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Auf Tante Käthe

30. November 2014 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Blog

FreiheitIn einer unglaublich kurzen Zeit hatten wir ausgerechnet dem Erzfeind etwas ganz Wichtiges beigebracht. Ich sehe nur in glückliche, freudestrahlende Gesichter. Allein dafür haben sich die Strapazen gelohnt!

Der „Camino Inka“ ist die Gesamtheit der angelegten Straßen und Wege, welche die Inka in ihrer Herrschaftszeit in Südamerika errichtet hatten. Das bekannteste Teilstück und zugleich Südamerikas berühmteste Wanderung befindet sich in Peru.
Von Cusco mit dem Zug kommend, ist der „Inka Trail“ zwischen Kilometer 88 und der Ruinenstadt Machu Picchu eine 4-Tagestour für wagemutige Entdecker; zwischen Kilometer 104 und dem „Alten Gipfel“, etwas für Leute mit weniger Zeit und Ausdauer. Alle Weicheier fahren mit dem Zug bis zur Endstation.
Melli und Doro hatten uns noch in der Heimat erzählt, dass dieser Weg das absolute Highlight ihre Südamerikatour gewesen war. Atemberaubende Pässe, spektakuläre Blicke auf die schneebedeckten Berge und Schluchten, umgeben vom satten Grün des tropischen Regenwaldes. Ein einmaliges, wenn auch sehr anstrengendes Erlebnis, auf Höhen von bis zu 4200 Metern. Das Bild, das die kleine Doro vom vierten Tag gezeichnet hatte, werde ich nie vergessen. Als sie die letzte steinige Anhöhe überquert hatten, sämtliche Knochen des Körpers und die vielen Blasen an den Füßen schmerzten, tauchte plötzlich, im Nebel verhangen, diese verwunschene Inkastadt am Horizont auf. Sie hatte sich hinsetzen müssen und minutenlang geweint. Vor Freude, Erleichterung und vor Glück.
2000 Peru Machu ich

Unsere Truppe gehört – obwohl sie den Weg ursprünglich mal eben kurz abspazieren wollte – zur Kategorie der „feinen Herren“, die gemütlich bis an den Fuß der Ruinenstadt gondelt, sich bei Kilometer 106 das erste Fahrtbier aufmacht und „Auf Tante Käthe“ brüllt. Rudi Völler hatte vor einigen Wochen Erich Ribbeck – diese Oberpfeife – als Teamchef abgelöst. Ein Tal der Tragödien ist durchwandert.
Gut gelaunt erreichen wir den Souvenirladen-Ort Aquas Calientes und ohne Blessuren checken wir im „Gringo Bill´s“ am Fuße des Tränen auslösenden Bauwerks ein. Göte, Jenna und Matze sitzen auf der großzügigen Terrasse und prosten den umliegenden Eumeln zu. Mit zwei Herrenhandtaschen „Cerveza Cusqueña“ geselle ich mich dazu und mache den Jungs klar, dass ich morgen die restlichen 1,5 Kilometer nach Machu Picchu bergauf laufen möchte, um wenigstens einen kleinen magischen Moment zu erleben. „Warum nicht Scheppert, aber gib mir erstmal ’ne neue Suppe rüber“, antwortet Göte in seinem typischen Meckerton.
Gegen Mittag beginnen wir mit dem Aufstieg. Es ist heute ungewöhnlich heiß für die Jahreszeit – bei maximaler Luftfeuchtigkeit – sodass wir nach gefühlten zwölf Metern durchgeschwitzt sind. Da ich den Reiseführer etwas genauer studiert habe, erzähle ich den anderen lieber nicht, dass nun noch etwa 600 Höhenmeter auf uns warten. Doch noch ist die Stimmung gut und wir haben vier Bier dabei. An einem kleinen Fluss, nach 74 gelaufenen Metern, ist es fast alle. „Auf Tante Käthe“, rufen wir und lassen die Flaschen ein letztes Mal gegeneinander scheppern.
Schnell pendelt sich auf dem engen, serpentinenartigen Weg eine Reihenfolge ein, die in etwa unserem Zigarettenkonsum entspricht. Matze an der Spitze, dicht gefolgt von mir, dann kommt Göte und schon bald entschwindet Jenna aus unserem Sichtfeld, der selbst zu diesem Kurzausflug – zur Sicherheit – zwei Schachteln rote Marlboro mitgenommen hatte. Der steile Aufstieg wird schnell zur Qual und selbst ich bereue schon nach kürzester Zeit, dass wir uns nicht mit einem der schicken Busse hoch chauffieren lassen haben. Nur wenn man gelegentlich die asphaltierte Straße kreuzt, die sich hier parallel hoch schlängelt, wird es ein bisschen flacher. Die engen Jeans kleben am Körper und Schweiß läuft eimerweise in meine Doc Martens.
Bier Aufstieg
Ich finde eine Astgabel am Wegesrand und nutze sie als Wanderstock. Mittlerweile sehe ich weder vor noch hinter mir einen meiner Freunde und überlege kurz, ob man nicht vielleicht doch aus den kleinen braunen Pfützen, Wasser trinken könne. Obwohl ich wahrscheinlich gerade einmal die Hälfte der Strecke zurückgelegt habe, hoffe ich vor jeder Biegung sehnsüchtig, dass dieses sagenumwobene Machu Picchu endlich vor mir erscheint. Warum in aller Welt haben sich die Inkas bloß hier oben angesiedelt? Erschöpft lasse ich mich auf einem Stein nieder und nehme den Kopf zwischen die Hände. Ich kann nicht mehr und bräuchte Wasser.
Plötzlich höre ich oberhalb des Weges lautes Geschrei. Es ist Englisch, ich verstehe irgendwas von „Stopp“ und „Dieb“ und sehe, wie jemand im Affenzahn auf mich zu gerast kommt. Ich versuche aufzustehen, indem ich meinen Krückstock nach vorne in den Boden ramme, um mich daran hoch zu ziehen, als genau in diesem Moment, jemand über meine Astgabel segelt. „Oh sorry“, rufe ich ernsthaft bestürzt und sehe, wie sich ein etwa 10jähriger Junge in zwölf Metern Entfernung wieder aufrappelt. Ängstlich schaut er mich mit schwarzen Knopfaugen an, scheint kurz etwas zu überlegen und spurtet dann im Höllentempo weiter den Berg hinab. Als ich mich noch über die komische Szene wundere, kommt jemand deutlich langsamer den Pfad hinunter gelaufen. Der dickliche, europäische Typ schwitzt, als habe er gerade einen Marathon hinter sich. Atemlos fragt er: “Did you see the guy with the handbag?”
Irritiert schaue ich ihn an. Den Jungen ja, aber was für eine Handtasche? Doch scheinbar gleichzeitig sehen wir etwas an einem Baumstamm liegen, was dort augenscheinlich nicht hingehört. Wir laufen hinunter und tatsächlich, dort liegt eine alte, rosafarbene Henkel-Handtasche, wie sie vielleicht in den 70igern modern gewesen war. Bedeutungsschwer nickt er mir zu und gratuliert zur vermeintlichen Mithilfe. Ich verstehe noch immer nur Bahnhof, während er, umständlich das speckige Ding aus Kunstleder öffnet. Sichtlich enttäuscht schaut er mich an und holt eine Fünf-Dollar-Note heraus. Trotz weiteren Kramens und Schüttelns – mehr scheint da nicht drin zu sein. Interesse heuchelnd frage ich ihn, was eigentlich passiert wäre. Er erklärt mir, dass er sofort, als ihm der kleine Junge entgegen gerannt kam, bemerkt hatte, dass diese auffallend pinke Damenhandtasche nicht zu seinem jetzigen Besitzer gehören könne und war ihm hinterher gerannt. Er scheint zu erwarten, dass ich ihn nun in den höchsten Tönen für seine britische Spürnase loben werde, doch ich frage nur: „Do you have water?“
2000 Peru ich Machu

