Archive for November 2014

Auf Tante Käthe

30. November 2014 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Blog

FreiheitIn einer unglaublich kurzen Zeit hatten wir ausgerechnet dem Erzfeind etwas ganz Wichtiges beigebracht. Ich sehe nur in glückliche, freudestrahlende Gesichter. Allein dafür haben sich die Strapazen gelohnt!

Der „Camino Inka“ ist die Gesamtheit der angelegten Straßen und Wege, welche die Inka in ihrer Herrschaftszeit in Südamerika errichtet hatten. Das bekannteste Teilstück und zugleich Südamerikas berühmteste Wanderung befindet sich in Peru.
Von Cusco mit dem Zug kommend, ist der „Inka Trail“ zwischen Kilometer 88 und der Ruinenstadt Machu Picchu eine 4-Tagestour für wagemutige Entdecker; zwischen Kilometer 104 und dem „Alten Gipfel“, etwas für Leute mit weniger Zeit und Ausdauer. Alle Weicheier fahren mit dem Zug bis zur Endstation.
Melli und Doro hatten uns noch in der Heimat erzählt, dass dieser Weg das absolute Highlight ihre Südamerikatour gewesen war. Atemberaubende Pässe, spektakuläre Blicke auf die schneebedeckten Berge und Schluchten, umgeben vom satten Grün des tropischen Regenwaldes. Ein einmaliges, wenn auch sehr anstrengendes Erlebnis, auf Höhen von bis zu 4200 Metern. Das Bild, das die kleine Doro vom vierten Tag gezeichnet hatte, werde ich nie vergessen. Als sie die letzte steinige Anhöhe überquert hatten, sämtliche Knochen des Körpers und die vielen Blasen an den Füßen schmerzten, tauchte plötzlich, im Nebel verhangen, diese verwunschene Inkastadt am Horizont auf. Sie hatte sich hinsetzen müssen und minutenlang geweint. Vor Freude, Erleichterung und vor Glück.
2000 Peru Machu ich

Unsere Truppe gehört – obwohl sie den Weg ursprünglich mal eben kurz abspazieren wollte – zur Kategorie der „feinen Herren“, die gemütlich bis an den Fuß der Ruinenstadt gondelt, sich bei Kilometer 106 das erste Fahrtbier aufmacht und „Auf Tante Käthe“ brüllt. Rudi Völler hatte vor einigen Wochen Erich Ribbeck – diese Oberpfeife – als Teamchef abgelöst. Ein Tal der Tragödien ist durchwandert.
Gut gelaunt erreichen wir den Souvenirladen-Ort Aquas Calientes und ohne Blessuren checken wir im „Gringo Bill´s“ am Fuße des Tränen auslösenden Bauwerks ein. Göte, Jenna und Matze sitzen auf der großzügigen Terrasse und prosten den umliegenden Eumeln zu. Mit zwei Herrenhandtaschen „Cerveza Cusqueña“ geselle ich mich dazu und mache den Jungs klar, dass ich morgen die restlichen 1,5 Kilometer nach Machu Picchu bergauf laufen möchte, um wenigstens einen kleinen magischen Moment zu erleben. „Warum nicht Scheppert, aber gib mir erstmal ’ne neue Suppe rüber“, antwortet Göte in seinem typischen Meckerton.
Gegen Mittag beginnen wir mit dem Aufstieg. Es ist heute ungewöhnlich heiß für die Jahreszeit – bei maximaler Luftfeuchtigkeit – sodass wir nach gefühlten zwölf Metern durchgeschwitzt sind. Da ich den Reiseführer etwas genauer studiert habe, erzähle ich den anderen lieber nicht, dass nun noch etwa 600 Höhenmeter auf uns warten. Doch noch ist die Stimmung gut und wir haben vier Bier dabei. An einem kleinen Fluss, nach 74 gelaufenen Metern, ist es fast alle. „Auf Tante Käthe“, rufen wir und lassen die Flaschen ein letztes Mal gegeneinander scheppern.
Schnell pendelt sich auf dem engen, serpentinenartigen Weg eine Reihenfolge ein, die in etwa unserem Zigarettenkonsum entspricht. Matze an der Spitze, dicht gefolgt von mir, dann kommt Göte und schon bald entschwindet Jenna aus unserem Sichtfeld, der selbst zu diesem Kurzausflug – zur Sicherheit – zwei Schachteln rote Marlboro mitgenommen hatte. Der steile Aufstieg wird schnell zur Qual und selbst ich bereue schon nach kürzester Zeit, dass wir uns nicht mit einem der schicken Busse hoch chauffieren lassen haben. Nur wenn man gelegentlich die asphaltierte Straße kreuzt, die sich hier parallel hoch schlängelt, wird es ein bisschen flacher. Die engen Jeans kleben am Körper und Schweiß läuft eimerweise in meine Doc Martens.
Bier Aufstieg
Ich finde eine Astgabel am Wegesrand und nutze sie als Wanderstock. Mittlerweile sehe ich weder vor noch hinter mir einen meiner Freunde und überlege kurz, ob man nicht vielleicht doch aus den kleinen braunen Pfützen, Wasser trinken könne. Obwohl ich wahrscheinlich gerade einmal die Hälfte der Strecke zurückgelegt habe, hoffe ich vor jeder Biegung sehnsüchtig, dass dieses sagenumwobene Machu Picchu endlich vor mir erscheint. Warum in aller Welt haben sich die Inkas bloß hier oben angesiedelt? Erschöpft lasse ich mich auf einem Stein nieder und nehme den Kopf zwischen die Hände. Ich kann nicht mehr und bräuchte Wasser.
Plötzlich höre ich oberhalb des Weges lautes Geschrei. Es ist Englisch, ich verstehe irgendwas von „Stopp“ und „Dieb“ und sehe, wie jemand im Affenzahn auf mich zu gerast kommt. Ich versuche aufzustehen, indem ich meinen Krückstock nach vorne in den Boden ramme, um mich daran hoch zu ziehen, als genau in diesem Moment, jemand über meine Astgabel segelt. „Oh sorry“, rufe ich ernsthaft bestürzt und sehe, wie sich ein etwa 10jähriger Junge in zwölf Metern Entfernung wieder aufrappelt. Ängstlich schaut er mich mit schwarzen Knopfaugen an, scheint kurz etwas zu überlegen und spurtet dann im Höllentempo weiter den Berg hinab. Als ich mich noch über die komische Szene wundere, kommt jemand deutlich langsamer den Pfad hinunter gelaufen. Der dickliche, europäische Typ schwitzt, als habe er gerade einen Marathon hinter sich. Atemlos fragt er: “Did you see the guy with the handbag?”
Irritiert schaue ich ihn an. Den Jungen ja, aber was für eine Handtasche? Doch scheinbar gleichzeitig sehen wir etwas an einem Baumstamm liegen, was dort augenscheinlich nicht hingehört. Wir laufen hinunter und tatsächlich, dort liegt eine alte, rosafarbene Henkel-Handtasche, wie sie vielleicht in den 70igern modern gewesen war. Bedeutungsschwer nickt er mir zu und gratuliert zur vermeintlichen Mithilfe. Ich verstehe noch immer nur Bahnhof, während er, umständlich das speckige Ding aus Kunstleder öffnet. Sichtlich enttäuscht schaut er mich an und holt eine Fünf-Dollar-Note heraus. Trotz weiteren Kramens und Schüttelns – mehr scheint da nicht drin zu sein. Interesse heuchelnd frage ich ihn, was eigentlich passiert wäre. Er erklärt mir, dass er sofort, als ihm der kleine Junge entgegen gerannt kam, bemerkt hatte, dass diese auffallend pinke Damenhandtasche nicht zu seinem jetzigen Besitzer gehören könne und war ihm hinterher gerannt. Er scheint zu erwarten, dass ich ihn nun in den höchsten Tönen für seine britische Spürnase loben werde, doch ich frage nur: „Do you have water?“
2000 Peru ich Machu

In großen Zügen trinke ich das beste lauwarme Wasser meines bisherigen Lebens. Er packt die Tasche in seinen Rucksack und gemeinsam laufen wir dem Gipfel entgegen. Gary aus Sheffield reist allein. Er erzählt mir von seiner Heimatstadt, seinem Job als Lehrer und seinem Lieblingsverein „Sheffield Wednesday“. Er verwendet dabei ziemlich oft das Wort „Fuck“ – nicht nur weil sein Club diese Saison gerade abgestiegen war.

Es gibt eigentlich nur noch wenige Situationen, die mich daran erinnern, dass ich in der DDR geboren wurde. Dies ist eine davon. Ich kann bis heute nicht verstehen, warum zwischen Engländern und Deutschen eine derartige Fußball-Feindschaft existiert. Auf fast all meinen Reisen nach dem Mauerfall hatte ich äußerst humorvolle Menschen von der Insel kennen gelernt und mich oft darüber geärgert, dass diese mir immer mit großer Skepsis entgegen getreten waren. Über Generationen hatten sich Vorurteile und Klischees in den Köpfen beider Seiten zementiert. Doch schon längst beteilige auch ich mich an Diskussionen über das „Wembleytor“ und erwähne gerne mal tragische Partien der englischen Fußballhistorie. Ich bin ein kleines Rädchen in diesem Getriebe geworden. Dennoch, ich mag den Typen sofort und erzähle ihm, dass ich 1995 einmal bei Everton gegen Sheffield gewesen war.

