelrecht stolz, aus einem Land zu kommen, das so sympathisch herüberkommt. „Alles Scheiße“ sieht komplett anders aus!
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Gleich am ersten Tag entdecken wir die Kneipenmeile von Salta. An vielen Pubs hängen große Tafeln: „Fußball mit Livemusik.“ Wie gerne hätte ich das Spiel gegen Costa Rica hier (statt in Bolivien), eingekesselt von hunderten Leuten, hinter einer fetten Säule mit dem, hier angepriesenen, Eimer voller Bier verfolgt. Da wir heute einen alkoholfreien Tag einlegen, macht mich allein der Gedanke daran durstig.

Das erste Spiel der Argentinier hatten wir in San Salvador de Jujuy gesehen. Die Stadt hielt den Atem an und es herrschte eine gespenstische Stille. Nur wir rannten kurz vor 15 Uhr wie die Bekloppten durch die Innenstadt, um in die empfohlene Kneipe zu gelangen. Es gab dort zwar eine Leinwand, aber wir waren umgeben von circa zwanzig Familien, die das Spiel trocken analysierten. Zur richtigen Zeit am falschen Ort. Schon zum zweiten Mal brüllten Sylvie und ich am lautesten herum – vom Reporter im Fernsehen einmal abgesehen. Sein “Gooool de Argentina!” dehnte er auf gefühlte fünf Minuten. Wahnsinn!
Die Einheimischen schüttelten über das irre deutsche Pärchen nur die Köpfe und nach dem knappen 2:1 gegen die Elfenbeinküste gingen alle brav nach Hause. Keine Straßenparty, kein Autokorso, gar nichts in Downtown. Nur zwei angeheiterte Deutsche, die durch die Straßen taumelten und „Olé, olé“ brüllten.
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Auf dem Weg ins Hostal kommen wir an einem Schuppen vorbei, aus dem krachige Livemusik schallt. Obwohl wir einen ruhigen Abend geplant hatten, müssen wir dort hinein. Punkrock ist unsere gemeinsame Musik. Nach einem „Lag Wagon“ Konzert in Mannheim hatte ich „my brown eyed girl“ das erste Mal hemmungslos geküsst.
Die hiesige Band kann geradeso drei Akkorde spielen, der Sound ist räudig, die Texte kaum zu verstehen und außer uns hängen hier nur 16-jährige herum. Wir stellen uns vor die Bühne und wackeln mit dem Hintern. Der Sänger und einige Zuschauer tragen Tote Hosen T-Shirts und plötzlich verstehen wir auch warum. Sie beginnen, Songs der Düsseldorfer zu covern. „Los Pantalones Muertes“ (Die Toten Hosen), brüllt der Frontmann ins Mikro und gibt plötzlich richtig Gas. Das scheint das Codewort gewesen zu sein, denn auf der Tanzfläche gibt es nun kein Halten mehr. Wir wissen natürlich längst, dass Punk in Argentinien schwer angesagt ist, aber, dass die Leute hier derart krass ausflippen, ist uns neu. Sie brüllen und pogen, wie ich es selten erlebt habe und wir stehen mittendrin. Die Refrains ertönen aus heiseren Kehlen und klingen in dem kleinen Saal, wie ein wütender Schrei.
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Nach drei Liedern spüre ich, dass ich langsam zu alt für so einen Scheiß werde. Mein T-Shirt ist klitschnass und an den Schienenbeinen spüre ich schon jetzt die blauen Flecken von morgen. Keuchend laufe ich zur Bar, um uns dann doch mal ein Bier zu besorgen. Der Tresentyp schaut mich an, als ob ich ihn verarschen will und zeigt auf Cola, 7up und Wasser. Kurz überlege ich, was ich falsch gemacht habe, oder ob ich gar „zu jung“ aussehe. Gleichzeitig schaue ich mich im Raum etwas genauer um. Das Ambiente entspricht eigentlich eher dem einer Schuldisko. Junge Mädchen und die Streber sitzen eingeschüchtert in der Ecke auf Holzstühlen. Nur die ultracoolen Jungs mit Irokesen-Schnitten und zerrissenen Jeans duellieren sich vor der Bühne, strecken die Fäuste in die Luft und brüllen die Texte mit. Im Klo werden mir endgültig die Augen geöffnet. Fünf Kids stehen am Waschbecken und lassen lachend eine Flasche Hochprozentigen kreisen. Das ist eine Schuldisko! Dankend lehne ich die mir gereichte Pulle ab und bringe Sylvie eine Cola. „Bist du bescheuert oder was? War doch nur ein Scherz mit dem alkfreien Tag!