In großen Zügen trinke ich das beste lauwarme Wasser meines bisherigen Lebens. Er packt die Tasche in seinen Rucksack und gemeinsam laufen wir dem Gipfel entgegen. Gary aus Sheffield reist allein. Er erzählt mir von seiner Heimatstadt, seinem Job als Lehrer und seinem Lieblingsverein „Sheffield Wednesday“. Er verwendet dabei ziemlich oft das Wort „Fuck“ – nicht nur weil sein Club diese Saison gerade abgestiegen war.

Es gibt eigentlich nur noch wenige Situationen, die mich daran erinnern, dass ich in der DDR geboren wurde. Dies ist eine davon. Ich kann bis heute nicht verstehen, warum zwischen Engländern und Deutschen eine derartige Fußball-Feindschaft existiert. Auf fast all meinen Reisen nach dem Mauerfall hatte ich äußerst humorvolle Menschen von der Insel kennen gelernt und mich oft darüber geärgert, dass diese mir immer mit großer Skepsis entgegen getreten waren. Über Generationen hatten sich Vorurteile und Klischees in den Köpfen beider Seiten zementiert. Doch schon längst beteilige auch ich mich an Diskussionen über das „Wembleytor“ und erwähne gerne mal tragische Partien der englischen Fußballhistorie. Ich bin ein kleines Rädchen in diesem Getriebe geworden. Dennoch, ich mag den Typen sofort und erzähle ihm, dass ich 1995 einmal bei Everton gegen Sheffield gewesen war.

Die Zeit vergeht wie im Flug und so bemerke ich gar nicht, dass sich der Wald schon erheblich gelichtet hatte. Hinter uns öffnet sich eine grandiose Landschaft, mit einem Blick auf tiefe, bewaldete Täler und, vom Nebel umschlungene, mystische Berggipfel. Ich beginne die Inkas langsam zu verstehen – es ist ein Bild für Götter.
Wir erreichen eine fünf Meter hohe Mauer aus massiven, quaderförmigen Steinen. „Alles Scheiße, Scheppi“, ruft uns jemand von oben zu. Als wir bei Matze angelangt sind, befinden wir uns auf einem Parkplatz mit vielen Imbiss- und Getränkeständen, zig Souvenirläden und fliegenden Händlern. Von Machu Picchu noch immer keine Spur, denn vor uns liegt ein wahrscheinlich letzter Anstieg, der uns den Blick auf die terrassenförmig angelegte Ruine mit seinem markanten Hügel versperrt. Das Ziel unserer Wanderung sollte doch die Magie des Augenblicks sein, wenn wir die verwunschene Inkastadt nach den Qualen zum ersten Mal erblicken. Doch es ist rein gar nichts zu sehen. Dafür beginnt es leicht zu tröpfeln.
Günna icke Cusco
Das erste gemeinsame Bier schmeckt trotzdem fantastisch. Wir trinken es gierig in einem Zug. „Ach so. Auf Tante Käthe“, ruft Matze. Als Göte dazu stößt, lachen wir über sein fleckiges Gesicht. Außerdem blutet er aus beiden Nasenlöchern. „Schöne Scheißidee, Scheppert“, meckert er. Allmählich öffnet der Himmel seine Schleusen und ein Straßenhändler braucht uns nicht lange zu bitten, dass wir ihm Regenjacken abkaufen. Die Dinger sehen zwar aus wie übergroße Müllbeutel doch sie erfüllen ihren Zweck und kosten nur einen Dollar. Erst als Gary ein Foto von seinen deutschen Begleitern machen will, fällt uns auf, dass wir einen schwarzen, einen roten, und einen gelben Plastik-Müllsack erstanden haben. Wir stellen uns in der richtigen, schwarz-rot-goldenen Reihenfolge auf die Mauer, recken unser Bier in die Höhe und rufen „Auf Tante Käthe.“ Göte hat mittlerweile zwei Tempos in den Nasenlöchern. Gary drückt ab. Ein Bild für Götter!
Schwarz-rot-gold
In diesem Moment geschehen viele Dinge gleichzeitig. Jenna kommt völlig durchnässt den Berg hoch gehechelt. Er ist kalkweiß und ruft kopfschüttelnd: „Was für eine Dreckskacke, Scheppert!“ Dadurch bemerken wir gar nicht, dass hinter uns mehrere Menschen auf uns zustürmen. Es sind zwei peruanische Polizisten, ein kleiner Junge und eine etwa 60jährige aufgebrezelte Dame. Natürlich ist allen sofort klar, dass sie gekommen sind, weil wir hier so herum krakeelen. Doch der Knirps zeigt, böse blickend, nur auf mich. Die Oma in dem geblümten Kostümchen rennt sofort auf mich zu und schreit: „Where is the handbag?“ Ich schiebe sie vorsichtig von mir weg, schaue in die dunklen Augen des kleinen Kerls und erkenne ihn. Es ist der Dieb, dem ich – wenn auch unabsichtlich – die Beine gestellt hatte. Trotzdem begreife ich gar nichts. Doch Gary hat das gute rosafarbene Stück bereits in der Hand und beginnt der aufgeregten Amerikanerin zu erklären, was geschehen war. Wutschnaubend hört sie ihm zu und erklärt dann ihre Version. Beim Hinunterfahren mit dem Bus von Machu Picchu gibt es ein vermeintlich lustiges Spiel zwischen Touristen und der heimischen Dorfjugend. In die alte Handtasche des jeweiligen Jungen werden 5 Dollar gepackt und wenn dieser zu Fuß – also rennend – eher im Tal ist, als der Bus, bekäme er zur Belohnung das Doppelte der Summe gezahlt. Meist ist es so, dass die kleinen Flitzer – ähnlich, wie bei der Hase und Igel Geschichte – immer dann, wenn die Serpentinenstraße den kleinen Dschungelweg kreuzt, schon da wären und kurz dem Bus zuwinkten, bevor sie weitersprinteten. Wir hätten also nicht nur den armen Kerl bestohlen, sondern auch eine Rentnertruppe aus den USA um ein einmaliges Vergnügen gebracht. Die beiden Polizisten starren uns bedrohlich an.
Vor ihnen steht ein leicht angetrunkener Engländer mit einer pinken Henkel-Handtasche im Arm, ein klitschnasser, hustend rauchender Jenna und drei weitere Deutsche in schwarz-rot-goldenen Müllsäcken, wovon einer zwei Papierpfropfen in der Nase hat. Letztendlich einigen wir uns nach 45 quälenden Minuten darauf, dass wir allen 10 Dollar geben. Dem Jungen als Entschädigung, der alten Dame für den Linienbus nach unten und den Bullen, damit sie nicht mehr so fies gucken.
2000 Peru Machu Jenna
Als wir das wichtigste Touristenziel Südamerikas und die weltweit bedeutendste Ruinenstadt der Inkas betreten, ist es schon sehr spät. Wir schlendern nur durch einen winzigen Teil der riesigen Anlage, bevor wir schon wieder den Rückweg zum Ausgang antreten müssen.
Waren wir bescheuert oder was? Wegen zu späten Aufstehens und gewisser Unfitness, aber vor allem wegen einer abgewetzten Kunstleder-Handtasche war ich in meinem Leben bisher nur 30 Minuten im eigentlichen „Machu Picchu“ – einem der sieben Weltwunder der Neuzeit – gewesen. In dieser kurzen Zeit hatten wir einem Engländer, namens Gary, jedoch etwas ganz Wichtiges beigebracht. Beim Absackerbier auf dem Parkplatz brüllt er fast akzentfrei: „Auf Tante Käthe!“
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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika

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Ostdeutsches Aschenputtel – Kindheit in der DDR

28. November 2014 | von | Kategorie: Blog, Mauergewinner Leseproben

OLYMPUS DIGITAL CAMERABis heute weiß ich, was ich an dieser DDR nicht mochte, was ich zutiefst verabscheute und warum ich froh bin, nicht mehr in diesem Land zu leben. Leute in meinem Alter mit ostdeutschem Migrationshintergrund fürchten sich immer noch vor solchen – oft unausgesprochenen – Drohungen: „Wenn du dies nicht machst, wirst du aber jenes nicht erreichen.“ Oder: „Falls du hierbei erwischt wirst, kannst du dir dies ein Leben lang abschminken.“, „Wenn du hier nicht eintrittst oder unterschreibst, ist die Karriere leider beendet.“
In den Firmen, in denen ich nach der Wende gearbeitet habe, waren komischerweise fast immer die Leute aus Westdeutschland die größten Anpasser, Intriganten und Petzen beim Chef. Und das, wo doch gerade diese Leute immer geargwöhnt hatten, dass sich im Osten so gut wie alle gegenseitig ausgehorcht hätten. Jeder anständige Ostdeutsche lässt seinen Arbeitgeber heute sofort angewidert abblitzen, wenn er für die Firma spitzeln oder Kollegen verpfeifen soll. Die meisten Ossis haben etwas aus ihrer Geschichte gelernt und lassen sich nicht mehr erpressen oder unter Druck setzen. Die „Stasi West“ regiert die Büroflure des 20. Jahrhunderts, könnte man augenzwinkernd meinen.
Wenn man nicht straffällig wird, ist es heute allerdings kaum mehr möglich, dass man sich seine gesamte Karriere und seinen weiteren Lebensweg ernsthaft und irreparabel versaut. Den Job könnte man jederzeit wechseln. Fragen zum politischen Background, zur Religion und zu persönlichen Ansichten sind in Einstellungsgesprächen sogar verboten. Wir müssen in keine Organisationen eintreten, um einen Studienplatz zu bekommen oder um Abteilungsleiter zu werden. Selbst wenn man bei einer Prüfung dreimal durchfällt, bekommt man in diesem Land irgendwann eine neue Chance. In der DDR hatte man, anders als beim Mensch-ärgere-dich-nicht-Spielen, meistens nur ein Leben.