Die Zeit vergeht wie im Flug und so bemerke ich gar nicht, dass sich der Wald schon erheblich gelichtet hatte. Hinter uns öffnet sich eine grandiose Landschaft, mit einem Blick auf tiefe, bewaldete Täler und, vom Nebel umschlungene, mystische Berggipfel. Ich beginne die Inkas langsam zu verstehen – es ist ein Bild für Götter.
Wir erreichen eine fünf Meter hohe Mauer aus massiven, quaderförmigen Steinen. „Alles Scheiße, Scheppi“, ruft uns jemand von oben zu. Als wir bei Matze angelangt sind, befinden wir uns auf einem Parkplatz mit vielen Imbiss- und Getränkeständen, zig Souvenirläden und fliegenden Händlern. Von Machu Picchu noch immer keine Spur, denn vor uns liegt ein wahrscheinlich letzter Anstieg, der uns den Blick auf die terrassenförmig angelegte Ruine mit seinem markanten Hügel versperrt. Das Ziel unserer Wanderung sollte doch die Magie des Augenblicks sein, wenn wir die verwunschene Inkastadt nach den Qualen zum ersten Mal erblicken. Doch es ist rein gar nichts zu sehen. Dafür beginnt es leicht zu tröpfeln.
Günna icke Cusco
Das erste gemeinsame Bier schmeckt trotzdem fantastisch. Wir trinken es gierig in einem Zug. „Ach so. Auf Tante Käthe“, ruft Matze. Als Göte dazu stößt, lachen wir über sein fleckiges Gesicht. Außerdem blutet er aus beiden Nasenlöchern. „Schöne Scheißidee, Scheppert“, meckert er. Allmählich öffnet der Himmel seine Schleusen und ein Straßenhändler braucht uns nicht lange zu bitten, dass wir ihm Regenjacken abkaufen. Die Dinger sehen zwar aus wie übergroße Müllbeutel doch sie erfüllen ihren Zweck und kosten nur einen Dollar. Erst als Gary ein Foto von seinen deutschen Begleitern machen will, fällt uns auf, dass wir einen schwarzen, einen roten, und einen gelben Plastik-Müllsack erstanden haben. Wir stellen uns in der richtigen, schwarz-rot-goldenen Reihenfolge auf die Mauer, recken unser Bier in die Höhe und rufen „Auf Tante Käthe.“ Göte hat mittlerweile zwei Tempos in den Nasenlöchern. Gary drückt ab. Ein Bild für Götter!
Schwarz-rot-gold
In diesem Moment geschehen viele Dinge gleichzeitig. Jenna kommt völlig durchnässt den Berg hoch gehechelt. Er ist kalkweiß und ruft kopfschüttelnd: „Was für eine Dreckskacke, Scheppert!“ Dadurch bemerken wir gar nicht, dass hinter uns mehrere Menschen auf uns zustürmen. Es sind zwei peruanische Polizisten, ein kleiner Junge und eine etwa 60jährige aufgebrezelte Dame. Natürlich ist allen sofort klar, dass sie gekommen sind, weil wir hier so herum krakeelen. Doch der Knirps zeigt, böse blickend, nur auf mich. Die Oma in dem geblümten Kostümchen rennt sofort auf mich zu und schreit: „Where is the handbag?“ Ich schiebe sie vorsichtig von mir weg, schaue in die dunklen Augen des kleinen Kerls und erkenne ihn. Es ist der Dieb, dem ich – wenn auch unabsichtlich – die Beine gestellt hatte. Trotzdem begreife ich gar nichts. Doch Gary hat das gute rosafarbene Stück bereits in der Hand und beginnt der aufgeregten Amerikanerin zu erklären, was geschehen war. Wutschnaubend hört sie ihm zu und erklärt dann ihre Version. Beim Hinunterfahren mit dem Bus von Machu Picchu gibt es ein vermeintlich lustiges Spiel zwischen Touristen und der heimischen Dorfjugend. In die alte Handtasche des jeweiligen Jungen werden 5 Dollar gepackt und wenn dieser zu Fuß – also rennend – eher im Tal ist, als der Bus, bekäme er zur Belohnung das Doppelte der Summe gezahlt. Meist ist es so, dass die kleinen Flitzer – ähnlich, wie bei der Hase und Igel Geschichte – immer dann, wenn die Serpentinenstraße den kleinen Dschungelweg kreuzt, schon da wären und kurz dem Bus zuwinkten, bevor sie weitersprinteten. Wir hätten also nicht nur den armen Kerl bestohlen, sondern auch eine Rentnertruppe aus den USA um ein einmaliges Vergnügen gebracht. Die beiden Polizisten starren uns bedrohlich an.
Vor ihnen steht ein leicht angetrunkener Engländer mit einer pinken Henkel-Handtasche im Arm, ein klitschnasser, hustend rauchender Jenna und drei weitere Deutsche in schwarz-rot-goldenen Müllsäcken, wovon einer zwei Papierpfropfen in der Nase hat. Letztendlich einigen wir uns nach 45 quälenden Minuten darauf, dass wir allen 10 Dollar geben. Dem Jungen als Entschädigung, der alten Dame für den Linienbus nach unten und den Bullen, damit sie nicht mehr so fies gucken.
2000 Peru Machu Jenna
Als wir das wichtigste Touristenziel Südamerikas und die weltweit bedeutendste Ruinenstadt der Inkas betreten, ist es schon sehr spät. Wir schlendern nur durch einen winzigen Teil der riesigen Anlage, bevor wir schon wieder den Rückweg zum Ausgang antreten müssen.
Waren wir bescheuert oder was? Wegen zu späten Aufstehens und gewisser Unfitness, aber vor allem wegen einer abgewetzten Kunstleder-Handtasche war ich in meinem Leben bisher nur 30 Minuten im eigentlichen „Machu Picchu“ – einem der sieben Weltwunder der Neuzeit – gewesen. In dieser kurzen Zeit hatten wir einem Engländer, namens Gary, jedoch etwas ganz Wichtiges beigebracht. Beim Absackerbier auf dem Parkplatz brüllt er fast akzentfrei: „Auf Tante Käthe!“
.
Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika

[Weiter...]


Ostdeutsches Aschenputtel – Kindheit in der DDR

28. November 2014 | von | Kategorie: Blog, Mauergewinner Leseproben

OLYMPUS DIGITAL CAMERABis heute weiß ich, was ich an dieser DDR nicht mochte, was ich zutiefst verabscheute und warum ich froh bin, nicht mehr in diesem Land zu leben. Leute in meinem Alter mit ostdeutschem Migrationshintergrund fürchten sich immer noch vor solchen – oft unausgesprochenen – Drohungen: „Wenn du dies nicht machst, wirst du aber jenes nicht erreichen.“ Oder: „Falls du hierbei erwischt wirst, kannst du dir dies ein Leben lang abschminken.“, „Wenn du hier nicht eintrittst oder unterschreibst, ist die Karriere leider beendet.“
In den Firmen, in denen ich nach der Wende gearbeitet habe, waren komischerweise fast immer die Leute aus Westdeutschland die größten Anpasser, Intriganten und Petzen beim Chef. Und das, wo doch gerade diese Leute immer geargwöhnt hatten, dass sich im Osten so gut wie alle gegenseitig ausgehorcht hätten. Jeder anständige Ostdeutsche lässt seinen Arbeitgeber heute sofort angewidert abblitzen, wenn er für die Firma spitzeln oder Kollegen verpfeifen soll. Die meisten Ossis haben etwas aus ihrer Geschichte gelernt und lassen sich nicht mehr erpressen oder unter Druck setzen. Die „Stasi West“ regiert die Büroflure des 20. Jahrhunderts, könnte man augenzwinkernd meinen.
Wenn man nicht straffällig wird, ist es heute allerdings kaum mehr möglich, dass man sich seine gesamte Karriere und seinen weiteren Lebensweg ernsthaft und irreparabel versaut. Den Job könnte man jederzeit wechseln. Fragen zum politischen Background, zur Religion und zu persönlichen Ansichten sind in Einstellungsgesprächen sogar verboten. Wir müssen in keine Organisationen eintreten, um einen Studienplatz zu bekommen oder um Abteilungsleiter zu werden. Selbst wenn man bei einer Prüfung dreimal durchfällt, bekommt man in diesem Land irgendwann eine neue Chance. In der DDR hatte man, anders als beim Mensch-ärgere-dich-nicht-Spielen, meistens nur ein Leben.

Nach der zweiten Unterrichtsstunde wurden wir Kinder jeden Tag in den Milchkeller geschickt. Die Küchenfrauen mit ihren bunten Kittelschürzen hatten dort die Milchkübel aufgestellt. In jedem befand sich eine exakt abgezählte Anzahl Milchtüten in dreieckigen Pappkartons und außen war mit weißer Kreide die jeweilige Klasse draufgeschrieben. Ich mochte den Geruch der vergorenen Milch nicht, der dort unten in den gefliesten Räumen hing.
Jedes Kind musste zu Beginn des Schuljahres angeben, ob es Vollmilch, Vanille-, Erdbeer- oder Schokomilch trinken wollte. Ich weiß nicht, ob es diese recht große Auswahl wieder einmal nur in Berlin gab – jedenfalls war Kakao am teuersten und weiße Vollmilch am unbeliebtesten. So ein „Milchmonat“ kostete unsere Eltern zwischen vier und sieben Mark und meistens bezahlte man die zusammen mit dem Mittagessensgeld.
Irgendwann schenkte man sich die uncoole Milchpause, und spätestens ab der 7. Klasse steckte man sich auch das Geld für das Mittagessen in die eigene Tasche. Zu Hause erzählte man in jedem Jahr, dass „die Schweine“ schon wieder das Essensgeld erhöht hätten, und meine Eltern gaben mir bereitwillig monatlich die erlogenen 15,50 – eine willkommene Erhöhung des Taschengeldes. Mein Vater wunderte sich nicht über die verhältnismäßig teuren Preise und Mutter war froh, dass ich nicht am heimischen Gasherd herumhantierte sondern vollwertige Schulkost aß. Meistens klauten wir uns nun unsere Essensrationen in der Halle an der Höchste Straße.
Im Sommer nahmen wir den kleineren Kindern, die beim Schweinebammeln an der Klopfstange hingen auch schon mal die Milch weg – ausschließlich Schoko. In den Pausen lungerten wir rauchend in der Ecke an der hinteren Front unseres Schulgebäudes. Auf dieser Seite gab es keine Fenster für spionierende Lehrer und gleichzeitig standen wir hier unmittelbar an der Grenze zum Schulhof der verfeindeten Rosa-Luxemburg-Oberschule. Die Vormachtstellungen änderten sich jedes Jahr, aber es war immer die älteste Stufe einer der beiden Schulen, also jeweils die 10. Klasse, welche die aktuelle Macht hatte. Wir waren gerade in der 9. und wussten, dass wir ab dem nächsten Jahr die herrschenden Könige der Höfe sein würden. Die Jungs aus der 9. der Rosa in unserem Alter, aber eigentlich auch die beiden momentanen 10., waren die größten Pfeifen – unsere Zeit würde bald kommen.
Urkunde vorbildlich
Plötzlich flogen faule Äpfel in unsere Raucherecke. Sie kamen vom gegenüberliegenden Grundstück. Ein engmaschiger Zaun war die unüberwindbare Grenze zwischen den Schulen, denn zum einen war er fast drei Meter hoch und außerdem gab es auf beiden Höfen Lehrer, die Aufsicht schoben. Astrid schrie laut auf, als sie von einem Apfel genau in den Bauch getroffen wurde. Wir hatten da ein Problem mit der Rosa.
Ohne groß zu überlegen, rannten Tessi und ich in unseren Milchkeller und nahmen uns jeder einen dieser stinkenden, grünen, sechseckigen Kübel. Auf meinem stand mit Kreide: Klasse 2a. Aus unserer Ecke wurden wir lautstark angefeuert, als wir begannen, mit den Milchkartons in Richtung Nachbarhof zu schmeißen. Tessi konnte weiter werfen als ich, dafür brillierte ich als respektabler Schütze beim Zielen auf Personen in näherer Reichweite. Wir waren richtig gut und setzen fünf Volltreffer. Vor drei kreischenden Mädchen zerklatschten die Pappkartons in einer riesigen Fontäne. Bei zwei jüngeren Schülern bekamen wir die Milch sogar am Körper zum Platzen. Schoko: eine Riesensauerei. Beifallsbekundungen und Jubel begleiteten unsere Würfe aus der Raucherecke. Thomas und Torte rannten in unsere Richtung und riefen: „Scheppi, lass uns noch was übrig“. Doch plötzlich bremsten sie ab und ich merkte, wie mich jemand von hinten mit festem Griff in den Schwitzkasten nahm. Das Blut schoss mir in die Schläfen und ich konnte plötzlich kaum noch atmen.
Scheiße, die Rosa hatte uns doch angegriffen, ging es mir kurz durch den Kopf. Aber nein: Mein vor Wut schäumender Sportlehrer, Herr Pinka, schleifte mich in dieser misslichen Haltung quer über den Schulhof ins Zimmer der Direktorin – zur Fehlerdiskussion.
Frau Seifert sagte zunächst nur: „Scheppert und Tesselitz, Sie erhalten einen Tadel!“, bevor sie inhaltlich mehr in die Tiefe ging. Mit immer noch feurigem Kopf mussten wir uns einen fünfzehnminütigen Vortrag über hungernde Kinder in Angola und Mosambik anhören. Viele dieser armen Kreaturen hätten noch nie im Leben echte Milch gesehen, sagte sie, und vieles mehr. Wir schauten kurz einer zum anderen hinüber und lächelten uns unmerklich an. Der abschließende Satz haute mich jedoch nach hinten um: „Ihre Abitur-Bewerbung, Jugendfreund Scheppert, können Sie sich ja wohl erst einmal abschminken.“
Das konnte sie doch nicht ernst meinen! Ich habe zwei linke Hände, möchte und darf nicht in die sozialistische Produktion. Was soll aus mir werden? Das geht einfach nicht!
Plötzlich sah ich mein Schicksal ganz deutlich vor mir. In einer dreijährigen Ausbildungszeit würden sie mich zum staatlich geprüften Milchfahrer des VEB-Getränkekombinates Berlin schulen, der täglich früh um vier aufzustehen hatte, damit unsere kleinen ABC-Schützen und Frösi-Kinder alle am Morgen ihre Milch im Schulkeller vorfanden. Mein Leben stand auf dem Spiel und ich hatte nur eins.
In der DDR gab es pro Klasse und Schule nur wenige nach einer gewissen Quote zu verteilende Abiturplätze. In meiner Klasse waren es genau drei. Zwei waren schon so gut wie vergeben. Sabine hatte – natürlich außer in Sport – alles Einsen, war also nicht zu schlagen, und Lars hatte sich für 25 Jahre bei der Nationalen Volksarmee als Offizier verpflichtet. Mit dem Halbjahreszeugnis der 9. musste ich somit alle anderen 23 Schüler aus meiner Klasse hinter mir lassen, um überhaupt eine Chance zu haben. Trotz oder wegen der Milchtütenwürfe stellte ich mich in diesem Schuljahr erfolgreich zur Wahl des FDJ-Sekretärs, schrieb erstklassige agitatorische und solidarische Artikel für unsere Wandzeitung, erklärte mündlich, dass ich auf jeden Fall für drei Jahre meinen Dienst bei der NVA machen würde, und hatte vor dem entscheidenden Zeugnis tatsächlich fast überall Einsen – auch in Sport. Notendurchschnitt: 1,3!
Als Frau Seifert auf der Lehrerkonferenz kund tat, dass ich für die 11. Klasse der Friedrich-Engels-EOS (Erweiterte Oberschule) vorgesehen war, konnte ich mein Glück nicht fassen, auch wenn sie im Nebensatz erwähnte: „Noch ein winzig kleiner Ausrutscher und der Abiturplatz ist trotzdem weg.“ Meine Freunde Torte, Bommel und Tessi, ausgewiesene Spezialisten in Sport, Mathe oder Zeichnen, aber eben nur mit einem Zweier-Zensurenschnitt, hatten gegen mich keine Chance gehabt. Für sie hieß es: ab in die sozialistische Produktion!
5 Rosa Luxemburg POS