“ Ich lächele sie an und weiß wieder einmal, dass sie genau die Richtige ist.
Die letzte Zugabe. Ich kann eigentlich nicht mehr, doch Sylvie stürmt bereits nach vorn. Sie spielen das Lied der Lieder. Wir hatten es in den letzten Wochen hunderte Male gehört. Es hatte uns regelrecht verfolgt und dennoch konnten wir nicht genug davon bekommen. Quilmes, Argentiniens bekannteste Biermarke, hatte als Sponsor der „Selección“ einen außergewöhnlichen WM-Werbespot gedreht. Das Video zeigt mit welcher Hingabe und Leidenschaft die Argies den Fußball zelebrieren, wie sehr sie an große Erfolge anknüpfen wollen und den Titel herbeisehnen.
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Das Besondere: die Bilder von jubelnden Fans und Ausschnitten wichtiger Spiele sind mit einem Punksong von „Attaque 77“ unterlegt. Ein ganzes Land berauscht sich seit Tagen an „No me arrepiento de este amor“. Was für ein geiler Werbespot für ein Bier. Durst! Laut schreiend springe ich in den Pulk der tobenden Massen. Links neben mir, versucht sich Sylvie auf den Beinen zu halten. Ich höre es nur Krachen und sehe, wie ein Ellenbogen von meiner Nase zurückfedert. Voll gepumpt mit Adrenalin verspüre ich keinerlei Schmerz. Doch ein Typ zieht mich von der Tanzfläche und deutet mit sorgenvoller Miene auf mein Gesicht. Nun sehe ich es auch. In weinroten Fontänen kommt mir das Blut aus der Nase geschossen. Mein Shirt, die Hose und sogar meine Schuhe sind schon eingesaut. Vor dem Spiegel im Klo kann ich nicht erkennen, ob etwas gebrochen ist, denn mein Zinken ist bereits auf Kartoffelgröße angeschwollen. Ich reinige mein verschmiertes Gesicht und stopfe mir Papierfetzen in die Löcher. Draußen wartet die besorgte Sylvie. Erst auf dem Heimweg erfahre ich, dass auch sie sich den Knöchel verstaucht hatte. Wie ein gerade überfallenes Rentnerehepaar stolpern wir durch die einsamen Straßen. Es gibt jetzt keine geöffneten Tank- und Spätverkaufstellen mehr. Kein kühlendes Quilmes-Bier. Ich lege ihren Arm auf meine Schulter, um sie ein wenig zu stützen. Sie lächelt mich dankbar an und tupft meine Nase sauber. ‚No me arrepiento de este amor’, denke ich gerührt und flüstere ihr die Übersetzung ins Ohr: „Ich bereue diese Liebe nicht!“
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„Alles Scheiße“, brülle ich am nächsten Nachmittag. Nein, meine Nase scheint nicht gebrochen zu sein. Wir sitzen am hektischen Busbahnhof und starren auf einen verrauschten Bildschirm mit schlechten Farben. Es läuft das Spiel Brasilien gegen Kroatien. Es ist kein schönes Spiel und der amtierende Weltmeister zeigt nicht gerade Samba-Fußball. Doch das Match findet in Berlin statt. Es wäre mir egal, ob tausende Menschen vor mir stehen oder fette Säulen mir die Sicht versperren würden. Zum allerersten Mal auf dieser Reise wäre ich jetzt gerne zusammen mit Freunden in den Straßen meiner feiernden Heimatstadt. Scheiß Auswärtsspiel! Betröpfelt gehe ich zu einem schäbigen Kiosk und kaufe Fahrtbiere. Viele!

