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… und wer wird Fußball-Weltmeister 2014?

19. März 2014 | von | Kategorie: Blog, Fußball-WM 2014

Icke

“Scheiß Ostler!”, brüllt Ottmar. Doch sie können ihn nicht hören. Mit zwei Sixpacks Schultheiss sitzen wir auf einem grasbewachsenen Turmsockel der Oberbaumbrücke. Er hatte sie als Erster gesehen, und nun beobachten wir gemeinsam die grölend vorbeiziehenden Idioten. Sturzbetrunken schwanken sie im Zickzack an uns vorbei in Richtung Kreuzberg. Sie brüllen “Deutschland ist Weltmeister!” Zwei der Kerle in Marmorjeans schwenken schwarz-rot-goldene Fahnen. Sie wollen offenbar martialisch wirken, tatsächlich wirken sie eher peinlich und unfassbar dumm. Ich kann nicht glauben, was sie da veranstalten und schäme mich. Für meine Landsleute.

Die Oberbaumbrücke zwischen den Berliner Stadtteilen Friedrichshain und Kreuzberg symbolisiert in diesen Tagen im Sommer 1990 für meine Freunde und mich grenzenlose Freiheit. 28 Jahre lang war es DDR-Bürgern nahezu unmöglich gewesen, über sie in den Westen zu gelangen. Kurz nach dem Mauerfall hatten wir sie für uns entdeckt. Hoch oben auf den verfallenen Stümpfen der Türme haben wir einen phantastischen Blick über die Spree, bis hin zum Hotel “Stadt Berlin” und dem Fernsehturm. Wir können die neugierigen Menschen aus Richtung Friedrichshain kommend und gleichzeitig das bunte Treiben in Kreuzberg beobachten. Der Sonnenuntergang, über dem sich verändernden Berlin, ist hier der schönste in meiner Stadt. Es ist ein magischer Ort.

Der torkelnde Ossi-Mob ist nun schon fast an der U-Bahn angekommen. Doch wir können noch hören, dass sie ein Lied angestimmt haben. “Sind die bescheuert?”, ruft Ottmar, der aussieht, als wollte er sich gleich auf sie stürzen. “Deutschland, Deutschland, über alles. Über alles in der Welt”, schallt es zu uns herauf.

Ich bin kein Deutscher!

Wir hatten die erste Halbzeit des WM-Finales in einer kleinen verrauchten Kneipe gesehen. Deutsche Devotionalien gab es keine, nur vereinzelnd ließen Gäste ihren Emotionen freien Lauf. Einige drückten offenbar den Argentiniern, also Maradona und seinem Team, die Daumen. In der Pause verließen wir die Kneipe und kletterten mit ein paar Bieren auf die Brücke. Die Stadt war wie ausgestorben. Um uns herum eine unfassbare Stille, wie man sie wohl kein zweites Mal an einem Sonntagabend an dieser sonst vielbefahrenen Straße über der Spree erleben würde.

Plötzlich ertönt ein gewaltiger Schrei, der aus Tausenden Kehlen gleichzeitig zu kommen scheint. An der ehemaligen Mauer und den Häuserwänden hallt das Echo sekundenlang nach. Deutschland musste in Führung gegangen sein. Doch die Ahnung lässt mich kalt. Obwohl die Wiedervereinigung in wenigen Monaten bevorsteht und ich mit der DDR schon lange nichts mehr am Hut habe, empfinde ich nichts. Das ist nicht mein Land, nicht mein Team und auch nicht mein Tor. Es ist nicht mein Schrei. Die bundesdeutsche Nationalmannschaft kann mir heute und wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit gestohlen bleiben. Und dieses Deutschland eigentlich auch. Ich bin kein Deutscher!

Statt hier zu hocken, möchte ich lieber reisen und rote Punkte auf eine riesige Weltkarte kleben. Will andere Kulturen kennenlernen, andere Landschaften und Architekturen bestaunen, andere Lebensweisen begreifen lernen, andere Menschen treffen, andere Bier- und Fischsorten testen, andere Musik hören und anderen Sex haben.