Ich war ein schlaues Kind. Erst im Zeugnis der dritten Klasse hatte ich meine allererste Zwei und Mutter erzählt noch heute, dass ich deswegen zwei Tage lang geheult hätte. Das mit dem Ehrgeiz ließ ein bisschen nach und als das Fach „Schönschrift“, durch „Werken“ und „Schulgarten“ abgelöst wurde, wurde sowieso nichts mehr aus dem perfekten Zeugnis, durchgängig mit der Note Eins. Ich war eindeutig zu blöd dazu, Schraubstock, Feile oder Harke liebevoll zu bedienen. Ab der 7. Klasse gab es dann plötzlich die Fächer ESP – Einführung in die Sozialistische Produktion, TZ – Technisches Zeichnen und PA – Produktive Arbeit.
Den theoretischen ESP-Teil konnte ich natürlich ganz gut bewältigen, obwohl mir bis heute nicht klar ist, wie Lochstreifen und die Planwirtschaft funktionieren, weder einzeln noch zusammen. Technisches Zeichnen ging auch irgendwie, aber das Problemkind war PA – für den Mann mit den zwei linken, feingliedrigen Händen.
Im volkseigenen Betrieb in Rummelsburg gegenüber vom Knast sollten wir Wäscheständer herstellen, die ich im fertigen Zustand noch nie zuvor in der DDR gesehen hatte. Damit ich wenigstens eine Zwei bekam, schlug ich meinem Meister vor, dass ich die vier Stunden jeden Mittwoch auch gerne damit zubrächte, diverse Schrauben und Muttern zu sortieren. Die handlichen Exportschlager wurden somit alle ordnungsgemäß montiert und ich, das ostdeutsche Aschenputtel, hatte auch einen Beitrag zum Bruttosozialprodukt geleistet.
Die Verlagerung unserer produktiven Arbeitsstätte in der 10. Klasse ging einher mit dem Wechsel unserer Stammkneipe in das Hochhausrestaurant „Gutenbergstube“. Beide befanden sich nun am Ostbahnhof, und unser Motto hieß: „Vor der Arbeit das Vergnügen!“
Wir trafen uns also am Mittwochmittag an unserer so genannten „Tränke“ und fast alle Jungs versuchten, ihren Rekord im Saufen eines halben Liters Berliner Pils zu toppen. Unser Weltrekord lag bei unglaublichen handgestoppten 3,5 Sekunden – nach drei, vier Versuchen gingen wir arbeiten.
Man hatte mich an eine Maschine eingeteilt, an der ich per Dampfdruck permanent, also vier Stunden lang, kleine metallene Ringe ausstanzen sollte. Das konnte selbst ich tollpatschiger Vollidiot ganz gut bewältigen – sollte man meinen. Der feine zukünftige Abiturient hatte in seinem betrunkenen Zustand leider vergessen, die wichtige Unterlegscheibe auf die Arbeitsfläche der Werkbank zu legen. Ich stanzte also grinsend im Akkord und lauschte der Musik aus dem Kofferradio. Doch plötzlich gab es einen gewaltigen, funkenden Knall, und direkt vor meinen Augen flog irgendetwas durch die Montagehalle. Ich duckte mich und wenig später kam die große Maschine mit der stolzen Aufschrift „Made in GDR“ zum Stillstand.
In meiner Abteilung hatte ich für diesen Nachmittag die komplette Produktion lahm gelegt. Ein Teil des herumfliegenden Bohrkopfes hatte sich in den jetzt stark blutenden Oberarm eines fluchenden VEB-Mitarbeiters gebohrt und das gesamte Kollektiv stand besorgt um ihn herum und starrte mich grimmig an. Ich entschuldigte mich kleinlaut. Auch beim Vorgesetzten Herrn Meier, der mich minutenlang anschrie, ob ich eine Ahnung davon hätte, wie viel diese Maschine gekostet hätte und ob mutwillige Zerstörung von Volkseigentum heutzutage an unseren Schulen gelehrt würde. Zu allem Überfluss hatte die dicke Kollegin in der blauen Schürze, die mich eingearbeitet hatte, gepetzt, dass ich irgendwie nach Alkohol roch.
Mir wurde schwindelig: „Unter alkoholischem Einfluss eine 30.000 Mark teure volkseigene Maschine mutwillig zerstört und dabei Mitarbeiter Hufschmidt lebensgefährlich verletzt“, las ich bereits in Gedanken in Meiers Bericht. Meine mir bereits zugesicherte Abiturzulassung könnte ich mir bei so einer Geschichte komplett abschminken. Als Herr Meier mich nach meinem Namen fragte, stellte ich mir bereits ein Leben als Werkzeugmacher, Dreher oder Melker vor. „Ihren Namen möchte ich wissen!“, schrie er ein zweites Mal. „Uwe Bommler“, antwortete ich vollkommen spontan. Meier war an diesem Tag zum allerersten Mal Oberaufseher, er kannte meinen Namen nicht und schrieb den von mir genannten in seinen Bericht an meine Schule.
Ich wurde rausgeschmissen und wartete über zwei Stunden vor dem Werkstor auf meine Freunde Tessi, Torte und Bommel. Mit zittriger Stimme erzählte ich ihnen, was geschehen war, und schaute vor allem ängstlich ins Gesicht des kleinen Bommel – des wahren Uwe Bommler, dessen Namen ich mir kurzerhand ausgeliehen hatte. Schon auf dem Nachhauswege klopfte er mir ermunternd auf die Schulter: „Mensch, mach dir mal keene Sorgen Scheppi, ick hab meine Stelle bei NARVA doch sicher. Dort will ja eh keener hin.“

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Eine halbe Stunde später saßen wir im Alfclub. Bommel prostete mir mit einem Bier zu. Ich lehnte mich zurück und dachte, was für fantastische Freunde ich doch im Leben gefunden hatte.
Uwe Bommler alias Bommel wurde am nächsten Tag zur Direktorin gerufen. Ohne groß zu diskutieren, verurteilte Frau Seifert seine Tat und gab ihm den ihm zustehenden Tadel. Was er sich denn dabei gedacht hätte, wo er doch Werkzeugmacher werden wollte? Er entschuldigte sich brav und erwähnte mich mit keinem Wort. Er wusste, dass er mir damit den Abiturplatz gerettet hatte und ich ahnte zum ersten Mal, dass wir ein Land mit Menschen voller Edelmut waren. Es gab scheinbar mehr Leute, die sich schützend vor einen stellten als jene, die einen verpfiffen. Und das, obwohl alle nur dieses eine Leben hatten.

Für mich begann nun also ein privilegierter Zeitabschnitt: meine Zeit in der Erweiterten Oberschule bis zur 12. Klasse. Am 4. September 1988 stand ich vor meiner allerersten Unterrichtsstunde in der Friedrich-Engels-EOS beim Fahnenappell. Ich schaute mich um und studierte die vielen neuen Gesichter. Ich musste an Pinkas Schwitzkasten und Frau Seiferts Drohungen denken und hätte ihnen gerne zugerufen: „Hey, ich habe es doch geschafft!“ Der Direktor rief zu einer Schweigeminute für einen in den Ferien verstorbenen Mathelehrer auf und den älteren Jungs aus der 12. ging das komischerweise sehr nahe. In meiner alten Schule hatte ich bis auf die junge Frau Wagenbach überhaupt keinen Lehrer gemocht – und hier liebten sie ausgerechnet den für Mathe. War ich wirklich in einer anderen Welt gelandet? Ich war gespannt, was hier noch alles auf mich zukommen würde, und nahm mir vor, Bommel noch mal einen auszugeben. Uwe Bommler, der vor einer Woche im Berliner Glühlampenwerk, VEB NARVA „Rosa Luxemburg“, als Werkzeugmacher angefangen hatte.

Zum Weiterlesen: Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens

[Weiter...]


Mädchen aus Westberlin – Kindheit in der BRD

21. November 2014 | von | Kategorie: Berlin Leninplatz, Blog

Mädchen aus WestberlinNeulich fragte ich mich einmal ernsthaft, was eigentlich geschehen wäre, wenn ich nur wenige Kilometer entfernt im Westteil meiner Stadt zur Welt gekommen wäre?