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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika
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Faszination DDR-Sport

5. Dezember 2014 | von | Kategorie: Alles ganz simpel Leseproben, Blog

Opa Sport Mein Opa erzählte neulich: Beileibe nicht nur Rekorde und Medaillen der Olympiasieger machten die Faszination Sport in der DDR aus. Der DTSB hatte bis zur Wende etwa 3,7 Millionen Mitglieder, die sich sportlich betätigten. Das waren immerhin über 20 % der gesamten DDR-Bevölkerung.
Schon im Kindergarten wurde viel wert auf Bewegung gelegt und fast jeder zweite Jugendliche war danach in Schulsportgemeinschaften organisiert. Ich kann versichern, dass die meisten dort freiwillig aktiv waren und sich gerne mit anderen Schulen in Pionierpokalen und Kinder- und Jugendspartakiaden maßen. Für die besten bestand natürlich die Aussicht, in die angesehene Sportelite unseres Landes aufzusteigen.
Aber auch für jene, die das nicht schafften – zugegeben die meisten – gehörte der Sport danach weiterhin zum Leben. Neben anderen Zeitungen unseres Landes unterstützte das Deutsche Sportecho den Fernwettkampf „Stärkster Lehrling“ und „Sportlichstes Mädchen“ in den Betrieben. Wir waren immer aufs Neue erstaunt, zu welchen Höchstleistungen die Jugendlichen fähig waren. 60 Kniebeugen mit 25 Kilogramm Belastung in 60 Sekunden, 100 Beugestütze in drei Minuten oder 35 Klimmzüge musste man schon bringen, um im Spitzenfeld dabei zu sein. Beim Schlussdreisprung kamen die Besten auf Weiten von bis zu 9,50 Metern. Bei den Mädchen schafften im Seilspringen nicht wenige 150 Seildurchschläge, einige sogar über 200 innerhalb von einer Minute.
Familienwettkampf Für Dich

Auch in den FDGB-Ferienheimen gab es unzählige Sportanlagen. Wer in seinem Urlaub keine Lust auf das heimeigene Schwimmbad, die Sauna, den Volleyballplatz hinterm Haus, oder die Kegelbahn hatte, konnte sich immer noch auf den Tanzabenden sportlich verausgaben. Etliche Leute machten sogar ihr Sportabzeichen während dieser Tage, um ihren Kindern, die das längst in der Schule erlangt hatten, in Nichts nachzustehen. Die eigentliche Funktion des Sports, die Gesundheit zu fördern, war also auch in der DDR stark ausgeprägt. So gab es alljährlich die „Meile“ am Neujahrsmorgen, bei denen einige allerdings nur teilnahmen, um ihren Kater loszuwerden. Ich will hier keine Namen nennen.
Opa erzählt

Das Fernsehen! Die beliebte Reihe: „Mach mit – mach’s nach – mach’s besser“ unter der Anleitung von „Adi“ erfreute sich einer sensationellen Beliebtheit und auch „Mach mit – bleib fit!“ schauten die Menschen gern.
Während der Wochen des größten Amateur-Radrennens der Welt, gab es immer eine „kleine Friedensfahrt“, bei der schon die Jüngsten um die Siegerschleife rangen.
Auch die Frauenzeitschrift „Für Dich“ hatte irgendwann einen „Familien-Wettkampf“ ins Leben gerufen. Eine Übung war dabei beispielsweise, dass man sich auf eine Parkbank stellen und den Rumpf so weit wie möglich nach vorn beugen musste. Wer mit den Fingerspitzen am weitesten unter die Sitzleisten der Bank kam, hatte familienintern gewonnen.
Ebenso gab es das „TTT – Tischtennis-Turnier der Tausenden!“ Als das Ereignis organisiert wurde, waren noch alle pessimistisch, doch schon im ersten Winter traten über 3000 Berliner – also Tausende – in der Sporthalle in der Karl-Marx-Allee gegeneinander an. Dem Beispiel folgten viele andere Städte und eigentlich hätte man den Namen schon bald in „TTZ – Tischtennis-Turnier der Zehntausenden“ umbenennen müssen.
Selbst das mittlerweile sehr beliebte „Wandern“ hatte in der DDR eine ernstzunehmende Anhängerschaft. Viele Menschen liefen schon damals fröhlich auf dem Rennsteig des Thüringer Waldes. Manche wanderten in ihrem Urlaub sogar von Eisenach bis nach Katzhütte. Auch Rad- und Kanutouren und die Wanderungen im Umland von Berlin, welche die Zeitung „Neues Deutschland“ organisierte, waren beliebt. Einige Veranstaltungen gibt es noch heute. Der Sport hatte eben viele Gesichter in der DDR.
Schach