Heute ist das große Spiel

Ich drehe mich zu Ottmar, der mir gerade ein neues Bier reicht und sage mit ironischem Unterton: “Weißt du eigentlich, dass heute ein ganz besonderer Tag ist?” Er schaut mich fragend an. “Warum?” Ich erhebe die Flasche und rufe: “Die BRD ist letztmalig Fußball-Weltmeister geworden!” Raketen fliegen in den nächtlichen Himmel. Diese einfachen, billigen: rot, gelb, einige grün. Auch Böller sind nun zu hören. Es ist die Nacht des 8. Juli 1990.
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Zwanzig Jahre später, an einem herrlichen Sommersonntag im Juni 2010, erinnere ich mich noch einmal daran. Ich war mit Steffi in Kreuzberg zum Kaffee verabredet und habe es nun eilig, zurück nach Friedrichshain zu kommen. Auf der Oberbaumbrücke halte ich einen Moment inne. Wie schön sie nur ist, “unsere” Brücke. In den vergangenen Jahren war sie aufwendig renoviert worden. Das rote Gewölbeviadukt mit seinen Türmen gilt mittlerweile als Symbol der wiedervereinten Stadt.

Langsam fahre ich mit meinem Rad über das historische Pflaster durch einen immer dichter werdenden Menschenpulk. Ich blicke über die Spree und überlege, wie viele dieser Gebäude damals anders hießen oder noch nicht standen. Meine Stadt hatte sich verändert und mit ihr auch die Menschen. Vor mir laufen nun Hunderte aufgeregt plappernde Leute. Fast alle tragen Trikots der Nationalmannschaft, schwenken schwarz-rot-goldene Fahnen und haben sich die Gesichter und Arme “deutsch” bemalt. In Vuvuzelas trötend sind sie auf dem Weg in eine der unzähligen Kneipen mit Flachbildschirmen und Leinwänden oder in die “11-Freunde”-Arena. Heute ist das große Spiel, heute beginnt die Fußball-WM 2010 erst richtig. Heute trifft Deutschland im Achtelfinale auf den Erzrivalen England.

Ein Urschrei aus tausend Kehlen

Diesmal trage auch ich das Trikot der Deutschen. Gekauft hatte ich es mir während der WM 2006 und erstmals in Südamerika getragen. Damals hatte ich den Leuten dort zeigen wollen, wo ich herkomme, wo meine Wurzeln sind, wo ich das viele Geld verdient hatte, um durch diesen traumhaft schönen Kontinent zu reisen und vor allem, wem ich die Daumen drückte!

Meine Freunde sitzen schon vor unserer Stammkneipe und albern nervös herum, als ich eintreffe. Wir sind ein bunt zusammengewürfelter Haufen aus Nord und Süd, Ost und West. Erst der Mauerfall hatte viele von uns zusammengebracht und fast alle wissen das sehr zu schätzen. Auch einige, mit denen ich noch vor 20 Jahren auf den Turmsockeln gehockt hatte, sind dabei. Wochen vorher hatten wir die Bänke reservieren müssen und mittlerweile kleben sogar kleine Zettelchen mit unseren Namen auf den Tischen. Durch die Straßen schiebt sich noch immer ein unüberschaubarer Strom schwarz-rot-golden gekleideter Fans.

Meine Stadt erstarrt in angespannter Vorfreude. Ein bisschen Herzklopfen, ein leichtes Aufatmen und ein spürbar wohliges Gefühl im Magen: Das Spiel beginnt.

Dann in der 20. Minute: Langer Abschlag von Neuer direkt in den Lauf von Klose. Er enteilt dem englischen Verteidiger und schiebt – fast im Fallen – den Ball über die Linie. Ein ohrenbetäubender Schrei donnert wie eine Lawine durch die Simon-Dach-Straße. Ein Urschrei, aus Tausenden Kehlen gleichzeitig. An den Häuserwänden hallt das Echo sekundenlang nach. Der grenzenlose Jubel lässt mich freudig erschaudern. Ich schaue auf den Bildschirm. Das dort ist mein Land. Es ist mein Team und auch mein Tor. Es ist mein Schrei!