Ich fackelte nicht lange. In knapp 50 Minuten brachte meine Mutter die Entbindung im Virchow-Krankenhaus über die Bühne. Wenn ich mich erst einmal für etwas entschieden hatte, machte ich kurzen Prozess. Ruck zuck ging das! „Is det schön uffe Welt zu sein“, wären mit Sicherheit meine ersten Worte gewesen, denn obwohl ich keine „Waschechte“ bin, berlinere ich bis heute extrem. Meine Eltern kamen beide aus Chemnitz und ich war ihnen ein Leben lang dafür dankbar, dass sie sich noch vor 1961 dazu entschieden, im freien Teil Berlins zu leben. Erzeugt wurde ich in der Urbanstraße im 2. Hinterhof und zusammen mit meiner Schwester zogen wir alsbald in die Erfurter Straße nach Schöneberg. Knapp zehn Jahre vor meiner Geburt wurde die Mauer errichtet. Nicht auszudenken, wenn ich im damaligen Karl-Marx-Stadt aufgewachsen wäre, obwohl mein Name Marla neben „die Strahlende“ auch „die Verbitterte“ bedeuten kann.
So konnten Bananen in den Babybrei zerdrückt und West-Frotteestrampler gekauft werden. Das erste Wickeln übernahm mein Vater, da er durch Betty noch etwas in Übung war. Nach nur fünf Tagen Lebenszeit, ich war wiedermal ordentlich in den Stoffwindeln eingematscht, legte er mich über den Arm und duschte mich! Es hält sich seitdem das Gerücht, dass mein legendärer Duschzwang – der zum Leidwesen der Familie besonders in der Pubertät zu Tage trat – daher rührt.
Neugierig zog ich mich an den Gitterstäben des Kinderbettes hoch und schaffte es bereits mit knapp einem Jahr, Kartoffel-Möhrchen-Allerlei von Alete über die Brüstung zu kotzen, da ich nun schon stehen und laufen konnte. Unsere Mutter behauptete neulich, dass zu meinen herausragenden Eigenschaften schon immer die Freiheitsliebe zählte und relativierte das dann in Starrköpfigkeit (ein Erbstück des Papas), denn bereits im Kindergarten verweigerte ich bei Schwester Babette die Essensaufnahme, unabhängig von drohenden Konsequenzen, wie in der Ecke sitzen, während alle anderen futterten. Ich kommentierte dies immer entspannt mit: „Na jut dann warte ick eben auf meine Mama“, die mich regelmäßig bereits mittags abholen musste, da ich mich auch weigerte, Mittagsschlaf zu halten. Die „kleine Raupe Nimmersatt“ – obwohl lange mein Lieblingsbuch – war ich somit nie und statt zu pennen, blätterte ich lieber in Fix und Foxi Comics.
Zeitgleich entwickelte ich das Talent, zügig Geld und Dinge unter die Leute zu bringen (kein Erbstück, aber O-Ton meiner Mutter). Bereits im zarten Alter von Sechs kommentierte ich den Taschengeldentzug – bis zur Neubeschaffung des zum x-ten Mal „verlegten“ Turnbeutels oder einer Puppe – mit der trockenen Rechnung, wie lange es nun dauern würde, bis die Zahlungen wieder einsetzten. Ich zählte dann an den Fingern ab und rief: „ Fünf Wochen, na jut!“
Der wichtigste Mensch in meiner Kindheit war meine Schwester Bettina, die drei Jahre vor mir geboren wurde. Damals wurde ich von ihr noch nicht Marla sondern einfach nur „Dicke“ gerufen, weil ich so dünn war und sogar „McDonalds“ boykottierte. Als die Große achtete sie stets wie eine Löwenmutter auf das neue Familienmitglied und verteidigte mich mit in die Hüften gestemmten Armen gegen die bösen Jungs. „Is wat?“ rief sie ihnen dann immer mit der Faust drohend zu und bewarf sie mit Ü-Ei- und Playmobil-Figuren. „Das war spitze“, riefen die anderen Mädchen, wie bei „Dalli Klick“ mit Hans Rosenthal und teilten Tattoos aus ihren Bazooka-Kaugummis mit uns.
Nach einem Unfall auf dem Spielplatz schleppte sie mich heldenhaft unter das Fliegenpilz-Häuschen und dann bis in den 3. Stock der Altbauwohnung. Dort angekommen, waren wir blutüberströmt, da ich (trotz all ihrer Warnungen) mit dem Kopf zuerst die Rutsche herunter gesaust war und nun ein riesiges Loch im Kopf klaffte. Vater fuhr bei dieser Gelegenheit erstmals und einmalig in Hauslatschen mit dem graublauen Ford ins Krankenhaus. Betty blieb derweil zu Hause und wurde ans Telefon gesetzt, da Mutter Bereitschaftsdienst als Röntgenassistentin hatte.
Wir Mädchen verstanden uns prächtig und spielten abends im Bett oft „Pippi Langstrumpf“ mit verteilten Rollen. Viele Texte der Schallplatten und Kassetten konnten wir auswendig. Allerdings beschwere ich mich bis heute bei Betty, dass ich niemals „Pippi“ sein durfte. Aber das Leben als kleinere Schwester war eben manchmal kein Ponyhof. Zudem war ihrer Meinung immer klar, wem ich bei „Dick & Doof“ nicht (!) ähnelte. Auch das guckten wir neben „Biene Maja“, „Sesam-Straße“ und „Fünf Freunde“ (mir George, Julian, Dick, Anne und Timmy dem Hund) super gern bis wir endlich im „Dallas & Denver“-Alter waren.
Angst hatte ich als Kind eigentlich nie und turnte sogar eine Zeit lang halsbrecherisch an Schwebebalken und Stufenbarren im Verein. Als ich auf der Tempelherren-Grundschule den Freischwimmer machen sollte, stand ich jedoch sehr lange zögerlich auf dem Brett und traute mich nicht zu springen. Mein Vater, der mit anderen Eltern im Becken war, schrie von unten: „Wenn du springst, kriegst du ein Bonanza-Rad – und ein Eis.“ Schwuppdiwupp, war ick drinne! Das rote Kultfahrrad ersetzte endlich das Kettcar und die Liebe zum Wasser (oftmals in nostalgischer Erinnerungsverbindung mit Langnese-Eis und Caprisonne) sollte mich ein Leben lang nie wieder loslassen.
Und die richtige Liebe? Auf der Luise-Henriette-Oberschule – ich war so irre intelligent, dass ich sogar aufs Gymnasium musste – stellte meine Freundin Carola den ersten Kontakt zu Stefan Nr. 2 her. Nummer 1 war bereits wegen ständiger Nörgelei (seinerseits) abgeschafft worden. Mutter fiel allerdings schon damals auf, dass die geliebte Tochter immer drei Schritte hinter dem Macho her laufen musste. Auf Rollerdiscos, wo sie ja nicht mit dabei war, sogar fünf. Trotzdem gab es dort den ersten umständlichen Zungenkuss.
Zeitgleich mit der Kündigung des Bravo-Abos, der Entsorgung des Monchichis, des rosa Scout-Schulranzens und vor allem des Pupskissens änderte sich meine Kleiderordnung. Waren zunächst noch dicke Schminke, die von Mami abgelegten Miniröcke, Hotpans und beinbrecherische Schuhe angesagt, folgten darauf olle Jeans, schwarze Cowboy-, später Doc-Martens-Stiefel und die „coolen“ Klamotten des Vaters. Besonders seine Hemden und die legendäre braune Cordjacke hatten es mir angetan. Alle weiblichen Familienmitglieder erinnern sich noch an das empörte Gesicht, als er mit seinem, auf dem Rücken mit Beulen versehenen, V-Ausschnitt Pullover vor dem Spiegel stand. Frau von Welt trug dieses Kleidungsstück nämlich vorzugsweise falschherum. Eine „Tussi“ war ich eigentlich nie, aber ich konnte mich auch richtig „aufbretzeln“. Als es einige Jahre später im Familienurlaub an der Côte d’Azur mal ins Casino gehen sollte, wurde Mutter zu Hause gelassen und ich schnappte mir ihren Ausweis. Ohne weiteres wurde ich als galant-mondäne Begleitung hineingelassen. In dieser Zeit gehörten auch noch „Vom Winde verweht“, „Pretty Woman“, „Dirty Dancing“ und „James-Bond“ zu meinen Lieblingsstreifen.
1984 wurde unsere Familie vornehmer, denn wir zogen in ein eigenes Haus in Mariendorf. Bevor es soweit war, musste „Kolonne Scheppert“ jedoch wochenlang uff´n Bau. Das bedeutete, dass Mutter und Betty Steine schleppten, Vater im Acker (dem späteren Garten) buddelte und ich stundenlang fegte. Nach getaner Arbeit trank Vater einen Whiskey, Mutter einen Wodka und für Betty und mich gab es ein Gläschen Eierlikör von Verpoorten.
Mein Zimmer hatte ich liebevoll in pink gestrichen – inklusive des Heizkörpers – und Bildchen aus der „Freundin“ klebten rund um den Türrahmen. Zunächst hatte noch ein lebensgroßer „George Michael“ aus Bravo-Posterteilen die Wand geziert, bevor die süßen Jungs von „Duran“, „Depeche Mode“ und „Tears for Fears“ endgültig das Kommando übernahmen. Die rosa Wände mussten nun natürlich schwarz-weiß gefärbt werden – auch die Heizstäbe! Aus dem Doppel-Kassettenrekorder erklang jetzt tagelang „The Wild Boys“. Ich hatte den Song fünfmal hintereinander auf Kassette aufgenommen, bevor dreimal „People Are People“ lief, womit ich meine Familie fast in den Wahnsinn trieb. Vater nannte uns bald nur noch „Wild Girls“ oder “Tochter A und Tochter B”, da auch für ihn diese Lieder schon Ohrwürmer waren.
leninplatz
Richtig hassenswert fand er nur Schlagermusik und verschwand beim Erklingen von Roland Kaiser, den Mutter so gerne hörte, schleunigst in den Garten. Wenn sie die Karel Gott Platte abspielte, ergriff er sogar Hals über Kopf die Flucht und nannte ihn abschätzend „Karel Pott, den brustkranken Neandertaler“. Aber auch Nicoles „Ein bisschen Frieden“ fand er scheiße, wobei er wiederum „Schlager der Woche“ mit Lord Knut im RIAS ganz okay fand, weil dort nämlich keine gespielt wurden, sondern eher Rock- und Popmusik.
Apropos Vater und Tochter: Obwohl ich meine Eltern immer gleichermaßen liebte, bin ich eindeutig „Vaters Tochter“, denn nicht nur den Zynismus und die Dickköpfigkeit habe ich von ihm. Auch die Gelassenheit, mit Dingen umzugehen, die eh nicht zu ändern sind, erbte ich augenscheinlich. Auf vielen alten Fotos ist sogar zu erkennen, dass wir oftmals die gleiche Mimik und Gestik haben. Außerdem konnte nur ich die so genannten „Scheppert-Nudeln“, eine Kreation aus Makkaroni, Tomatensoße, klein geschnippelter harter Wurst, geriebenem Edamer und einem Schuss zerlassener Butter so perfekt kochen, wie es uns Vater einst beigebracht hatte. Wir waren „ein Herz und eine Seele“ (seine Lieblings-Serie aus den 70igern).
Nur seine Sportbegeisterung konnten wir Mädchen nie teilen und gaben ihm nach je einem Spiel der Hertha im Olympiastadion und der Preussen in der Eissporthalle eine lebenslange Absage für solche Veranstaltungen. Nicht einmal Boris Beckers Sieg in Wimbledon und die prollige Trabrennbahn bei uns in Mariendorf wussten wir gebührend zu würdigen. Dafür ließen wir unseren ehrgeizigen Beamten-Vater im „Mensch-ärgere-Dich-nicht“, beim „Mau-Mau“, im „Monopoly“ oder auf der Minigolfanlage öfter mal gewinnen.
Während des Abis, welches ich später mit maximalem Erfolg bei minimalem Aufwand abschloss, fuhr ich mit meiner besten Freundin Conny nach London, um dort gackernd nach neuen Modetrends Ausschau zu halten, die perfekt zu unserem Musikgeschmack passten. Als ich dann auch noch den Führerschein in der Tasche hatte, war sowieso alles schick. Allerdings wäre mein Fahrlehrer dabei fast an einem Kreislaufkollaps gestorben – und das nicht nur bei der Autobahnfahrt auf der AVUS. Meine allererste Amtshandlung beim Selbstfahren war es dann, den Schaltknüppel an Mutters Renault R4 abzubrechen. Vater musste uns, die wir ganz betröpfelt in Kreuzberg 36 in der Nähe des Schlesischen Tors standen, abschleppen. Der R4 wurde entsorgt und ich wurde in die Generation Golf aufgenommen.
Einen Teil der Kosten für den Führerschein hatten die Eltern spendiert, aber in den Ferien erarbeitete ich mir stets mein eigenes Geld als Bedienung im Eiscafé im Schwimmbad am Insulaner. Vom ersten Gehalt beschenkte ich alle großzügig. Betty denkt noch heute gern an die bordeauxfarbenen Ballerinas, die sie von mir überreicht bekam und dann jahrelang überglücklich trug. Ich gab allerdings immer komplett aus, was ich besaß – vorzugsweise im KaDeWe, bei Wertheim, bei Renner, in der Pizzeria oder auf dem Trödelmarkt an der Straße des 17. Juni.
Im Sommer 1988 stand ich lange unter Schock, da Betty zu ihrem Freund ins Münsterland gezogen war und dort zu studieren begann. Aber am Ostersonntag 1989 stand sie plötzlich wieder mit Sack und Pack vor der Tür in Mariendorf und sagte, als sei nichts gewesen: „Ich bin weg von dem Spinner und wohne jetzt wieder hier.“ Alle freuten sich. Vater genehmigte sich einen Whiskey, Mutter trank ein Gläschen Wodka und ich köpfte mit meiner Schwester eine Flasche Sekt und hörte dabei grinsend „Come back and stay“ von Paul Young.
Etwa zu jener Zeit traf ich einen alten Bekannten wieder, mit dem ich fortan durch das nächtliche Berlin – diesmal ohne Kinderscheckheft – tingelte. Stefan 2 war wieder aufgetaucht. Wir gingen nun jedes Wochenende zusammen in Discos wie das Rock It, Far Out oder den Dschungel und manchmal auch zu Live-Konzerten ins Tempodrom-Zelt oder die Deutschlandhalle. Schnell entflammte „the Power of Love“, bzw. die Jugendliebe neu und diesmal wahrlich nicht im Sparmodus. An meinem 18. Geburtstag erklärte ich vor versammelter Mannschaft gewohnt beiläufig: „Wir wollen heiraten und nach dem Abi ziehe ich nach Hamburg.“ Whiskey, Wodka, Sekt und keine Vorwürfe von meinem Vater, obwohl meine Eltern erst mit über 30 den Bund der Ehe eingegangen waren. Nur die von Mr. Macho noch immer nicht sonderlich begeisterte Mutter fragte besorgt: „Ist das dein Ernst? Ohne Grund ist das aber nicht üblich! Und dein Studium?“ Ich antworte: „Das Leben ist viel zu kurz, um nicht auch mal was zu riskieren“, ahnte aber, dass ich mein Berlin mit einem lachenden und einem weinenden Auge verlassen würde.
Vorher gab es allerdings noch zwei große Ereignisse. Betty hatte sich in der Zwischenzeit in einen Popper mit Mittelscheitel aus Zehlendorf verknallt und war schwanger geworden. Als sich die kleine Lara dann endlich mühsam herausquetschte – im Kreissaal sah es aus wie nach der Völkerschlacht – drückte mir Oliver (der Vater) fix und fertig das Baby in die Hand und sagte: „Ich muss erstmal eine rauchen.“ Als frischgebackene Tante nahm ich das kleine Ding mit dem hilflos wirkenden Blick liebevoll in die Arme. Auch wenn ich Mico (meinen zwei Jahre später geborenen Neffen) gleichermaßen liebe, stellen unsere Familienmitglieder bis heute des Öfteren fest, dass Lara und ich recht artverwandt sind.
Die Mauer spielte in meinem Leben – bis auf drei schockierende Besuche bei sächselnden Verwandten in Karl-Marx-Stadt und einem verstörenden Klassenausflug nach Ostberlin mit 25 Mark Zwangsumtausch – nie eine große Rolle. Okay, als Kinder schauten wir lieber das Ostsandmännchen und manchmal fuhren wir auch mit dem Auto durch die „Zone“ zum Skilaufen nach Österreich, um dort den „Johannes-Hofer Einkehrschwung“ von Vater zu erlernen. Doch als Ronald Reagan im Juni 1987 vor dem Brandenburger Tor rief: „Mr. Gorbatschev, tear down this wall!“, war mir das vollkommen Schnuppe.
Die „ostige“ Nachbarstadt war mir total egal und genauso weit weg wie Peking oder Moskau, selbst wenn ich mit der U6, U8 oder der S2 unter ihr hindurchfuhr. Auf „this wall“ prallte man nur durch Zufall. Sie war meist bunt besprüht und im Leben kaum wahrnehmbar. Die Insel Berlin war in meiner Kindheit riesengroß, extrem grün und vor allem friedlich. Man konnte sich locker verlaufen und es wurde nie langweilig. Spätestens ab 15 war ich im Urlaub immer regelrecht stolz darauf, hier zu leben, denn dort gab es die größte Konzentration an Punks, Alternativen, Poppern, Skins, Wavern, Teds, Autonomen, Rastafaris, Heavys, Hools, Ökos, Pennern, Gruftis, Breakdancern, Freaks, Säufer, Straßenkinder und nur wenige Normalos. Wobei ich mich nie zu einer dieser Gruppen voll und ganz dazugehörig fühlte.
Den Mauerfall habe ich schlichtweg verpennt, doch am 10. November, nachdem die Straßen plötzlich von mit Stonewashed-Jeans und Blousons bekleideten Menschen mit Vokuhilas, Dauerwellen und Oberlippenbärten in ihren Trabis überfüllt waren, fuhr ich mit Conny dann doch mal zum Lehrter Stadtbahnhof, um mir am Übergang Invalidenstraße das Spektakel anzuschauen. Wir kamen mit zwei freudestrahlenden Jungs aus Ostberlin ins Gespräch, die gerade von einem Mann ihren ersten West-Zehner in die Hand gedrückt bekommen hatten. Später trafen wir sie durch Zufall Sekt trinkend vor dem Wasserklops am Breitscheidplatz wieder und begleiteten sie durch eine denkwürdige Nacht. Erst 20 Jahre stieß ich in einem Buch namens „Mauergewinner“ auf einen der Typen wieder, da er die Szene in seiner letzten Geschichte beschrieben hatte. Sein Werk – und für ihn die DDR – endete also genau mit dieser Begebenheit. Und komisch: auch für mich starb an jenem Tag mein Berlin, wie ich es gekannt und immer über alles geliebt hatte.