Oftmals wurden über unsere Köpfe hinweg vollkommen hirnrissige Entscheidungen getroffen, da sich die Parteiführung in jede noch so bedeutungslos wirkende Angelegenheit einzumischen pflegte. Kleinste Fehler wurden dann sofort zur Staatsaffäre hochstilisiert. So hatten wir beispielsweise das Pferdesportbuch „Sieger in Sattel und Sulky“ herausgebracht. Irgendein Verrückter hatte sich in einem Beschwerdebrief an das ZK der SED bitterlich darüber beschwert, dass wir dort „Werbung für einen Kapitalisten“ machen würden.
Wir mussten ein Rundschreiben an alle Buchhandlungen der Republik verfassen, in dem wir mitteilten, dass das Buch zurückgezogen wurde und an den Verlag zu schicken sei. In der Neustädtischen Straße ist jedoch kein einziges Exemplar angekommen, denn blitzschnell hatte sich herumgesprochen, dass in dem Werk etwas ganz „Gefährliches“ stehen musste. Es wurde zur „Bückware“ und heimlich unter dem Ladentisch weiterverkauft. Ich bin mir bis heute sicher: 99 % der Leser haben die verwerfliche Stelle nie gefunden, denn im Buch stand lediglich der Satz: „Dieses berühmte Pferd hatte Opel einst seiner Tochter geschenkt.“ Der böse Imperialist, Herr Opel, sorgte also auch in der DDR für Bestseller.
Wenn jedoch ein Buch den Literaturpreis des FDGB (Freier Deutscher Gewerkschaftsbund) bekommen hatte, war es von heute auf morgen erschossen. Die Bauchbinde „Literaturpreis des FDGB“ vermittelte den Lesern scheinbar augenblicklich: „Das kann man ja sicherlich nicht lesen.“ Obwohl da auch gute Werke dabei waren, hatten die Menschen an vermeintlich „linientreuem Gesülze“ kein Interesse.
Tischtennis

Der Sportverlag war über all die Jahre sicher ein Erfolgsbetrieb. In vielen Jahren haben wir große Gewinne erwirtschaftet und oftmals auch zwei Millionen Exporterlöse – davon eine Million in harten Devisen. Unsere Sportbücher (und Lizenzen) waren auch in der westlichen Welt hoch angesehen, schließlich wurde jedes vierte Buch außerhalb der DDR verkauft. Und wir hätten noch erfolgreicher sein können!
Aus Geldmangel durften oftmals keine Journalisten zu bestimmten Ereignissen geschickt werden. Somit konnten wir natürlich auch nicht vernünftig darüber berichten. Unzählige Sportveranstaltungen wurden von meinen Kollegen und mir „live“ bei Fernseh-Übertragungen geschrieben. Wir taten dabei einfach so, als ob jemand von uns vor Ort wäre und hatten sogar einen „Sepp Stadlmeyer“ erfunden, der dann zum Beispiel von der Winterstudenten-Olympiade berichtete: „Als ich heute Morgen aus dem Fenster meines Hotels blickte, schneite es in dicken Flocken.“ Wir wollten dem Leser das Gefühl vermitteln, dass sich der Reporter in einer winterlichen Berglandschaft befände, während er eigentlich vor der Glotze hockte.
Dennoch war auch das sehr zeitaufwendig, sodass ich mehrere Male bei der Zentrag vorsprach: „Gebt uns doch bitte ein paar D-Mark, damit wir uns einen Videorekorder kaufen können!“ So hätten wir die Veranstaltungen wenigstens aufzeichnen können. Doch das Geld wurde nicht genehmigt.
Auch Mittel für die handlichen, leichten Reiseschreibmaschinen, die es längst in der Bundesrepublik gab, wurden nie bewilligt. Damals durften wir nur mit 20 Kilogramm Gepäck ins Ausland fahren und unsere Schreibmaschinen waren so schwer, dass wir auf manche Dinge verzichten mussten. So kam es, dass etlichen DDR-Journalisten ausgerechnet im Westen ihr Arbeitsmittel kaputt ging. Dann brauchten sie natürlich dringend eine neue Maschine und mussten sie vor Ort kaufen. Das wurde genehmigt. So simpel war das. Aber seien wir mal ehrlich: es wäre auch einfacher gegangen!