Nach der zweiten Unterrichtsstunde wurden wir Kinder jeden Tag in den Milchkeller geschickt. Die Küchenfrauen mit ihren bunten Kittelschürzen hatten dort die Milchkübel aufgestellt. In jedem befand sich eine exakt abgezählte Anzahl Milchtüten in dreieckigen Pappkartons und außen war mit weißer Kreide die jeweilige Klasse draufgeschrieben. Ich mochte den Geruch der vergorenen Milch nicht, der dort unten in den gefliesten Räumen hing.
Jedes Kind musste zu Beginn des Schuljahres angeben, ob es Vollmilch, Vanille-, Erdbeer- oder Schokomilch trinken wollte. Ich weiß nicht, ob es diese recht große Auswahl wieder einmal nur in Berlin gab – jedenfalls war Kakao am teuersten und weiße Vollmilch am unbeliebtesten. So ein „Milchmonat“ kostete unsere Eltern zwischen vier und sieben Mark und meistens bezahlte man die zusammen mit dem Mittagessensgeld.
Irgendwann schenkte man sich die uncoole Milchpause, und spätestens ab der 7. Klasse steckte man sich auch das Geld für das Mittagessen in die eigene Tasche. Zu Hause erzählte man in jedem Jahr, dass „die Schweine“ schon wieder das Essensgeld erhöht hätten, und meine Eltern gaben mir bereitwillig monatlich die erlogenen 15,50 – eine willkommene Erhöhung des Taschengeldes. Mein Vater wunderte sich nicht über die verhältnismäßig teuren Preise und Mutter war froh, dass ich nicht am heimischen Gasherd herumhantierte sondern vollwertige Schulkost aß. Meistens klauten wir uns nun unsere Essensrationen in der Halle an der Höchste Straße.
Im Sommer nahmen wir den kleineren Kindern, die beim Schweinebammeln an der Klopfstange hingen auch schon mal die Milch weg – ausschließlich Schoko. In den Pausen lungerten wir rauchend in der Ecke an der hinteren Front unseres Schulgebäudes. Auf dieser Seite gab es keine Fenster für spionierende Lehrer und gleichzeitig standen wir hier unmittelbar an der Grenze zum Schulhof der verfeindeten Rosa-Luxemburg-Oberschule. Die Vormachtstellungen änderten sich jedes Jahr, aber es war immer die älteste Stufe einer der beiden Schulen, also jeweils die 10. Klasse, welche die aktuelle Macht hatte. Wir waren gerade in der 9. und wussten, dass wir ab dem nächsten Jahr die herrschenden Könige der Höfe sein würden. Die Jungs aus der 9. der Rosa in unserem Alter, aber eigentlich auch die beiden momentanen 10., waren die größten Pfeifen – unsere Zeit würde bald kommen.
Urkunde vorbildlich
Plötzlich flogen faule Äpfel in unsere Raucherecke. Sie kamen vom gegenüberliegenden Grundstück. Ein engmaschiger Zaun war die unüberwindbare Grenze zwischen den Schulen, denn zum einen war er fast drei Meter hoch und außerdem gab es auf beiden Höfen Lehrer, die Aufsicht schoben. Astrid schrie laut auf, als sie von einem Apfel genau in den Bauch getroffen wurde. Wir hatten da ein Problem mit der Rosa.
Ohne groß zu überlegen, rannten Tessi und ich in unseren Milchkeller und nahmen uns jeder einen dieser stinkenden, grünen, sechseckigen Kübel. Auf meinem stand mit Kreide: Klasse 2a. Aus unserer Ecke wurden wir lautstark angefeuert, als wir begannen, mit den Milchkartons in Richtung Nachbarhof zu schmeißen. Tessi konnte weiter werfen als ich, dafür brillierte ich als respektabler Schütze beim Zielen auf Personen in näherer Reichweite. Wir waren richtig gut und setzen fünf Volltreffer. Vor drei kreischenden Mädchen zerklatschten die Pappkartons in einer riesigen Fontäne. Bei zwei jüngeren Schülern bekamen wir die Milch sogar am Körper zum Platzen. Schoko: eine Riesensauerei. Beifallsbekundungen und Jubel begleiteten unsere Würfe aus der Raucherecke. Thomas und Torte rannten in unsere Richtung und riefen: „Scheppi, lass uns noch was übrig“. Doch plötzlich bremsten sie ab und ich merkte, wie mich jemand von hinten mit festem Griff in den Schwitzkasten nahm. Das Blut schoss mir in die Schläfen und ich konnte plötzlich kaum noch atmen.
Scheiße, die Rosa hatte uns doch angegriffen, ging es mir kurz durch den Kopf. Aber nein: Mein vor Wut schäumender Sportlehrer, Herr Pinka, schleifte mich in dieser misslichen Haltung quer über den Schulhof ins Zimmer der Direktorin – zur Fehlerdiskussion.
Frau Seifert sagte zunächst nur: „Scheppert und Tesselitz, Sie erhalten einen Tadel!“, bevor sie inhaltlich mehr in die Tiefe ging. Mit immer noch feurigem Kopf mussten wir uns einen fünfzehnminütigen Vortrag über hungernde Kinder in Angola und Mosambik anhören. Viele dieser armen Kreaturen hätten noch nie im Leben echte Milch gesehen, sagte sie, und vieles mehr. Wir schauten kurz einer zum anderen hinüber und lächelten uns unmerklich an. Der abschließende Satz haute mich jedoch nach hinten um: „Ihre Abitur-Bewerbung, Jugendfreund Scheppert, können Sie sich ja wohl erst einmal abschminken.“
Das konnte sie doch nicht ernst meinen! Ich habe zwei linke Hände, möchte und darf nicht in die sozialistische Produktion. Was soll aus mir werden? Das geht einfach nicht!
Plötzlich sah ich mein Schicksal ganz deutlich vor mir. In einer dreijährigen Ausbildungszeit würden sie mich zum staatlich geprüften Milchfahrer des VEB-Getränkekombinates Berlin schulen, der täglich früh um vier aufzustehen hatte, damit unsere kleinen ABC-Schützen und Frösi-Kinder alle am Morgen ihre Milch im Schulkeller vorfanden. Mein Leben stand auf dem Spiel und ich hatte nur eins.
In der DDR gab es pro Klasse und Schule nur wenige nach einer gewissen Quote zu verteilende Abiturplätze. In meiner Klasse waren es genau drei. Zwei waren schon so gut wie vergeben. Sabine hatte – natürlich außer in Sport – alles Einsen, war also nicht zu schlagen, und Lars hatte sich für 25 Jahre bei der Nationalen Volksarmee als Offizier verpflichtet. Mit dem Halbjahreszeugnis der 9. musste ich somit alle anderen 23 Schüler aus meiner Klasse hinter mir lassen, um überhaupt eine Chance zu haben. Trotz oder wegen der Milchtütenwürfe stellte ich mich in diesem Schuljahr erfolgreich zur Wahl des FDJ-Sekretärs, schrieb erstklassige agitatorische und solidarische Artikel für unsere Wandzeitung, erklärte mündlich, dass ich auf jeden Fall für drei Jahre meinen Dienst bei der NVA machen würde, und hatte vor dem entscheidenden Zeugnis tatsächlich fast überall Einsen – auch in Sport. Notendurchschnitt: 1,3!
Als Frau Seifert auf der Lehrerkonferenz kund tat, dass ich für die 11. Klasse der Friedrich-Engels-EOS (Erweiterte Oberschule) vorgesehen war, konnte ich mein Glück nicht fassen, auch wenn sie im Nebensatz erwähnte: „Noch ein winzig kleiner Ausrutscher und der Abiturplatz ist trotzdem weg.“ Meine Freunde Torte, Bommel und Tessi, ausgewiesene Spezialisten in Sport, Mathe oder Zeichnen, aber eben nur mit einem Zweier-Zensurenschnitt, hatten gegen mich keine Chance gehabt. Für sie hieß es: ab in die sozialistische Produktion!
5 Rosa Luxemburg POS