Was für ein Schrei!

Noch dreimal jubeln wir an diesem Nachmittag und viermal berauschen wir uns an den Toren im Spiel gegen Argentinien. Doch gegen Spanien ist Schluss. Müdigkeit und Trauer – Millionen Deutsche fallen emotional in ein schwarzes Loch.

Am Tag nach der Niederlage buche ich einen Flug nach Madrid. Ich möchte dem Hochgefühl hinterherfliegen, kann nicht akzeptieren, dass die WM schon vorüber ist. Eine innere Stimme sagt mir, dass ich dort etwas finden werde.

116. Minute: Van der Vaart passt unglücklich auf Fábregas, der den Ball weiter zu Iniesta spielt. Iniesta nimmt Maß und trifft platziert zum 1:0. Für den Bruchteil einer Sekunde verharren die Leute in ungläubigem Staunen, doch dann brüllen sie es heraus. Wie eine zerstörerische Lawine bricht das hunderttausendstimmige “Gooool” über die Stadt herein. Es ist ein nicht enden wollender Schrei, so als ob ganz Spanien jahrzehntelang dafür Luft geholt hatte. Und noch immer nimmt die Lautstärke weiter zu. Plötzlich ahne ich, was sie vorhaben: Das immer länger werdende Gebrüll soll ihre Mannschaft zum ersehnten Schlusspfiff tragen. Es gelingt. Schon Sekunden später weiß ich, dass ich dieses markdurchdringende Kreischen nie wieder im Leben hören werde. Spanien wird nur einmal zum ersten Mal Fußball-Weltmeister. Was für ein Schrei!

Eine wild gewordene Meute tanzt durch Straßen. Ich laufe den Weg zurück zu meinem Hotel. Bis tief in die Nacht will ich diese Emotionen auf mich wirken lassen. Möchte beobachten, wie die Iberer ihren Gefühlen freien Lauf lassen, wie sie vor Freude lachen und weinen. Ohne Neid und Missgunst, aber voller Hoffnung, dass auch ich, wir, mein Land, Deutschland, dies noch einmal erleben dürfen.

Wie auf Kommando beginnen die Madrilenen ein Lied zu singen. Nicht vier oder fünf, sondern alle. Hunderttausende gleichzeitig. “Yo soy español, español, español! Yo soy español, español, español!” (Ich bin Spanier). Gerührt beobachte ich das Schauspiel. Nach 20 Jahren des rastlosen Reisens bin ich plötzlich ergriffen: Ich identifiziere mich endgültig mit meinem Heimatland. Die Wiedervereinigung hat nun auch in meinem Herzen stattgefunden. Doch manchmal muss man wahrscheinlich sehr weit reisen, um in solch einem Moment, genau das herauszufinden. Zunächst flüstere ich es nur, doch sie können mich nicht hören. Mit Inbrunst stimme ich in ihren Chor ein und schreie es in den Abendhimmel: “Yo soy alemán, alemán, alemán! Yo soy alemán, alemán, alemán!” Ja, ich bin Deutscher! Es ist die Nacht des 11. Juli 2010.