Opa Schlitten

1961 fuhr ich erstmals zur Frankfurter Buchmesse. Am Hauptbahnhof gab es eine Vermittlung mit Zimmernachweis und so landete ich, ziemlich weit draußen, bei einer herzensguten Bäckerfamilie. Bei schönem Wetter lief ich manchmal zur Messe, um die Straßenbahn-Tickets zu sparen. Über die Jahre wurden wir Freunde, denn bis 1989 habe ich dort immer übernachtet. Ich sah ihren Betrieb wachsen, die Kinder groß werden und die Gastgeber altern. Vom ersten Tag an ließen sie mich erst aus dem Haus, wenn die große Thermoskanne mit Kaffee gefüllt und der riesige belegte Brötchenberg in meiner Tasche verstaut war. Die Vorräte reichten für mich und unsere Standbesatzung den ganzen Tag.
Die Bäckerei war ein Privatunternehmen und ich staunte fast jedes Jahr aufs Neue, dass sie wieder nicht im Urlaub gewesen waren. Sie konnten es sich einfach nicht leisten, den Betrieb für drei Wochen zu schließen, sonst hätten sich unter Umständen die Lebensmittelgeschäfte einen anderen Zulieferer gesucht. Jeden Tag um 4 Uhr morgens startete die Teigknetmaschine in den Räumen unter mir und sie hatten oft Angst, dass mich das stören könnte. Doch ich schlief immer tief und fest und fragte mich, ob ich mit diesem Leben tauschen wolle.
Auch dass auf der Toilette altes abgestandenes Wasser vom Wäschewaschen aufbewahrt wurde, das sie zum Spülen benutzten, war für mich ungewohnt. „Wassersparen“ kannten wir in der DDR nicht. Sie erzählten mir zudem immer, wo man in Frankfurt günstig Fleisch, Käse oder Wurst kaufen könne. Ich kannte nur unsere einheitlichen Verkaufspreise und begriff lange nicht, dass es im Westen gehörige Unterschiede gibt.
Obwohl ich immer zwei Stangen filterlose Caro mitgenommen hatte, musste ich mir eines Tages auch einmal Zigaretten in Frankfurt kaufen, da ich meine Schachtel bei den Bäckern vergessen hatte. Völlig ahnungslos ging ich in den kleinen Kiosk und als mich der freundliche Mann fragte, was ich wolle, antwortete ich wie aus der Pistole geschossen: „Eine Schachtel Stuyvesant.“ Die Dinger waren weder filterlos, noch schmeckten sie mir, doch innerhalb weniger Tage in einer Stadt mit riesigen Plakatwerbungen war ich auf die Reklame hereingefallen.
Volleyball

Natürlich habe ich meiner Familie und Freunden immer Geschenke aus Frankfurt oder von Olympia mitgebracht. Auf einer meiner letzten Reisen kaufte ich beispielsweise in der Innenstadt der Mainmetropole vom ersparten Tagesgeld einen weißen Doppelkassetten-Rekorder für Jenny, Juttas Tochter, zur Jugendweihe. Der kostete immerhin 99,- DM und ich fragte die Kassiererin besorgt: „Können wir den nicht wenigstens mal kurz ausprobieren?“ Sie schaute mich verwundert an und antwortete: „Wenn der nicht funktioniert, kommen Sie einfach wieder und wir tauschen ihn um!“ Die Verkäuferin ahnte ja nicht, dass ich erst zur Buchmesse im kommenden Jahr reklamieren könnte.