Ich war ein schlaues Kind. Erst im Zeugnis der dritten Klasse hatte ich meine allererste Zwei und Mutter erzählt noch heute, dass ich deswegen zwei Tage lang geheult hätte. Das mit dem Ehrgeiz ließ ein bisschen nach und als das Fach „Schönschrift“, durch „Werken“ und „Schulgarten“ abgelöst wurde, wurde sowieso nichts mehr aus dem perfekten Zeugnis, durchgängig mit der Note Eins. Ich war eindeutig zu blöd dazu, Schraubstock, Feile oder Harke liebevoll zu bedienen. Ab der 7. Klasse gab es dann plötzlich die Fächer ESP – Einführung in die Sozialistische Produktion, TZ – Technisches Zeichnen und PA – Produktive Arbeit.
Den theoretischen ESP-Teil konnte ich natürlich ganz gut bewältigen, obwohl mir bis heute nicht klar ist, wie Lochstreifen und die Planwirtschaft funktionieren, weder einzeln noch zusammen. Technisches Zeichnen ging auch irgendwie, aber das Problemkind war PA – für den Mann mit den zwei linken, feingliedrigen Händen.
Im volkseigenen Betrieb in Rummelsburg gegenüber vom Knast sollten wir Wäscheständer herstellen, die ich im fertigen Zustand noch nie zuvor in der DDR gesehen hatte. Damit ich wenigstens eine Zwei bekam, schlug ich meinem Meister vor, dass ich die vier Stunden jeden Mittwoch auch gerne damit zubrächte, diverse Schrauben und Muttern zu sortieren. Die handlichen Exportschlager wurden somit alle ordnungsgemäß montiert und ich, das ostdeutsche Aschenputtel, hatte auch einen Beitrag zum Bruttosozialprodukt geleistet.
Die Verlagerung unserer produktiven Arbeitsstätte in der 10. Klasse ging einher mit dem Wechsel unserer Stammkneipe in das Hochhausrestaurant „Gutenbergstube“. Beide befanden sich nun am Ostbahnhof, und unser Motto hieß: „Vor der Arbeit das Vergnügen!“
Wir trafen uns also am Mittwochmittag an unserer so genannten „Tränke“ und fast alle Jungs versuchten, ihren Rekord im Saufen eines halben Liters Berliner Pils zu toppen. Unser Weltrekord lag bei unglaublichen handgestoppten 3,5 Sekunden – nach drei, vier Versuchen gingen wir arbeiten.
Man hatte mich an eine Maschine eingeteilt, an der ich per Dampfdruck permanent, also vier Stunden lang, kleine metallene Ringe ausstanzen sollte. Das konnte selbst ich tollpatschiger Vollidiot ganz gut bewältigen – sollte man meinen. Der feine zukünftige Abiturient hatte in seinem betrunkenen Zustand leider vergessen, die wichtige Unterlegscheibe auf die Arbeitsfläche der Werkbank zu legen. Ich stanzte also grinsend im Akkord und lauschte der Musik aus dem Kofferradio. Doch plötzlich gab es einen gewaltigen, funkenden Knall, und direkt vor meinen Augen flog irgendetwas durch die Montagehalle. Ich duckte mich und wenig später kam die große Maschine mit der stolzen Aufschrift „Made in GDR“ zum Stillstand.
In meiner Abteilung hatte ich für diesen Nachmittag die komplette Produktion lahm gelegt. Ein Teil des herumfliegenden Bohrkopfes hatte sich in den jetzt stark blutenden Oberarm eines fluchenden VEB-Mitarbeiters gebohrt und das gesamte Kollektiv stand besorgt um ihn herum und starrte mich grimmig an. Ich entschuldigte mich kleinlaut. Auch beim Vorgesetzten Herrn Meier, der mich minutenlang anschrie, ob ich eine Ahnung davon hätte, wie viel diese Maschine gekostet hätte und ob mutwillige Zerstörung von Volkseigentum heutzutage an unseren Schulen gelehrt würde. Zu allem Überfluss hatte die dicke Kollegin in der blauen Schürze, die mich eingearbeitet hatte, gepetzt, dass ich irgendwie nach Alkohol roch.
Mir wurde schwindelig: „Unter alkoholischem Einfluss eine 30.000 Mark teure volkseigene Maschine mutwillig zerstört und dabei Mitarbeiter Hufschmidt lebensgefährlich verletzt“, las ich bereits in Gedanken in Meiers Bericht. Meine mir bereits zugesicherte Abiturzulassung könnte ich mir bei so einer Geschichte komplett abschminken. Als Herr Meier mich nach meinem Namen fragte, stellte ich mir bereits ein Leben als Werkzeugmacher, Dreher oder Melker vor. „Ihren Namen möchte ich wissen!“, schrie er ein zweites Mal. „Uwe Bommler“, antwortete ich vollkommen spontan. Meier war an diesem Tag zum allerersten Mal Oberaufseher, er kannte meinen Namen nicht und schrieb den von mir genannten in seinen Bericht an meine Schule.
Ich wurde rausgeschmissen und wartete über zwei Stunden vor dem Werkstor auf meine Freunde Tessi, Torte und Bommel. Mit zittriger Stimme erzählte ich ihnen, was geschehen war, und schaute vor allem ängstlich ins Gesicht des kleinen Bommel – des wahren Uwe Bommler, dessen Namen ich mir kurzerhand ausgeliehen hatte. Schon auf dem Nachhauswege klopfte er mir ermunternd auf die Schulter: „Mensch, mach dir mal keene Sorgen Scheppi, ick hab meine Stelle bei NARVA doch sicher. Dort will ja eh keener hin.“

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Eine halbe Stunde später saßen wir im Alfclub. Bommel prostete mir mit einem Bier zu. Ich lehnte mich zurück und dachte, was für fantastische Freunde ich doch im Leben gefunden hatte.
Uwe Bommler alias Bommel wurde am nächsten Tag zur Direktorin gerufen. Ohne groß zu diskutieren, verurteilte Frau Seifert seine Tat und gab ihm den ihm zustehenden Tadel. Was er sich denn dabei gedacht hätte, wo er doch Werkzeugmacher werden wollte? Er entschuldigte sich brav und erwähnte mich mit keinem Wort. Er wusste, dass er mir damit den Abiturplatz gerettet hatte und ich ahnte zum ersten Mal, dass wir ein Land mit Menschen voller Edelmut waren. Es gab scheinbar mehr Leute, die sich schützend vor einen stellten als jene, die einen verpfiffen. Und das, obwohl alle nur dieses eine Leben hatten.