Mit Bildern auf Spiegel Online “Ein Schland, ein Schrei”

Zum Weiterlesen “90 Minuten Südamerika”

Und noch mehr: 90 Minuten Update
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Die Herren des Strandes – Morro de São Paulo

1. März 2014 | von | Kategorie: Blog, Fußball-WM 2014

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Es ging also zurück über „Los“, denn Morro de São Paulo lag in entgegengesetzter Richtung zu Recife. Zunächst tuckerten wir mit dem Bus durch die komplette Stadt, um am „Tor des Meeres“ auf die Autofähre zu gelangen. Bereits zum zweiten Mal überquerten wir somit die gigantische Baia de Todos os Santos und bewunderten nochmals die Traumstadt Salvador im Hintergrund. Die Bucht der Allerheiligen ist die größte ihrer Art in Brasilien und wurde bereits 1501 von Amerigo Verspucci entdeckt – immerhin Namensgeber des Kontinents und der Bundestaat Bahia leitet sich auch von diesem Meeresbusen ab, in dem sich das Wasser in sanften Wellen kräuselte und grau-glänzende Delfine fröhlich neben kleinen Segelkuttern der Küstenschiffer sprangen.
Um 16 Uhr erreichten wir nach wenigen Kilometern den Fähranleger von Valencia und auf einer wiederum faszinierenden Bootsfahrt fuhren wir zwei Stunden auf Kanälen und Flüssen zu unserem Ziel. Rechts und links erblickten wir eine eindrucksvolle tropische Vegetation mit Palmen, Bananen-, Papaya-, und Mangobäumen, Mangroven aber auch Hibiskus und Orchideen. Wir beobachten verschiedene Vogelarten und sahen sogar zwei Papageien und etliche Kolibris, die versuchten unsere Nasen zu küssen.

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Am hölzernen Anleger standen etliche schwarze Jungs und erwarteten die Reisenden mit Schubkarren! Sie beknieten mich, unsere Rucksäcke damit durch den Ort zu transportieren. Não! Bereits nach wenigen Metern bereuten wir unsere Entscheidung. Erstens ging es ständig bergauf- und wieder bergab und zweitens bestanden sämtliche Wege von Morro ausschließlich aus Sand. Es gab weder Autos noch Motorräder, lediglich Esel oder eben die einheimischen Chicos mit ihren Karren, die den Transport für ein paar Real ins Dorf organisiert hätten. Waren dies schon die neuen „Herren des Strandes“?
Wir erreichten den Ortseingang von Morro und staunten ein zweites Mal. Hier fehlte etwas. Keine Horde von Schleppern begleitete uns auf den letzten Metern. Genau genommen gab es lediglich eine einzige, auffallend hässliche, Person, die uns eine Unterkunft aufschwatzen wollte. Der schlaksige Typ sah aus, wie ein Abbild von Tingeltangel Bob aus den Simpsons. Er hatte ein schmales Gesicht, eine spitze Nase, wirre Augen und vor allem rötliche Rastahaare, die unmöglich zu allen Seiten abstanden. Als der unhöfliche Kerl den Mund aufmachte und in schrägem Englisch, mit französischem Akzent, fragte, ob wir uns seine Pousada anschauen wollen, läuteten bei mir die Alarmglocken. Mir kam augenblicklich ein französisches Wort in den Sinn: Déjà-vu. Schon einmal gesehen, oder erlebt!
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Ich kann Franzosen nicht leiden. Nein, es liegt nicht daran, dass sie bei dieser Fußball-WM die Brasilianer rausgehauen hatten und sogar ins Finale eingezogen waren. Doch auch! Es sind vor allem die Menschen, die mir auf den Sender gehen. Bei meiner ersten und zugleich letzten Reise ins Land von Napoleon und Zidane waren es die unfreundlichsten und überheblichsten Zeitgenossen gewesen, die mir bis dato über den Weg gelaufen waren. Sie hatten mich nicht verstehen wollen, waren nie bei der Suche nach dem Weg behilflich gewesen und hatten es vor allem rigoros abgelehnt, eine andere Sprache zu sprechen. Und auch auf der Reise durch Brasilien zeichneten sie sich, im Gegensatz zu den freundlichen Schweizern, Italienern, Amerikanern, Nordeuropäern und sogar den Engländern oft dadurch aus, dass sie mit keinem anderen Volksstamm sprechen wollten – oder konnten.
Ich sagte zu Sylvie: „Ich hab echt keinen Bock auf so eine Backpackerscheiße bei dem Franzacken“, doch urplötzlich machte sich Tingeltangel Bob gerade. Ich sah, wie seine Augen mit mörderischer Intensität zu funkeln begannen. Er kam auf mich zu, stellte sich vor mir auf und brüllte: „Das iis gaine Bagpagerscheeisse!“
Mist, Bob konnte Deutsch! Laut fluchend begann er uns in deutsch-französischem Slang zu beschimpfen, was wir ungebildeten Deutschen eigentlich hier im Paradies zu suchen hätten. Sylvie versuchte zu vermitteln, doch der Typ war kaum zu bändigen. Nicht nur wegen der langen Anreise und der prallen Sonneneinstrahlung hatten wir keine Lust auf Diskussionen, denn Freundlichkeit ist eine Tugend an der mir wirklich viel liegt. Wir schnappten unsere Rucksäcke und gingen, ohne auf seine Frechheiten zu reagieren, einfach die Sandstraße hinauf in Richtung Ortskern. Sylvie murmelte: „Das iis gaine Bagpagerscheeisse“. Wir lachten in Morro de São Paulo zum ersten Mal. Tränen!