So wäre es also gewesen, wenn ich im Westteil der Stadt das Licht der Welt erblickt hätte. Ganz bestimmt. Ich schwöre – Pionierehrenwort!

Zum Weiterlesen: Berlin Leninplatz – Neues vom Mauergewinner
.

[Weiter...]


Dreamworld Australia – Koalaland

16. November 2014 | von | Kategorie: Blog, Koalaland

IMG_3478Keine Ahnung, wie oft wir ihn schon imaginär gesehen haben: in Fotobüchern und Hochglanzmagazinen, auf Postkarten, riesigen Postern oder im TV. Doch wenn man ihn das erste Mal erblickt, fühlt man sich trotzdem unvorbereitet. Kein einziges Bild wird diesem Anblick gerecht. Nach einer Kurve, hinter einem kaum wahrnehmbaren Hügel, verharren wir in nahezu hündischem Staunen. Der magische Berg erscheint kaminrot am Horizont. Er ist jetzt das höchstaufragende Ding auf der ganzen Welt! Wir hatten mehrere Ozeane und Kontinente überflogen, um nach Australien zu gelangen, waren tagelang durch eine ungezähmte Einöde ins rote Zentrum des Landes gefahren, nur um diesen einen Augenblick erleben zu dürfen. Wir sind am Ziel unserer Reise. Dass ein Lebenstraum so bewegend in Erfüllung gehen kann, hatten wir nicht erwartet.
Wir steigen aus und knipsen den „kleinen“ Uluru. Die rote „Majestät“ ist hier noch so winzig, dass wir ihn zwischen Daumen und Zeigefinger nehmen können und aus einer Linse des Glücks betrachten können. Keine Fliege der Welt kann uns nun am Verweilen hindern. Sie versuchen in Ohren, Augen, Nase, in den Hals und selbst in die Po-Ritze zu krabbeln, doch wir grinsen mit schwarz gesprenkelten Kleidern in die Kamera. Auf diesen Fotos sehen wir unfassbar glücklich aus. Bilder wie aus einem Liebesfilm, doch die Wirklichkeit schlägt die Fiktion um Längen. Der Berg ist greifbar und echt geworden.
Seine gewaltigen Ausmaße, der Uluru ist 348 Meter hoch, drei Kilometer lang und hat einen Umfang von etwa neun Kilometern, begreifen wir erst beim Näherkommen. Perplex stellen wir fest, dass er nicht oval wie ein eingebuddelter Football, sondern unförmig und an einigen Stellen fast rund ist. In der Breite misst er eben auch bis zu zwei Kilometern. Mit 30 km/h rollen wir ihm andächtig entgegen, während im CD-Player „Dreamworld“ von Midnight Oil läuft. Überall sind nun auch tiefe Furchen, Einkerbungen und Schluchten zu erkennen.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Am Parkeingang zum Weltkultur-Naturerbe kassieren sie ordentlich ab. Sei es den Aborigines, denen das heilige Land nun wieder gehört, vergönnt. Es heißt, dass alle Traumzeitreisen dort hinführen oder enden. Wir ahnen, warum – verstehen können wir diese Kultur noch immer nicht, denn es gibt in ihr kein Gestern, Heute oder Morgen. Wir nehmen uns vor, dies auf unserer Weiterreise zu verinnerlichen.
Ein großes Schild weist darauf hin, dass die Anganu-Ureinwohner aus mythischen Gründen nicht wünschen, dass der Felsen bestiegen wird, doch aus der Ferne sehen wir einen nicht enden wollenden Strom sich bewegender Punkte. Dicke, dürre, große, kleine, junge, alte und vor allem dumme Menschen fallen wir eine Ameisenarmee über den Uluru her. Warum? Was wollen sie dort sehen? Leere, unermessliche Weite, das Ende der Welt? Nur auf der Ebene macht einen der Berg klein und vergänglich wie ein Wüstenstaubkorn. All jene, die sich über ihn erheben wollen, geben sich der Lächerlichkeit preis, denn ein Wunder bekommen sie auf dem Gipfel sicherlich nicht geschenkt. Aufgrund von Überschätzung, durch die sengende Hitze oder durch Unachtsamkeit haben zudem bereits über 30 Menschen ihr Leben am Uluru verloren.
Auch heute ist es brütend heiß – ohne ein Wölkchen am lichtblauen Himmel –, sodass wir unser eigentliches Vorhaben, den Berg zu Fuß zu umrunden, aufgeben. Außerdem haben die summenden Fliegen in den Ohrmuscheln jetzt auch ein Wort mitzureden. Wir laufen immer nur kürzere Abschnitte entlang des zerklüfteten Fels, berühren ihn kurz, um dann 200 Meter weiterzufahren. Dort wird das Ritual wiederholt, bis wir ein Mal herum sind. Leider werden auch die längst geplünderten „Sacred Places“ von einigen Touristen in schierer Respektlosigkeit abgelichtet, obwohl dies von den Anganu ausdrücklich nicht erwünscht ist.
Wir machen Fotos, die uns mit gebührendem Abstand vor dem roten Ungetüm zeigen. Einige davon zeigen uns lachend auf dem heißen Blechdach des Campers liegend. Es sind Bilder voller Glück und Harmonie, die wir sicher noch in dreißig Jahren wehmütig betrachten werden.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Im Visitor Centre erfahren wir, welche Mythen dem Uluru von den Ureinwohnern zugeschrieben werden, doch ganz ehrlich: Mit Teppichschlangen- und Hasenkänguru-Menschen, Tannenzapfen-Echsen und Regenbogen-Schlangen können wir recht wenig anfangen. Für uns geht eine ganz andere Faszination von diesem Giganten aus. Eine Faszination, die uns für immer daran gemahnen wird, dass wir diese Reise gemeinsam unternommen haben und nun angekommen sind. Der N & M-Mythos.
Etwa 50 Kilometer weiter erreichen wir die „Kata Tjutas“. Die runden Brocken – auch „Olgas“ genannt – erinnern an im Solarium verbrannte Brüste oder rote Glatzköpfe. Die höchste Erhebung der ebenso spektakulären Massive heißt Mount Olga und wurde nach der Königin Olga von Württemberg benannt. Leider wird uns auch die Wanderung im „Valley of the Winds“ durch schwarze Wolken voller Fliegen verleidet, sodass wir bei großer Hitze und ohne spürbaren Windhauch nicht alle Aussichtspunkte erkunden können und wollen. Gegen 17.30 Uhr haben wir das Kapitel „King Uluru“ und „Queen Olga“ demnach abgeschlossen.
Auf einem eingezeichneten, hunderte Parktaschen umfassenden Betonareal stehen schon unzählige Autos und Reisebusse. Unförmige Menschen mit engmaschigen Gittern vorm Gesicht streiten sich um die besten Plätze zum Sonnenuntergang. Die mit der guten Sicht stellen Tische und Stühle vor ihre Wagen und trinken Champagner. Allen anderen wird der Blick durch Spinifexbüschel und hoch aufgeschossene Büsche verstellt. Sie müssen sich hinten anstellen oder woanders ihr Glück versuchen.
koalaland
Doch wo? Fast überall gibt es durchgezogene gelbe Linien am Straßenrand mit dem Hinweis: „No Stopping Anytime.“ Auf all das haben wir überhaupt keine Lust! Wir wollen die Farborgie alleine genießen und fahren zu der Stelle zurück, an der wir den Zauberberg das erste Mal im Miniaturformat gesehen haben. Dort finden wir, was wir suchen: einen Ort, der uns das Glück wie eine Faust in den Magen rammt. Der Uluru gehört uns hier ganz allein. Keine Volksfeststimmung – nur Nina und Micha.

Längst haben wir den Champagner (also zwei Dosenbier) aufgezischt und betrachten – auf dem Dach unseres Campers sitzend – das steinerne Chamäleon in Technicolor: orange, orangerot, burgunderrot, feuerrot, kaminrot, terracotta, blutfarben, purpurrot, fliederviolett, schiefergrau, schwarz. Erstmals im Leben konzentrieren wir uns ausschließlich auf das Jetzt. Zeitgleich flüstern wir: „Ich liebe dich.“ Wir haben uns fürs Glück entschieden.

Zum Weiterlesen: “Koalaland”- ein Australienroman

.

.

[Weiter...]