Für mich begann nun also ein privilegierter Zeitabschnitt: meine Zeit in der Erweiterten Oberschule bis zur 12. Klasse. Am 4. September 1988 stand ich vor meiner allerersten Unterrichtsstunde in der Friedrich-Engels-EOS beim Fahnenappell. Ich schaute mich um und studierte die vielen neuen Gesichter. Ich musste an Pinkas Schwitzkasten und Frau Seiferts Drohungen denken und hätte ihnen gerne zugerufen: „Hey, ich habe es doch geschafft!“ Der Direktor rief zu einer Schweigeminute für einen in den Ferien verstorbenen Mathelehrer auf und den älteren Jungs aus der 12. ging das komischerweise sehr nahe. In meiner alten Schule hatte ich bis auf die junge Frau Wagenbach überhaupt keinen Lehrer gemocht – und hier liebten sie ausgerechnet den für Mathe. War ich wirklich in einer anderen Welt gelandet? Ich war gespannt, was hier noch alles auf mich zukommen würde, und nahm mir vor, Bommel noch mal einen auszugeben. Uwe Bommler, der vor einer Woche im Berliner Glühlampenwerk, VEB NARVA „Rosa Luxemburg“, als Werkzeugmacher angefangen hatte.

Zum Weiterlesen: Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens

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Dreamworld Australia – Koalaland

16. November 2014 | von | Kategorie: Blog, Koalaland

IMG_3478Keine Ahnung, wie oft wir ihn schon imaginär gesehen haben: in Fotobüchern und Hochglanzmagazinen, auf Postkarten, riesigen Postern oder im TV. Doch wenn man ihn das erste Mal erblickt, fühlt man sich trotzdem unvorbereitet. Kein einziges Bild wird diesem Anblick gerecht. Nach einer Kurve, hinter einem kaum wahrnehmbaren Hügel, verharren wir in nahezu hündischem Staunen. Der magische Berg erscheint kaminrot am Horizont. Er ist jetzt das höchstaufragende Ding auf der ganzen Welt! Wir hatten mehrere Ozeane und Kontinente überflogen, um nach Australien zu gelangen, waren tagelang durch eine ungezähmte Einöde ins rote Zentrum des Landes gefahren, nur um diesen einen Augenblick erleben zu dürfen. Wir sind am Ziel unserer Reise. Dass ein Lebenstraum so bewegend in Erfüllung gehen kann, hatten wir nicht erwartet.
Wir steigen aus und knipsen den „kleinen“ Uluru. Die rote „Majestät“ ist hier noch so winzig, dass wir ihn zwischen Daumen und Zeigefinger nehmen können und aus einer Linse des Glücks betrachten können. Keine Fliege der Welt kann uns nun am Verweilen hindern. Sie versuchen in Ohren, Augen, Nase, in den Hals und selbst in die Po-Ritze zu krabbeln, doch wir grinsen mit schwarz gesprenkelten Kleidern in die Kamera. Auf diesen Fotos sehen wir unfassbar glücklich aus. Bilder wie aus einem Liebesfilm, doch die Wirklichkeit schlägt die Fiktion um Längen. Der Berg ist greifbar und echt geworden.
Seine gewaltigen Ausmaße, der Uluru ist 348 Meter hoch, drei Kilometer lang und hat einen Umfang von etwa neun Kilometern, begreifen wir erst beim Näherkommen. Perplex stellen wir fest, dass er nicht oval wie ein eingebuddelter Football, sondern unförmig und an einigen Stellen fast rund ist. In der Breite misst er eben auch bis zu zwei Kilometern. Mit 30 km/h rollen wir ihm andächtig entgegen, während im CD-Player „Dreamworld“ von Midnight Oil läuft. Überall sind nun auch tiefe Furchen, Einkerbungen und Schluchten zu erkennen.
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Am Parkeingang zum Weltkultur-Naturerbe kassieren sie ordentlich ab. Sei es den Aborigines, denen das heilige Land nun wieder gehört, vergönnt. Es heißt, dass alle Traumzeitreisen dort hinführen oder enden. Wir ahnen, warum – verstehen können wir diese Kultur noch immer nicht, denn es gibt in ihr kein Gestern, Heute oder Morgen. Wir nehmen uns vor, dies auf unserer Weiterreise zu verinnerlichen.
Ein großes Schild weist darauf hin, dass die Anganu-Ureinwohner aus mythischen Gründen nicht wünschen, dass der Felsen bestiegen wird, doch aus der Ferne sehen wir einen nicht enden wollenden Strom sich bewegender Punkte. Dicke, dürre, große, kleine, junge, alte und vor allem dumme Menschen fallen wir eine Ameisenarmee über den Uluru her. Warum? Was wollen sie dort sehen? Leere, unermessliche Weite, das Ende der Welt? Nur auf der Ebene macht einen der Berg klein und vergänglich wie ein Wüstenstaubkorn. All jene, die sich über ihn erheben wollen, geben sich der Lächerlichkeit preis, denn ein Wunder bekommen sie auf dem Gipfel sicherlich nicht geschenkt. Aufgrund von Überschätzung, durch die sengende Hitze oder durch Unachtsamkeit haben zudem bereits über 30 Menschen ihr Leben am Uluru verloren.
Auch heute ist es brütend heiß – ohne ein Wölkchen am lichtblauen Himmel –, sodass wir unser eigentliches Vorhaben, den Berg zu Fuß zu umrunden, aufgeben. Außerdem haben die summenden Fliegen in den Ohrmuscheln jetzt auch ein Wort mitzureden. Wir laufen immer nur kürzere Abschnitte entlang des zerklüfteten Fels, berühren ihn kurz, um dann 200 Meter weiterzufahren. Dort wird das Ritual wiederholt, bis wir ein Mal herum sind. Leider werden auch die längst geplünderten „Sacred Places“ von einigen Touristen in schierer Respektlosigkeit abgelichtet, obwohl dies von den Anganu ausdrücklich nicht erwünscht ist.
Wir machen Fotos, die uns mit gebührendem Abstand vor dem roten Ungetüm zeigen. Einige davon zeigen uns lachend auf dem heißen Blechdach des Campers liegend. Es sind Bilder voller Glück und Harmonie, die wir sicher noch in dreißig Jahren wehmütig betrachten werden.
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Im Visitor Centre erfahren wir, welche Mythen dem Uluru von den Ureinwohnern zugeschrieben werden, doch ganz ehrlich: Mit Teppichschlangen- und Hasenkänguru-Menschen, Tannenzapfen-Echsen und Regenbogen-Schlangen können wir recht wenig anfangen. Für uns geht eine ganz andere Faszination von diesem Giganten aus. Eine Faszination, die uns für immer daran gemahnen wird, dass wir diese Reise gemeinsam unternommen haben und nun angekommen sind. Der N & M-Mythos.
Etwa 50 Kilometer weiter erreichen wir die „Kata Tjutas“. Die runden Brocken – auch „Olgas“ genannt – erinnern an im Solarium verbrannte Brüste oder rote Glatzköpfe. Die höchste Erhebung der ebenso spektakulären Massive heißt Mount Olga und wurde nach der Königin Olga von Württemberg benannt. Leider wird uns auch die Wanderung im „Valley of the Winds“ durch schwarze Wolken voller Fliegen verleidet, sodass wir bei großer Hitze und ohne spürbaren Windhauch nicht alle Aussichtspunkte erkunden können und wollen. Gegen 17.30 Uhr haben wir das Kapitel „King Uluru“ und „Queen Olga“ demnach abgeschlossen.
Auf einem eingezeichneten, hunderte Parktaschen umfassenden Betonareal stehen schon unzählige Autos und Reisebusse. Unförmige Menschen mit engmaschigen Gittern vorm Gesicht streiten sich um die besten Plätze zum Sonnenuntergang. Die mit der guten Sicht stellen Tische und Stühle vor ihre Wagen und trinken Champagner. Allen anderen wird der Blick durch Spinifexbüschel und hoch aufgeschossene Büsche verstellt. Sie müssen sich hinten anstellen oder woanders ihr Glück versuchen.
koalaland
Doch wo? Fast überall gibt es durchgezogene gelbe Linien am Straßenrand mit dem Hinweis: „No Stopping Anytime.“ Auf all das haben wir überhaupt keine Lust! Wir wollen die Farborgie alleine genießen und fahren zu der Stelle zurück, an der wir den Zauberberg das erste Mal im Miniaturformat gesehen haben. Dort finden wir, was wir suchen: einen Ort, der uns das Glück wie eine Faust in den Magen rammt. Der Uluru gehört uns hier ganz allein. Keine Volksfeststimmung – nur Nina und Micha.