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Letztendlich ließen wir uns von einer hilfsbereiten Deutschen zu einer Unterkunft führen. Sie erklärte uns, dass sie die Pousada für ein Jahr gepachtet hatte und nun die Kohle wieder hereinbekommen müsse. Wir buchten uns schuldpflichtig ein. Was für eine dumme Idee! Denn wer war ihr Freund und Geschäftspartner, mit dem sie sicherlich auch äußerst ekligen Schmuddelsex vollzog? Richtig, die dumme Hackfresse aus Frankreich – das erfuhren wir leider viel zu spät.
Außerdem war das Hostel eindeutig Backpacker-Scheiße. Das mückenverseuchte Zimmer war schmutzig, äußerst lieblos eingerichtet und lag direkt vor der Gemeinschaftsküche (wo besonders diese Dumpfbacke ununterbrochen herumhantierte und laberte). Es gab lediglich eine Hängematten für 20 Gäste und vor allem lag die Pousada „Reggae“ am Arsch der Welt!
Erst beim Abendspaziergang stellten wir fest, dass es hier fünf (!) verschiedene Sandstrände mit fantastisch gelegenen Hotels gibt. Schon auf dem Weg schauten wir uns einige an, um zu unserem Bedauern festzustellen, dass wirklich alle wesentlich schöner und zum Teil sogar günstig waren. Gleich morgen würden wir umziehen! Für eine Nacht war das bei dem verstrahlen Franzmann ja durchaus zu ertragen.
An einem Strandabschnitt fanden wir eine Churrascaria, wo wir das gute alte „All-You-Can-Fress“ vom Holzkohlen-Grill aus den Zeiten bei den Argentiniern wiederbelebten. Dazu gab es 15 verschiedene Salate, wobei wir uns mit deren Genuss extrem zurück halten mussten, da die Fleischberge ja auch noch Platz auf dem Teller finden mussten. Somit rollten wir regelrecht zurück in unsere Unterkunft „jwd“. Am lautesten brüllte bis tief in die Nacht mein geliebter Tingeltangel-Freund mit dem Dachschaden herum.