Kuhle Gruppenratswahl – Jugend in der DDR

12. November 2014 | von | Kategorie: Berlin Leninplatz, Blog

Jugendweihebuch alle Der 11. März 1985 – ein ganz normaler Montag. Mutter stand wie immer 6.50 Uhr auf und schaltete um 6.55 Uhr das Radio im Wohnzimmer an. „Was ist denn heut bei Findigs los?”, lärmte ins Kinderzimmer in Lautstärke 8. Bei Stufe 9 wäre unser Neubaublock zusammengefallen. Im Berliner Rundfunk liefen, wie gewohnt, die „Findigs“ – eine bescheuerte Familie, mit Mutter, Vater, Jani, Jockl, Pit und Peggy Findig, die in einer Art Hörspiel, den ganz gewöhnlichen DDR-Alltag darzustellen versuchten. Als die Nachrichten begannen, wurde die Kühlschranktür aufgerissen. Das Geräusch war zwar für uns Kinder nicht hörbar, wurde jedoch von Otto, dem Meerschwein, umso deutlicher wahrgenommen, denn es begann sofort derart laut zu quieken, dass Benny und ich endgültig stramm im Bett standen. Die Tür flog auf. Ein fieser Schrei: „Kinder! Aufstehen! Oder wollt ihr zu spät zur Schule kommen?“ Ein ganz normaler Montagmorgen in der Mollstraße.

Wenigstens hatten wir nicht Nullte Stunde. Müde war ich dennoch und ausgerechnet heute musste ich noch zum fakultativen Englisch in der 7. Stunde. Als wäre das nicht schon Strafe genug, würde danach eine außerplanmäßige Gruppenratswahl anstehen, da unsere Vorsitzende und Vorzeigeschülerin Coco umgezogen war, wie es eine Zeit lang hieß und wir neu wählen mussten. Lydia hatte vor zwei Wochen einen Brief von ihr bekommen und die Begriffe „Ausreiseantrag“, „Rübermachen“ und „Landesverräter“ hatten unseren Wortschatz erweitert.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Nach dem Zähneputzen mit Putzi (unsere Eltern meinten, dass wir noch nicht im „Rot-Weiß-Zahnpasta-Alter“ wären) und einer Katzenwäsche ging ich in die Küche und packte die blaue Dose – Marke „Plaste und Elaste aus Schkopau“ – in der die von Mutter geschmierten Stullen lagen, in meine schwarze Aktentasche. Das Ding mit dem Zahlenschloss hatte vor einem Jahr den braunen Schulranzen ersetzt, da die Koffer jetzt urst einfetzten. Daneben lag ein bekritzelter Zettel: „Mark! Bring den Mülleimer runter!“ Meine Mutter konnte schon am Montag ziemlich ätzend sein. Ich hob den leicht verrosteten Eimer aus der Verankerung, ging zum Fahrstuhl und drückte auf die 1. Der Müllschlucker-Raum im 9. Stock war seit ein paar Wochen gesperrt worden, da irgendein Idiot den Schacht mit Pappe verstopft oder seine Mutter darin versenkt hatte. ‚Scheiße‘, dachte ich, als ich unten ankam. An den Briefkästen standen Ute, Anja und Lydia aus meiner Klasse, die anscheinend gerade Diana abholten. Um mir die Peinlichkeit zu ersparen, direkt vor den Weibern den stinkenden Wochenendmüll zu entsorgen, ging ich mit stierem Blick geradeaus weiter zum Hausausgang, den Eimer dabei von meinem Körper geschützt haltend, und lief in Richtung Schule. „Ey Scheppi. Haste heute ‘nen Vortrag in Bio?“, rief mir Bommel kurz vor dem Ziel lachend zu. ‚Ach du meine Nase‘, ich hatte den Müll – in Gedanken versunken – fast bis auf den Schulhof geschleppt. Eilig rannte ich zurück und versteckte das Ding im Gebüsch des Rosengartens. Wie peinlich.
Die üblichen Verdächtigen standen am Zaun und diskutierten über eine Folge von „Western von gestern“ und das 9:0 des BFCs gegen Stahl Riesa. „Wisst ihr eigentlich, dass Jan Voss bei mir im Haus wohnt?“, rief ich, da er das sechste Tor geschossen hatte. Ich war froh: die Mülleimeraktion hatte außer Bommel niemand bemerkt. „Voss, die Pfeife“, rief Trulli. „Andi Thom ist tausendmal besser!“
UNION_BFC
Das stimmte sogar, da wir beim Spiel im Jahnsport-Park gewesen waren und unseren neuen Fußballgott gemeinsam bejubelt hatten. Ich konnte keinen fetzigen Spruch entgegensetzen. Die Woche begann echt scheiße und nicht mal Andi, der zu Hause nur Osten glotzen durfte, erzählte etwas Dämliches über Winnetou-Indianer, „Ein Kessel Buntes“, „Polizeiruf 110“ oder „Außenseiter – Spitzenreiter“.
Als die Schulklingel ertönte, kamen unsere kichernden Mädchen um die Ecke und auch Bergi und Tessi, die noch eine bei den Großen gepafft hatten. Zusammen liefen wir die Treppen hinauf ins Klassenzimmer.
Erste Stunde Mathe! „Ich melde, die Klasse 7B ist zum Unterricht bereit“, salutierte Ute vor dem Lehrertisch, da sie als Stellvertreterin diese nervige Aufgabe von Coco übernommen hatte. Ich war nicht so schlecht im Rechnen und Kombinieren, aber da mich Herr Blase nicht sonderlich mochte – was auf Gegenseitigkeit beruhte – gab ich mir in dem Fach wenig Mühe und stand zwischen Zwei und Drei. Seit letztem Jahr war Blase auch noch unser Klassenlehrer geworden. Im Zeugnis der 6. Klasse hatte er über mich geschrieben: „Mark schöpft seine geistigen Fähigkeiten nicht aus. Er ist in der Lage, besonders im Bereich logisches Denken, gute Ergebnisse zu erzielen. So könnte er durch bessere Mitarbeit den Unterricht positiv beeinflussen. Mark tritt selbstbewusst auf und ist in der Lage, frei und ohne Hemmungen zu sprechen. Wenn er sein Pflichtbewusstsein noch erhöht, kann er die Aufgaben innerhalb der Pionierorganisation vorbildlich erfüllen. Es gelingt ihm aber noch nicht immer, seine Schwächen, die in der Disziplin zu suchen sind, zu bekämpfen und die Klassenkameraden stets positiv zu beeinflussen“.
Zeugnis hinten
Das mit der schlechten Disziplin war seit kurzem allerdings wichtig geworden, denn wer in der Kopfnote „Betragen“ eine 1 bekam, galt als Streber. In Ordnung, Mitarbeit und Fleiß konnte man sich das hingegen leisten.
Heute erklärte uns Blase, wie wir die Quadratwurzel der Zahlen mit einem Wert zwischen 1 und 100 mittels Rechenschiebers (des „VEB Mantissa“ aus Dresden) ermittelten. Das war nicht besonders schwierig, da man die gesuchte Zahl mit dem Läufer auf der Skala A einstellte und das Ergebnis auf der Skala D nur ablesen musste. Bommel und Tessi lachten sich trotzdem kaputt, weil sie die Lösung auf ihren West-Taschenrechnern schon nach acht Millisekunden gewusst hatten. Vorsprung durch Technik. Währenddessen kloppte Fränki mit der ausgezogenen hellgrünen Zunge des Rechenstabs dem Oberstreber Lars dermaßen aufs rechte Schulterblatt, dass der sofort zu heulen anfing und Blase brüllte: „Ruhe, verdammt nochmal Lars Stoch! Alle schlagen Seite 14 des Tafelwerks auf.“ Man musste ihm zu Gute halten, dass er im Gegensatz zu anderen Lehrern, Streber- und NVA-Kinder niemals bevorteilte und Rowdys manchmal sogar vor der Schulleitung verteidigte.
Bei Frau Frisch, die wir in der zweiten Stunde hatten, verhielt sich das komplett anders. Seit diesem Schuljahr quälte uns die stellvertretende Direktorin im neu auf dem Stundenplan stehenden Fach „Staatsbürgerkunde“ damit, für eine gute Note genau das zu schreiben und nachzuplappern, was sie hören wollte. Auf dem Titel des Schulbuches stand „Einführung in die sozialistische Produktion“. Und das war sowas von arschlos, dass es schon im ersten Halbjahr ein Tadel für Tessi gab, der aus purer Langeweile mit seinem Druckbleistift von KOH-I-NOOR die Lehrerin mit kubanischen Apfelsinen-Schalen beschossen und sich mit dieser Aktion angeblich über hungernde Kinder in Afrika lustig gemacht hatte. Er bekam einen Eintrag ins Hausaufgabenheft und konnte sich zu Hause „frisch machen“.
Die NVA
Fünf Minuten nach Beginn des Unterrichts meldete sich Stefan: „Frau Frisch. Was sagen sie eigentlich dazu, dass der Tschernenko gestern abgenippelt ist?“ Unsere Lehrerin starrte ihn lange mit stechendem Blick an und schrie dann mit roter Rübe: „Das ist nicht wahr! In der ‚Aktuellen Kamera‘ und im Radio wurde davon nichts berichtet! Stefan Waran, du erhältst einen Tadel auf dem nächsten Fahnenappel!“
Ich ärgerte mich. Durch die „Findigs“ hatte auch ich nur DDR-Funk gehört. Sollte schon wieder einer der alten Männer, nach Breschnew und Andropow in der SU gestorben sein? Niemand aus der Klasse stand Stefan zur Seite, obwohl die Frisch schon öfter mal gedroht hatte, ihn in den Jugendwerkhof zu schicken. Wenn das sein Vater wüsste. Der Jugendwerkhof für schwererziehbare Rüpel war neben der Kloppi-Schule für lernbehinderte Blödis und dem „Griesinger“ für geistesgestörte Spasten das Sinnbild dessen, wo man nicht so gerne hinwollte. Erstrebenswerte Ziele, außer vielleicht Kosmonaut oder Feuerwehrmann zu werden, gab es allerdings auch keine, die ein 7-Klässer gerade so vor Augen hatte.
Kosmonaut

In der Milchpause bildete sich ein Pulk um Stefan. „Na das haben sie doch heut früh beim RIAS gesagt. Der Typ ist mausetot!“, erklärte der Bäckersohn. Er wusste, dass er durch den Tadel in unseren Reihen an Achtung gewonnen hatte. Plötzlich kam über die Lautsprecheranlage krächzend die Ansage, dass die Schüler der 2. POS Käte Duncker sofort zum Fahnenappel antreten sollen. Wie gewohnt marschierten wir im Gleichschritt in Zweierreihen zu Arbeiterkampf-Liedern zum Appellplatz und bezogen vor der Schule Aufstellung. Das für Pioniere übliche „Für Frieden und Sozialismus. Seid bereit!“ und das „Freundschaft“ für FDJler wurde vom GOL-Vorsitzenden Jungblut gebrüllt. Alle antworteten wie befohlen mit „Immer bereit“ und hoben den rechten Arm mit der flachen Hand über den Kopf gen Himmel. Die Großen brummten „Freundschaft“ mit den Händen in den Taschen.
Unsere Direktorin Frau Seifert stellte sich auf eine kleine Empore und schmetterte ins Mikrofon: „Soeben wurde bekannt, dass der 1. Generalsekretärs des ZK der KPdSU und Vorsitzende des obersten Sowjets Konstantin Tschernenko, ein hervorragender Parteifunktionär und Kommunist, verstorben ist. Wir trauern um den Führer der ruhmreichen Sowjetunion und der sozialistischen Bruderstaaten und legen eine Schweigeminute ein.“ Jungblut kurbelte theatralisch die DDR-Fahne auf Halbmast. Verzweifelt suchte ich nach Frau Frisch, um ihr zuzurufen, dass Stefan doch recht gehabt hatte und kein vermeintlicher Konterrevolutionär ist. Was für ein Skandal!
5 Rosa Luxemburg POS
Ich ahnte, dass wir spätestens morgen wieder Appell haben würden, um zu erfahren, welcher Grauhaarige der Nachfolger geworden war. Plötzlich hatte ich eine Idee. „Was hältst du eigentlich davon, heute Gruppenratsvorsitzender zu werden?“, fragte ich Stefan. „Biste jetzt total bescheuert Scheppi?“, rief er zurück und zeigte mir einen Vogel. „Na nur, um die olle Frisch ein bisschen zu ärgern“, antwortete ich und sah in seinen Augen nun keine gänzliche Ablehnung mehr. „Nee, lass das mal lieber wieder die Weiber machen“, murmelte er. „Nur für drei Wochen. Danach können wir dich ja wieder abwählen“, doch mein Freund schüttelte energisch den Kopf.