Längst haben wir den Champagner (also zwei Dosenbier) aufgezischt und betrachten – auf dem Dach unseres Campers sitzend – das steinerne Chamäleon in Technicolor: orange, orangerot, burgunderrot, feuerrot, kaminrot, terracotta, blutfarben, purpurrot, fliederviolett, schiefergrau, schwarz. Erstmals im Leben konzentrieren wir uns ausschließlich auf das Jetzt. Zeitgleich flüstern wir: „Ich liebe dich.“ Wir haben uns fürs Glück entschieden.

Zum Weiterlesen: “Koalaland”- ein Australienroman

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Gruppenratswahl – aus dem Buch “Leninplatz”

12. November 2014 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Leninplatz, Leseproben

Jugendweihebuch alle
Als wäre ein Montag nicht schon Strafe genug, findet in der darauffolgenden Woche auch noch eine außerplanmäßige Gruppenratswahl nach dem Unterricht statt, weil unsere Vorsitzende Steffi umgezogen war und unsere Klasse – obwohl wir bald in die FDJ aufgenommen werden – deshalb neu wählen muss.

„Was hältst du eigentlich davon, heute Gruppenratsvorsitzender zu werden?“, frage ich Andi auf dem Schulhof. „Bist du jetzt total bescheuert, oder was?“, pariert er und zeigt mir einen Vogel. „Na nur, um die Frisch ein bisschen zu ärgern“, antworte ich und sehe in seinen Augen nun keine gänzliche Ablehnung mehr.
„Nee, lass das mal lieber wieder die Weiber machen“, murmelt er. „Nur für drei Wochen. Danach können wir dich ja wieder abwählen“, bettele ich, doch mein Freund schüttelt energisch den Kopf.
Um 15.00 Uhr trudeln die restlichen Jungs im weißen Pionierhemd und mit schlampig gebundenem rotem Pionierhalstuch ein. Zwanzig Minuten später sitzen wir in U-Form an Tischen. Vor uns haben Herr Blase, Frau Frisch und Herr Hohmann aus dem Elternrat Platz genommen. Wie peinlich für Dirk, dass sein Alter bei solchen Sitzungen fast immer mit dabei ist. Vor ihnen liegt die TROMMEL, welche vor zwei Jahren die bei allen einigermaßen beliebte FRÖSI als Pflichtzeitschrift für uns Thälmann-Pioniere abgelöst hat.
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„Für Frieden und Sozialismus, seid bereit“, ruft Uta, die bisherige Stellvertreterin. Wir antworten gelangweilt mit: „Immer bereit“ und singen danach „Spaniens Himmel breitet seine Sterne über unsere Schützengräben aus“. Die Wahl des Gruppenrats ist der einzige Tagesordnungspunkt.
Sabine und Lars können nicht gewählt werden, weil sie im Freundschaftsrat eine hohe Funktion ausüben, was sie jedem mit den zwei roten Streifen über dem „JP-Emblem“ zeigen. Ein „TP“, für Thälmann-Pioniere, gibt es nicht.
Lena meldet sich: „Ich schlage Daniela als Vorsitzende vor“, während Anja sofort quäkt: „Ich auch!“ Die Mädchen haben sich also auf Daniela aus meinem Haus geeinigt – diese Ziege, die stets darauf bedacht ist, wie ein Junge auszusehen. Die weiße Pionierbluse mit dem roten Tuch und der blaue Rock stehen ihr sogar, denn so kann sie ihre Klamotten, die aus Konsumjeans und einem 10er-Pack Nikis aus der Jugendmode zu bestehen scheinen, wenigstens mal für zwei Stunden im Schrank lassen. Außerdem riecht sie, trotz der kurzen Haare, immer extrem nach Action-Haarspray und gilt – neben der fetten Anja – als größte Petze der Klasse.