Das Frühstück, zu dem wir mit einen französischen „Hallöchen“ geweckt wurden, war zwar inklusive, aber wir hätten es lieber in einem der gemütlichen Cafés bezahlt. Dafür fand Sylvie beim Entfernen der zermatschten Kakerlaken einen eingeschweißten Beutel Marihuana inklusive Papers unter dem Bett. Nach dem ganzen Stress mit Bob dampfen wir erst einmal einen, obwohl das sonst eher nicht unser Ding ist. Und was war die Konsequenz? Danach waren wir hammerbreit, sodass wir verpeilten umzuziehen und stattdessen beschlossen – entgegen aller Vorsätze – noch einen Tag in der plötzlich „so lustigen“ Bude auszuharren. Der von Psycho-Bob empfohlene Stand war scheiße, da man ihn bei einsetzender Flut nicht begehen konnte. Wir kamen nicht mal bis ans Wasser. Doch mittlerweile lachten wir über alles und vor allem über uns selbst. Am Leuchtturm – erbaut auf bizarrem Felsgestein – lasen wir, dass der Ort Schauplatz vieler Angriffe von Franzosen (!) gewesen war, die damals den Portugiesen, Teile der Kolonie wieder abnehmen wollten. Das hatten sie allerdings verkackt. Nur noch coole Piraten nutzten die Buchten als Herren der Strände während der gesamten Kolonialzeit als Versteck. Zumindest sahen wir hoch oben unter einem himmelblauen Himmel noch zwei drollige Miniaffen in den ampelgrünen Bäumen turnen. Oder war das alles nur Einbildung? Das Highsein machte uns viel empfänglicher für die Schönheit der Welt.
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Noch immer leicht stoned, setzten wir unseren Inselrundgang fort und auf dem Rückweg fanden wir an Strand Nr. 1 (die kreativen Brasilianer hatten die Beaches einfach Strand 1-5 genannt) eine zauberhafte Unterkunft. Dort gab es in Zimmer 10 einen Balkon mit Familien-Hängematte und traumhaftem Blick auf den blaugrünen Ozean. Das Hotel besaß sogar einen Strandzugang – direkt vor der Frühstücksterrasse. Wir sagten den ausgesprochen freundlichen Besitzern, dass wir morgen um 10 Uhr auf der Matte stehen würden. Definitiv!
Zwei Stunden lümmelten wir in der Sonne und kühlten die verschwitzen Körper in den Fluten bevor es zurück ins anstrengende Quartier ging. Und wer saß genau vor unserem verdreckten Zimmer und telefonierte lautstark in seiner Landessprache? Richtig, und der Typ aus „Zidane-Land“ schlug uns sogar vor – nach meiner Aufforderung, sich endlich mal zu verpissen – die Vorhänge zuziehen, wenn wir uns ungestört duschen und umziehen wollen. „Willst du mich verarschen, du Penner?“, rief ich erbost, doch Sylvie zog mich ins Innere und kullerte einen. Der süße Duft guten Dopes verließ in Schwaden den Türspalt und recht bald konnten wir wieder lächeln, im Wissen, dass wir morgen ausziehen würden.
Frohgelaunt stürzten wir uns demnach ins Nachtleben von Morro. Entlang der sandigen Wege, auf denen schweigsame Männer Säcke auf ihren Rücken schleppten, gab es überall Verkäufer an kleinen Holztischen, die eine beeindruckende Vielfalt exotischer Früchte feilboten. Doch das Obst war lediglich die Zugabe zu einem Meisterwerk, denn es bildete den Bodenbelag der Becher, die mit verschiedenen – stets passenden – Alkoholsorten aufgefüllt wurden. Ein Drink kostete umgerechnet etwa einen Dollar und jede Füllung war das in diesem Moment beste „Take away Getränk“ unseres Lebens. Wir grinsten ununterbrochen über beide Ohren und freuten uns schon jetzt diebisch auf den Umzug ins neue Domizil – mit einem Cocktail-Stand und dem Strand unter dem Fensterbrett!
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Am nächsten Morgen konnten wir gar nicht schnell genug wegkommen. „Das iis gaine Bagpagerscheeisse“, rief ich dem Flachwichser beim Abschied zu, der gerade ganz aufgelöst war, da er einen verschwundenen Beutel Gras suchte. Wir taten ahnungslos – er befand sich in Sylvies Rucksack – und wussten, was wir in der Pousada „Prisa Mar“ in den nächsten Tagen dampfen würden. Das urige Fischerhaus mit den knirschenden Holztreppen und niedrigen Decken entsprach genau unseren Vorstellungen. Im Zimmer stürmten wir den Balkon und kletterten gemeinsam in die Hängematte. Der Blick über die malerischen Strände und die frische Brise um unsere Ohren ließ uns die kleinen Unannehmlichkeiten der letzten Tage sofort vergessen. Nun mussten wir tatsächlich nur noch aus der Tür fallen, um in den Ozean zu gelangen. Somit machten wir uns strandklar, lungerten mehrere Stunden auf hoteleigenen Liegestühlen herum oder sprangen laut kreischend ins schäumende Meer.