Wir holten unsere Turnbeutel aus dem Foyer und gingen hinüber zur Sporthalle in die Umkleideräume. Dort trafen wir auf die Idioten der A-Klasse. Eigentlich war die Zeit der kindlichen Sprüche: „A, wie Arschloch“ und „B, wie Blödis“, längst vorbei (im Umkehrsatz hieß es „A, wie artig“ und „B, wie besser“), aber Konkurrenz herrschte noch immer, die wir besonders im Fußball auslebten. Herr Pinka ließ uns zum Aufwärmen auf dem Sportplatz gerne mal 20 Minuten gegeneinander (an)treten, was wir natürlich viel fetziger als 3.000-Meter-Crossläufe im Friedrichshain fanden. Mit „Union-Didi“ hatten wir den besten Spieler in unseren Reihen und auch ich konnte mich ab und an in die Torschützenliste eintragen. Wir gewannen diesmal mit 2:0 und verbesserten unsere Bilanz auf 4:1 Siege in diesem Schuljahr. Danach ging es in die Halle zum Hochsprung nach Noten.

3 Turnhalle
Für die 1 mussten wir 1,34 springen, was außer den richtig Fetten (wie Tessi) egal ob im Scherensprung, Wälzer oder Flop, allen gelang. Andi schaffte später beim Rekordspringen sogar sensationelle 1,64 Meter, womit er locker auf die Kinder- und Jugendsportschule (KJS) kommen könnte. Das war eigentlich auch noch ein erstrebenswertes Ziel in unserer sportverrückten Nation. Lediglich Boschi sorgte für allgemeine Belustigung. Alle Weiber, die „sportfrei“ (oder „Erdbeerwoche“, wie Enrico aus der A das nannte) hatten, saßen hinter der dicken Hochsprungmatte und lachten sich scheckig. Boschi trug – wie alle – ein ärmelloses gelbes Shirt und eine weiße Turnhose. Er hatte aber keinen Schlüpfer darunter! Bei jedem Sprung zeigte er seine nackte Nudel, die dann aus der Seite herausbaumelte. Die Mädels kreischten und da er jede Höhe immer erst im dritten Versuch meisterte, vermutete ich, dass er seinen halbsteifen Pimmel ganz gerne zur Schau stellte. Ungeduscht und ausgebuht ging er allein hinüber zur Schule. Das war vielleicht ein Kunde. Wir indessen ärgerten uns auf dem Rückweg, den Weiber-Hochsprung mit diversen Wackeltitten und Saftmuschis während des Fußballs verpasst zu haben – besonders die Versuche von der Oberfotze Anja Richter! Die kuhlen Wörter hatte auch Enrico aufgebracht.
Russisch-Unterricht. In der sechsten Klasse hatte ich eine aus Moskau kommende Lehrerin einmal mit dem Spruch „Russki, Russki, du musst wissen, deine Sprache ist beschissen!“, zum Heulen gebracht. Dafür handelte ich mir meinen bisher einzigen Tadel ein und zu Hause gab es richtig Ärger. Bis ich beim heimlichen Lauschen im Wohnzimmer mitbekam, dass mein Vater den Satz eigentlich ziemlich lustig fand und ihn nach vier Bieren und drei Korn etliche Male wiederholte.
Silvester früher
Unsere neue Lehrerin, Frau Nina Ebert, war Deutsche, strenger und nicht so leicht aus der Fassung zu bringen, doch die Sprache blieb nach wie vor beschissen, da wir sie nie – wie uns immer weißgemacht wurde – auf dem Alex oder im FDGB-Urlaub anwenden konnten. Es gab einfach keine Komsomolzen (oder normale Bürger der Sowjetunion) in unserem Umfeld, außer im internationalen Pionier- und Mathelager in der Wuhlheide, wo nur die Streber hinfuhren. Die unzähligen Kasernen der „Freunde“ im Umland Berlins waren hermetischer als die Mauer nach Westberlin abgeriegelt. Dabei fanden wir die Sprache in der 5. Klasse zunächst noch ganz spannend, vor allem wegen der kyrillischen Buchstaben und weil die Worte so komisch klangen. Das Wort „Dostoprimetschatelnosti“ (Sehenswürdigkeiten) werden wir auch noch in 50 Jahren fehlerfrei aussprechen können. Doch die Euphorie flachte schnell wieder ab. Niemand wollte eine Brieffreundin in Leningrad, Baku oder Moskau haben. Unser heimlicher Spruch lautete nunmehr: „Nina, Nina, tam kartina. Eto traktor i motor.“ (Nina dort ist die Karte. Das ist ein Traktor und ein Motor). Nach drei Rotkäppchen-Sekt im Lehrerzimmer und spätestens während der Heimfahrt in ihrem knallroten „Zappelfrosch“ hätte wahrscheinlich sogar „Tawarisch“ Ebert darüber gelächelt. Alle waren froh, als die Pausenklingel ertönte.
In den Schulkeller zur Essensausgabe, die vom Vollalki-Hausmeister Meier bewacht wurde, ging kaum noch einer. Enrico hatte mich in der 6. Klasse dort unten mal einen „Wichser“ genannt und ich traute mich nicht, ihm eine zu scheuern, da er im Judo war. Was das Wort bedeutete, wusste ich damals auch nicht.
Heute gab es „Tote Oma“, doch Blutwurst hatte ich schon in Scheibenform auf den Pausenstullen gehabt. Obwohl ich zu Hause immer das Essensgeld abkassierte, ging ich in der großen Pause lieber in die Koofi oder zu jemand nach Hause. Bei schönem Wetter spielten wir Autokarten, Skat, Offiziersskat oder Telespiele aus sowjetischer Produktion auf dem Sockel des Lenin-Denkmals.
Leninplatz1
Zurück auf dem Hof gab es Krach. Die komplette A-Klasse umringte Kosert aus der 8., der sich wie immer, wenn er geärgert wurde, in die Handfläche biss. Sie schubsten ihn von einer Seite zur anderen. Wenn es darum ging, Schüler aus höheren Klassen fertig zu machen, hielten wir meistens zusammen. „Der Spasti gehört doch ins Griesinger“, brüllte Bergi, der sich gerne mal bei den A-Typen einschleimte, wobei er mit seiner Aussage nicht ganz Unrecht hatte. Ulf Kosert schien echt eine Vollmeise zu haben, nicht zuletzt, weil er ständig seine Popel fraß, irgendwo herumkokelte oder in Speckitonnen wühlte und stets irgendwie keimig aussah. Niemand half ihm und sein Martyrium endete erst, als die 5. Stunde begann.
Wir hatten Geografie beim Gahler. Der Typ mit dem leicht ergrauten Vollbart, der morgens immer in Lederjacke auf einer schwarzen MZ angebraust kam, war urst in Ordnung. Auch wenn das bei Geo gar nicht nötig war, fand der Unterricht im Laborzimmer im dritten Stock am Ende des Flures statt. Hier war sein Reich, denn auch Biologie hatten wir dort bei ihm, wo wir dicke Regenwürmer zentimeterweise durchtrennen und die Großen sogar Frösche sezieren durften. Unser Blätter- und Pflanzenbuch, welches durch ständige Exkursionen in den Volkspark, die Wuhlheide und sogar bis nach Hirschgarten erweitert wurde, hatte mittlerweile die Stärke des Kapitals, welches uns die Frisch ständig um die Ohren schlug. Doch im Gegensatz zu Marx-Zitaten konnten wir uns die mit DUOSAN eingeklebten Gewächse auch merken. Die Laborzimmer waren außerdem viel fetziger, da wir dort – getrennt von einer Mittelkonsole – zu dritt in einer Reihe an einer Art Werkbank sitzen konnten und nicht, wie gewohnt, in einem frisch gebohnerten Raum an exakt ausgerichteten Tischen nur zu zweit.
Was Geo besonders spannend machte, war der Wettbewerbscharakter, den der Gahler in den Vordergrund stellte. Fast immer holte er eine große DDR-Karte auf einem Kartenständer aus dem Lehrerkabinett, die auch in unserem Schulatlas in Klein vorkam, stellte sie vor uns auf und rief: „Merkt euch bitte alle Salz-, Kali und Braunkohle-Vorkommen.“ Nach fünf Minuten drehte er die Karte um und holte eine stinknormale DDR-Landkarte. Nun wurde ein Schüler nach vorne gerufen und musste auf dieser mit dem Zeigestock auf die zuvor gesehenen Bodenschätze deuten. Wenn man Glück hatte und wirklich alle Standorte noch wusste, gab es sofort eine 1 ins Klassenbuch. Komischerweise war hier niemand richtig schlecht. Die 14 Bezirkshauptstädte der DDR plus Berlin – sogar Suhl oder Gera – hätten wir ihm mit verbundenen Augen zeigen können. Meine Begeisterung für diese Art der Wissenserweiterung ging so weit, dass ich irgendwann sogar alle Hauptstädte der Welt auswendig wusste und mein kleiner Bruder Benny, der mich immer abfragen musste, auch! Doof fanden wir dabei nur, erst zwei dieser Metropolen gesehen zu haben. Berlin und Prag in der ČSSR. Aber im kommenden Jahr hatte uns Vater Budapest fest versprochen – das erzählte ich auch Herrn Gahler voller Stolz. Obwohl es heute nur um farblich unterschiedlich gekennzeichnete Bodenarten ging – was wohl für die LPGs ziemlich wichtig war– vergingen die 45 Minuten wie im Flug.
Scan10006
Nun ging es zur Deutschstunde bei Frau Wagenbach. Die dunkelhaarige Lehrerin mit dem verschmitzten Lächeln mochte eigentlich jeder. Sie war jung, lustig, fair und vor allem sauhübsch. Wenn sie in kurzen Röcken und mit Schlafzimmerblick die Gänge entlang schwebte, schauten sich alle Jungs um und die Großen pfiffen ihr hinterher oder machten unmoralische Angebote. Aber auch ich würde diese Traumfrau gerne mal küssen wollen, wenn ich alt genug dazu wäre. Außerdem war der Unterricht bei ihr nie langweilig, da sie in verschiedenen Stimmlagen, die Rollen aus Büchern lebensecht vortrug und so auch Lesemuffel überzeugte, dass Pflichtlektüre urst einfetzen konnte. Wir verschlangen regelrecht Bücher wie „Käuzchenkuhle“; „Ede und Unku“, „Bootsmann auf der Scholle“, „Das siebte Kreuz“, „Nackt unter Wölfen“, „Djamilja“ und „Timur und sein Trupp“.
Timur
Besonders das Werk von Arkadi Gaidar hatte es uns angetan. Alle wollten danach „Kommissar“ sein, wie Timur manchmal genannt wurde, oder wenigstens Kolja, Geika, Wassili oder Sima aus seiner Truppe. Der fiese Anführer der Bösen, „Kwakin“, war natürlich immer einer aus der Parallelklasse, den wir, falls wir mal einen allein erwischten, in den Bauch boxten oder wenigstens die Beine von hinten stellten. Die verrückte Ina aus der A wurde eine Zeit lang Shenja (wie Timurs Freundin) genannt, aber vielleicht hatte sie das auch selbst aufgebracht. Einige organisierten sich sogar als Timurhelfer, die in ihrer Freizeit Nachbarschaftshilfe oder Subbotnik bei alten und kranken Leuten leisteten, für sie einkauften oder deren Altstoffe selbstlos abgaben, denn Timurhelfer wollten keinen Dank.
In Deutsch hatte ich immer eine 1 und Frau Wagenbach ermutigte mich, auch Bücher aus höheren Stufen zu lesen. So war ich der erste meiner Klasse, der „Die Abenteuer des Werner Holt“ gelesen hatte, welches dann durch die Bank weitergereicht wurde. Timur geriet alsbald in Vergessenheit, da nun alle den kuhlen Flakhelfern – mit Namen wie Wolzow, Gomulka oder eben Holt – nacheifern wollten.