Das ist zu viel für mich. „Ja, bitte Mark!“, ruft Uta, die sieht, dass ich meine Hand gehoben habe. „Also ich schlage Andi vor“, und schaue dabei tief in seine Augen. Unmerklich schüttelt er den Kopf und auf seinen Lippen kann ich ablesen: „Bei dir piept’s wohl“, aber ich weiß: Auch er hasst Daniela wie die Pest. Ich beobachte, dass die Frisch tief durchatmet und ihre Gesichtsfarbe von blass ins Rötliche wechselt, während Herr Blase still in sich hineinzulächeln scheint. Wir sind seit Steffis Weggang 13 Jungs und nur noch 12 Mädchen in der Klasse.
Zeugnis hinten
Siegessicher lasse ich den Blick durch die Reihen schweifen – und fange plötzlich an zu schwitzen. Didi ist nicht gekommen. Natürlich nicht, denn er ist ja kein Mitglied. Selbst wenn er an einigen Pioniernachmittagen gerne teilnehmen wollte, lassen ihn seine Eltern nicht und schleppen ihn lieber in die evangelische Kirche. Ich Idiot hatte das total vergessen. Uta fragt: „In Ordnung, wer ist alles für Andi?“
Zwölf Arme – einschließlich seines eigenen – recken sich in die Höhe. Doch das wird nicht reichen, da bei einem Unentschieden Pionierleiterin Frisch, unter Abwesenheit jeglichen Humors, zum Wohle der Pionier-Organisation entscheiden wird.
Ich blicke hinüber zur Stabi-Lehrerin, die sich allmählich zu entspannen scheint. Uta beginnt zu zählen. „Eins, zwei, drei,…“ Die Frisch feiert schon innerlich. Gleich wird mit Daniela ein ihr stets alles zutragender Pionier zur Gruppenrats-Vorsitzenden des Klassenkollektivs der 7 B gewählt werden. „Elf, zwölf – und dreizehn“, ruft Uta.
Irritiert schaue ich in die Runde. Wer hat sich denn da auf unsere Seite geschlagen? Astrid lächelt und ich nicke ihr anerkennend zu, doch sie deutet mit dem Daumen nach links. Daniela selbst ist die entscheidende Wählerin und Andi damit neuer Gruppenrats-Vorsitzender. Wie arschkuhl ist das denn!

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Uta bleibt Stellvertreterin, Lena Schriftführerin, Dirk wird zum Altstoff-Beauftragten und Milchgeld-Kassierer gewählt (was seinen Vati sichtlich stolz macht) und ich bleibe Sport- und Kulturfunktionär. Lediglich bei Anjas Wahl zum Agitator wird es noch einmal eng, aber da die Jungs schon den Chefposten stellen, kann sie den ungeliebten Job ruhig weiterhin machen. Wir haben der Frisch gehörig eins ausgewischt!

Auf dem Heimweg steht Andi natürlich im Mittelpunkt. Alle lachen sich darüber kaputt, dass erstmals ein Schüler der Käte zum Gruppenratsvorsitzenden gewählt worden ist, der in Betragen gerade eine 5 hat und in der Vorwoche nur knapp an einem Tadel vorbeigeschrammt ist. Das Gebot „Wir Thälmannpioniere lernen fleißig, sind ordentlich und diszipliniert“ trifft auf ihn wahrlich nicht zu.

Sogar Lars darf nun Teil der Truppe sein, da er sich der Stimme nicht enthalten hat. Allerdings wird er geahnt haben, dass er sonst von Bergi am Kragen seines Anoraks an die Klettergiraffe gehängt worden wäre, wo er alsbald wimmernd Nasenbluten bekommen hätte.

Kurz vor meinem Hauseingang nehme ich Andi zur Seite. „Warum hat Daniela eigentlich für dich gestimmt? Kapiere ich nicht.“ Ich bemerke seine Unsicherheit, da er sonst fast immer einen Kuhlen macht. „Scheppi, wenn du es unbedingt wissen willst. Ich bin mit Dani seit über einem Jahr zusammen.“

Ich bin eher enttäuscht als geschockt, weil er mir – seinem angeblich besten Freund – dies bisher verschwiegen hatte, denn „wir Thälmannpioniere lieben die Wahrheit, sind zuverlässig und einander freund“, besagt ein anderes Gebot.
Erst vor dem Fernseher auf der Couch wird mir klar, dass ich wahrscheinlich von vielen Dingen, die sich in meinem allerengsten Umfeld zutragen, nicht die geringste Ahnung habe. Irgendwo wird sogar gemunkelt, dass Steffi gar nicht nach Querfurt, sondern in die USA „umgezogen“ ist, was auch den weißen Flor an der Autoantenne ihres Vaters erklären würde. Aber wer weiß denn eigentlich, dass ich in Nadja und manchmal sogar in die verrückte Ina verknallt bin? Niemand!

Kurz darauf beginnen die Heute-Nachrichten im ZDF. Die Top-Meldung des Tages widmet sich dem 54-jährigen Michael Gorbatschow, der vorige Woche zum neuen 1. Generalsekretär der KPdSU der UdSSR gewählt worden war. Der Mann mit dem Muttermal auf der Glatze ist verhältnismäßig jung und sieht nicht einmal besonders unsympathisch aus. Doch große Reformen, wie sie die Leute im Westen nun erhoffen, sind auch von ihm sicherlich nicht zu erwarten. Ebenso wenig wird Andi eine Wende im Verhalten des Gruppenrats der 7 B einleiten. Dafür sind die Strukturen unserer Pionierorganisation viel zu eingefahren.
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Zum Weiterlesen: “Leninplatz” von Mark Scheppert, 9,90 €

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