Im Prinzip schon. In einem Jahr hielt der Zug jedoch, aus Frankfurt kommend, für 40 Minuten am Bahnhof Zoo in Westberlin und da sich ein Kollege ein bisschen auskannte, stiegen wir einfach aus und fuhren mit der S-Bahn zur Friedrichstraße. Der dortige Zöllner fragte uns streng: „Wo kommen sie denn her?“ Wir hatten natürlich reichlich Gepäck und antworteten arglos: „Von der Frankfurter Buchmesse.“ Er plusterte sich jetzt regelrecht auf: „Aber der Zug ist doch noch gar nicht da!“ Wir erklärten ihm, dass wir im Bahnhof Zoologischer Garten nicht 40 Minuten warten wollten, doch er belehrte uns nur: „Für einen Aufenthalt in Westberlin hatten sie keine Genehmigung!“
Kopfschüttelnd wurden wir doppelt und dreifach gefilzt und mussten uns anhören, dass es auch eine Mitteilung an die zuständigen Organe geben würde. Wir waren tagelang unbehelligt durch Frankfurt am Main gelaufen und durften in Westberlin nicht einmal den Bahnsteig wechseln, um früher in unser geliebtes Heimatland zu gelangen? Diese Dummheit ärgerte mich. Leider gab es Tausende solcher Leute in der DDR und die wurden zudem auch noch richtig gut bezahlt!

Kampfreserve
Bei der ersten Armeespartakiade in Leipzig war ich als Leiter des Pressezentrums bestellt. Mit meinem Ausweis hatte ich überall ungehinderten Zutritt und einige Kollegen, die oftmals vor verschlossenen Türen standen, beschwerten sich: „Du hast es leicht, du kommst ja überall hinein!“ Daher wollte ich ihnen beweisen, dass ich mir auch ohne „wichtige Papiere“ Zugang verschaffen könne.
Vor den Eingängen des Stadions standen überall zwei NVA-Soldaten (Nationale Volksarmee) in braun-rot-gelben Trainingsanzügen. Ich packte meinen Ausweis weg und sagte den drei Journalisten, dass sie mal zuschauen sollen. Forschen Schrittes lief ich zu den Bewachern und rief: „Passt mal genau auf, dass in dieses Tor in den nächsten zwei Stunden niemand mehr hineingelassen wird!“ Die beiden nickten, brüllten „Jawohl“ und ließen mich einfach passieren. In ihren Augen musste ich ein General gewesen sein, denn sonst hätte ich ihnen ja keinen Auftrag erteilen können.

Sportverlag DHfK
Fußball war nie meine Sportart gewesen. Nicht, dass er mich nicht interessierte. Es gab einfach bessere und kompetentere Journalisten, die darüber leidenschaftlicher berichten konnten. Im März 1984 war ich dennoch zusammen mit Klaus Schlegel, dem Chefredakteur der FuWo (Fußballwoche), nach Hannover zum Länderspiel gefahren. Es spielte die BRD in einem Testmatch gegen die Sowjetunion und wir sahen ein ordentliches 2-1 der Westdeutschen mit Toren von Litowschenkow, Brehme und Völler. Nach Spielende sagte mir mein Kollege, dass er ganz gerne noch ein Interview mit dem sowjetischen Trainer machen wolle. Doch der war längst in den Räumen einer VIP-Party abgetaucht. Vor dem Eingang standen etliche muskulöse Bewacher und unzählige junge Frauen drängelten sich davor, um ein Autogramm ihrer Helden zu ergattern. Ich lief zum vermeintlichen Boss der Aufpasser, tippte ihn an und rief: „Ihr müsst die Mädels hier mal wegschicken. Wenn man da drin sitzt, sieht das so blöde aus.“ Er schaute mich mit Augen an, die zu sagen schienen: „Okay, der muss hier etwas zu melden haben“, und winkte Klaus und mich durch. Dann kümmerte er sich um den Auftrag, den ich ihm erteilt hatte. Die Autogramm-Jägerinnen wurden verjagt.
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Zum Weiterlesen: Alles ganz simpel

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