Danach verabschiedeten sich all meine Freunde, da niemand von ihnen am Fakultativ-Unterricht Englisch teilnahm, wenngleich auch der bei Frau Wagenbach stattfand. Es hieß: „Ich mach hier doch keine Zusatzstunden“, was ich eigentlich ähnlich sah. Lediglich weil man ohne eine zweite Fremdsprache nicht zum Abitur zugelassen werden würde, hatte mich mein Vater nach langer Diskussion und dem Hinweis, dass ich dann endlich die „Beatles-Songs“ verstehen würde (die wir gar nicht hörten), überzeugt, doch mitzumachen. Aber bei „Hey Music“, der Hitparade des SFBs, waren ja auch fast alle Titel in Englisch, gestand ich mir irgendwann ein.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Die Entscheidung bereute ich nicht, da der Unterricht zusammen mit der A-Klasse stattfand – ohne deren Obermacker Enrico, Thomas und Höhne, dafür aber mit den hübschesten Mädchen der Schule. Wahrscheinlich hatten sie bei der Einschulung allen gut aussehenden weiblichen Kindern das Prädikat „A-Klasse“ verpasst. Nein, ganz so hässlich waren unsere Weiber auch wieder nicht, aber die richtigen Topbräute gingen nun mal in die Nachbarklasse.
Ina war mit ihren zwei blonden Zöpfen und den knallblauen Augen tatsächlich das Sahnetörtchen schlechthin. Dummerweise war sie verrückt. Sie klaute Blumen, um sie vor der Kaufhalle zu verkaufen, kam öfter barfuß oder halbnackt zur Schule und war vor allem im Ferienlager mal abgehauen und drei Tage allein durch die Wälder von Thüringen getingelt, was sie supergeil gefunden hatte, obwohl ihre Eltern und ein riesiger Suchtrupp in großer Sorge gewesen waren. Ina war zudem die Einzige, die sich mit dem Mongo Kostert – natürlich in Geheimsprache – unterhielt und ihn oft in Schutz nahm. Ich mochte das süße Zopfmädchen dennoch, aber sie anzubaggern, barg die Gefahr, schnell mal ein Messer zwischen die Rippen zu bekommen. Ina konnte aus der Hand lesen und dabei wunderbar unser Schicksal und die Welt erklären. Angeblich hatte sie auch schon mal gefickt.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Dann waren da noch Simone und Nadja. Die gaben sich mit uns „Spastis“ überhaupt nicht ab und gingen mit Typen aus der 9. auf anderen Schulen. Obwohl die eine dünn und brünett und die andere schon vollbusig und schwarzhaarig war, benahmen sie sich wie eineiige Zwillinge. Man traf sie niemals allein und wenn man sich trotzdem mal traute, eine der beiden anzusprechen, machten sie sich sofort über einen lustig. Sie wussten, dass sie toll aussahen, zumal sie Westverwandte hatten und die schärfsten Klamotten der Schule trugen. Bei ihnen waren Füller, Tintenkiller und sogar die Radiergummis ausschließlich von „Pelikan“. Besonders in Nadja war ich schwer verliebt, doch es bestand keine Chance, jemals an sie heranzukommen.
Vor Englisch ging ich trotzdem immer aufs Klo, um meine Haare zu richten und Pickel im Gesicht auszudrücken (was die Sache meist schlimmer machte). Auch wenn ich gerne mal zu „übersteigertem Selbstbewusstsein“ (O-Ton Herr Blase) tendierte, bekam ich im Unterricht kaum einen geraden Satz heraus, da sich die A-Tanten sofort umdrehten und kicherten. Mitarbeit 5 – very good! Ich war daher immer froh, wenn Frau Wagenbach den Fernseher anschaltete und wir „English for you“ mit Dave und Jenny schauen durften, die in Großbritannien alles scheiße fanden, weil es dort Staus, Streiks, Arbeitslosigkeit, hohe Mietpreise, Kriegstreiberei, Profitgier oder einfach nur Kapitalismus gab.
Um 13.45 Uhr wurde ich auf den Hof entlassen, wo nach und nach meine Kumpels mit weißem Pionierhemd zur anstehenden Gruppenratswahl eintrudelten und sich das rote Halstuch liederlich zum Pionierknoten banden. Auch ich holte die zerknitterten Sachen aus meinem Koffer und zog mich um.
Zwanzig Minuten später saßen wir in gewohnter U-Form an Tischen. In der Mitte hatten Herr Blase, die Frisch, welche gleichzeitig auch Freundschafts-Pionierleiterin der Schule war und „Gummiohr“ Herr Hohlmann aus dem Elternrat Platz genommen. Wie peinlich für Dirk, dass sein Alter bei solchen Sitzungen immer mit dabei war. Vor ihnen lag die „TROMMEL“, welche vor zwei Jahren die bei allen beliebte „FRÖSI“ als Pflichtzeitschrift für uns Thälmann-Pioniere abgelöst hatte.
Wandzeitung 29 Jahre DDR
„Seid bereit“, rief Ute. Wir antworteten und stimmten danach gemeinsam „Spaniens Himmel breitet seine Sterne über unsere Schützengräben aus“ an. Die Wahl des neuen Gruppenrats war heute der einzige Tagesordnungspunkt. Sabine und Lars konnten nicht gewählt werden, da sie im Freundschaftsrat eine Funktion ausübten, was sie jedem mit den zwei roten Streifen über dem Emblem „JP“, der jungen Pioniere, stolz zeigten. Ein „TP“, für Thälmann-Pioniere, gab es nicht. Nur die Farbe der Halstücher unterschied uns seit Jahren von den Babys mit den blauen.
Lydia meldete sich: „Also ich schlage Diana als Vorsitzende vor“, während Anja sofort quäkte: „Ich auch!“ Die Mädchen hatten sich also auf Diana Genz aus meinem Haus geeinigt – diese doofe Ziege, welche stets darauf bedacht war, wie ein Junge auszusehen. Ihre mittelblonden Haare klebten im Topfschnitt auf der viel zu kleinen Omme unter dem sich ein Gesichtseimer und Zahnfleischzähne befanden. Die weiße Pionierbluse mit dem roten Tuch stand ihr sogar, denn so konnte sie ihre MALIMO-Klamotten – Marke „VEB-Jugendmode“ – wenigstens mal für zwei Stunden im Schrank lassen. Außerdem galt sie neben der Richter als die allergrößte Petze, wenn es darum ging, jemanden anzuschwärzen.
Das war zu viel für mich. „Ja, bitte Mark!“, rief Ute, die sah, dass ich meine Hand gehoben hatte. „Ich schlage Stefan vor“, und schaute dabei tief in seine Augen. Unmerklich schüttelte er den Kopf, aber ich wusste, auch er hasste Diana! Man konnte beobachten, wie die Frisch tief durchatmete und ihre Gesichtsfarbe von blass ins rötliche wechselte, während Herr Blase still in sich hineinzulächeln schien. Wir waren 13 Jungs und nur 12 Mädchen in der 7B.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Siegessicher ließ ich den Blick durch unsere Reihen schweifen – und fing plötzlich an zu schwitzen. Der dicke Tessi war nicht gekommen. Natürlich nicht, denn der war ja gar kein Pionier. Auch wenn er an einigen Pioniernachmittagen gerne teilnehmen wollte, ließen ihn seine Eltern nicht und schleppten ihn lieber in die Kirche. Ich Idiot hatte das total vergessen. Ute fragte bereits: „Also, wer ist alles für Stefan?“
Zwölf Arme – immerhin einschließlich seines eigenen – reckten sich in die Höhe. Das würde nicht reichen, da bei einem Unentschieden sicher die Gruppenpionierleiterin Frisch zum Wohle der Organisation entscheiden würde.
Ich war stinksauer und schaute zur stets unter Rotlichtbestrahlung stehenden Stabi-Lehrerin, die sich allmählich wieder zu entspannen schien. Ute begann zu zählen. „Eins, zwei, drei,…“ Die Frisch feierte innerlich schon. Gleich würde ein ihr stets alles zutragender, vorbildlicher Thälmann-Pionier zum Gruppenratsvorsitzenden des Klassenkollektivs der 7B gewählt werden.
„Elf, zwölf – und dreizehn“, rief Ute. Geschockt starrte ich in die Runde. Wer hatte sich denn auf unsere Seite geschlagen? Astrid blinzelte mir zu und ich nickte zurück. Doch sie deutete mit dem Daumen nach links. Oh Mann! Diana Genz war die alles entscheidende Wählerin gewesen. Um 15.30 Uhr gingen wir nach Hause. Ute war Stellvertreterin geblieben, Lydia Schriftführerin, Dirk zum Altstoffbeauftragten gewählt worden (was Vati sichtlich stolz machte) und ich blieb Kulturfunktionär. Lediglich bei Anja Richters Wahl zum Agitator war es nochmals knapp zugegangen, aber die Jungs stellten ja schon den Chef und so konnte die das ruhig wieder machen. Wir hatten der Frisch gehörig eins ausgewischt.
Scan10002
Auf dem Heimweg stand Stefan im Mittelpunkt. Alle, bis auf ihn, schienen sich zu freuen und lachten sich darüber kaputt, dass wohl erstmals ein Schüler der Käte Duncker zum Gruppenratsvorsitzenden gewählt worden war, der in „Betragen“ fast immer eine 4 hatte und noch am Vormittag knapp an einem Tadel vorbeigeschrammt war. Sogar Lars durfte Teil der Truppe sein, da er sich nicht der Stimme enthalten hatte. Allerdings wird er geahnt haben, dass er sonst von Bergi am Haken seines Anoraks an den Zaun der Rosa oder die Klettergiraffe gehängt worden wäre, wo er Beine baumelnd und wimmernd bald Nasenbluten bekommen hätte.
Kurz vor meinem Hauseingang nahm ich Stefan zur Seite. „Warum hat die Genz eigentlich für dich gestimmt? Bloß weil die sich nicht selbst wählen wollte? Ich kapiere das nicht.“ Ich bemerkte seine Unsicherheit, da er sonst fast immer einen auf Kuhlen machte. „Na Scheppi, wenn du es unbedingt wissen willst. Ich bin mit Diana seit über einem Jahr zusammen.“ „Wie bitte?“
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Ich war eher enttäuscht als geschockt, weil er mir – seinem angeblich besten Freund – das bisher verschwiegen hatte. Erst vor dem Fernseher auf der Couch wurde mir klar, dass ich wahrscheinlich von vielen Dingen, die sich in meinem engsten Umfeld abspielten, nicht die geringste Ahnung hatte. Aber wer wusste eigentlich, dass ich in Nadja und manchmal auch in Simone oder Ina verknallt bin? Niemand!
Als die Nachrichten im ZDF begannen, ging das Türschloss. Meine Mutter! Die Top-Meldung des Tages widmete sich dem 54jährigen Michael Gorbatschow, der heute zum neuen Staats- und Parteichef der Sowjetunion gewählt worden war. Er schien demnach verhältnismäßig jung zu sein und sah nicht mal besonders unsympathisch aus. Doch Veränderungen in Richtung Offenheit, Rede- und Informationsfreiheit oder gar eine Lockerung in der Politik der zentralen Planwirtschaft – wie sie im Westen immer forderten – waren auch mit ihm sicherlich nicht zu erwarten. Und ebenso wenig würde Stefan eine Wende im Verhalten des Gruppenrats der 7B einleiten – dazu waren die Strukturen unserer Pionierorganisation einfach viel zu eingefahren.
„Mark, wo ist eigentlich unser Mülleimer?“, kreischte es aus der Küche. ‚Mist, den habe ich glatt im Gebüsch vergessen‘, dachte ich und spurtete sofort zur Tür. Es gab in meinem Leben eben noch wichtigere Dinge als irgendwelche Neuwahlen. Mit meiner Mutter durfte man es sich nämlich echt nicht verscherzen – auch nicht am 11. März 1985, einem ganz normalen Montag.
leninplatz
Zum Weiterlesen: Berlin Leninplatz – Neues vom Mauergewinner
. Zum Buch und zur Facebook-Seite

[Weiter...]