Nachmittags legte ich mich ins geknüpfte Netz auf der Terrasse, beobachte von oben das knallbunte Strandtreiben und genoss das umwerfende Gefühl, lebendig zu sein. Jetzt waren wir auch in anderer Hinsicht optimal platziert, da es sowohl ins Dorfzentrum, zu Restaurants und Shops, als auch zu den lauschigen Strandbars, nur einen Katzensprung war. Nach einem kross gebackenen Hühnchen konnten wir es jedoch kaum erwarten, wieder auf unseren Traumbalkon zu gelangen, die Flasche Wein zu entkorken und das Rauschen des Meeres zu genießen. Entspannter oldschool-Sex stand auch noch auf der Tagesordnung.
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Erst am zweiten Tag verstand ich beim Herrscherblick vom Balkon, was mir Bruno in Salvador hatte zu verstehen geben. Die „Herren des Strandes“ von Amado, die unten am „Tor des Meeres“ in alten Bootschuppen wohnten, waren heutzutage keine vagabundierenden Straßenjungen in Lumpen mehr, die nichts anderes besaßen, als die Freiheit, sich auf den Straßen herumzutreiben und Leute zu bestehlen. Die „neuen Herren des Strandes“ waren Jungs aller Hautfarben und Altersstufen zwischen acht und achtzehn Jahren, die am Meer Fußball spielten und tagsüber und abends ihren Lebensunterhalt mit Schubkarren-Fahrten oder dem Verkauf von tropischen Cocktails mit bunten Fruchtbouquets finanzierten. 1937, im Jahr des Erscheinens des Buches, war Fußball in Brasilien noch nicht sehr populär, doch knapp 70 Jahre später hoffte jedes Kind, jeden Alters, einmal im Leben für die Brasilianische Fußball-Nationalmannschaft, die Seleção, spielen zu dürfen. Bereits am Nachmittag packte es mich und – wie durch ein Wunder – mochte mich deren Chef Vito, sodass ich (in der Abwehr als Abräumer) mitspielen durfte. Er hatte mich an seiner Strandbar auf mein grün-gelbes Jamaika-Fußball-Trikot angesprochen und nachdem ich dreimal „Tudo bom chefe?“ (alles klar Chef?) gerufen hatte, wurden wir sowas wie Freunde. Ich nannte ihn noch in jener Nacht „Don Vito de Morro“, was er scheinbar ziemlich cool fand. Ihn und besonders die Dribbler und überheblich lächelnden Ballkünstlerin in seinen Reihen verkörperten für mich den schönsten Menschenschlag Brasiliens. Niemand liebte diesen Ort so sehr wie die jungen Fußballer.
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Ab diesem Tag geschah in Prinzip nichts mehr, außer Abhängen, Baden, Kiffen, Fußball spielen und Cocktails schlürfen. Doch, die Abendessen! In Morro de São Paulo gab es die besten Moquecas der Welt. Die aus Fisch, Garnelen und anderen Meeresfrüchten hergestellten Eintöpfe, welche zusammen mit Kokosmilch, frischem Koriander und Gewürzen in großen Tonschalen serviert wurden, schmeckten hier einfach göttlich.
Direkt nach dem Aufstehen sprang ich vom hoteleigenen Ausgang ins kühlende Meer, genoss mit Sylvie das fantastisch zubereitete Frühstück unserer neuen Gastgeber und danach machte jeder das, was ihm am besten gefiel. Lediglich ein nachmittäglicher Strandspaziergang war ein fester gemeinsamer Programmpunkt.
Morro de São Paulo hat fünf Hauptstrände. Am Primera Praia (Strand Nr. 1) wohnten wir. In Berlin gibt es ein Graffiti, welches besagt: „Unter dem Asphalt liegt ein Strand aus Sand“. Was sollte man hier dazu sagen? Morro de São Paulo besitzt keinen Asphalt! Vom tropisch bewachsenen Leuchtturmhügel mit Panoramablick stürzten sich Wagemutige an einem Seil ins Wasser, und außer diesem Quatsch, Schwimmen und dem Nichtstun zu frönen, konnte man hinter dem Riff auch surfen, wenn man das draufhatte. Außerdem spielten die „Kleinen“ hier ihre Besten aus, um ggf. bei den Großen in Zukunft mal mitspielen zu können.
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Segunda Praia (Nr. 2) war die „Sehen-und-Gesehen-werden-Ecke“ mit pulsierendem Strandleben, denn die Liegestuhlfraktion zeigte dort ihre gut gebauten, gebräunten oder schwarzen Körper. Die besten, vorwiegend dunkelhäutigen, Fußball-Jungs gaben sich zudem ein Stelldichein. Nicht nur deshalb war es eine große Ehre, dass ich dort überhaupt antreten durfte. Auch der Franzosen-Clown tauchte ab und an mal auf und konnte sogar einigermaßen kicken. Natürlich spielte ich dann immer im gegnerischen Team und grätschte ihn einmal so böse weg, dass er flennend von dannen zog. „Bon voyage, du Weichei“, rief ich ihm hinterher. Don Vito klopfte mir auf die Schulter und auch Sylvie zeigte aus der Ferne den Daumen, während das lärmende Gelächter der „neuen Herren des Strandes“ wie eine Deutschlandhymne erklang!
Am Abend war „Número dois“ der Partystrand, wobei wir nicht in der Hochsaison mit diversen Mondfesten und Technoevents gekommen waren. Alles ein bisschen softer.

Strand Nr. 3 (Terceira Praia) war der Baby- und Familienstrand, da man hier sehr weit knietief in den klaren, warmen Atlantik laufen konnte. Im Hintergrund der immergrüne tropische Regenwald und im Vordergrund eine unbewohnte Insel, die zum Tauchen einlud.
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Quarta Praia (Nr. 4) war eigentlich der schönste und ruhigste Abschnitt, da dieser – umgeben von borstigen Palmen – und abgerundet von Korallenriffen mit von der Natur geschaffenen Pools, am ehesten einem Traumstrand entsprach. Im Dorf verkaufte man sogar Postkarten von diesem Postkartenidyll. Oft trafen wir dort auch zwei prachtvoll gebaute Typen bei denen es schwer zu sagen war, wer von den beiden tuntiger war. Süß!
Am isolierten, kilometerlangen Strand Nr. 5 (Quinta Praia) hört man nachts nicht anderes als das Liebesgeflüster und das Geräusch von Leibern die sich auf dem warmen Strand wälzen. So die Legende. Allerdings war dieser auch am weitesten von unserer Hängematte entfernt, sodass wir dort eher selten zugegen waren und lieber im Bett übereinander herfielen. Die Tage endeten somit immer tief in der Nacht in unserem Liebeslager im Südseeparadies Brasiliens. Oder waren es Wochen? Die Zeit war stehengeblieben! Es gab plötzlich kein Gestern, Heute oder Morgen mehr. Nur noch dieses seltene Augenblicksglück!
Bei herrlichem Sonnenschein wurden wir immer brauner und blonder und meine einzigen Überlegungen drehten sich darum, wann mich Vito zum Spiel herunterpfeifen würde, ob wir am Abend Meeresfrüchte, Crêpes, oder doch lieber Gegrilltes essen würden und ob dazu eisgekühltes Bier, ein Früchtecocktail oder argentinischer Rotwein besser passte. Und ein Tütchen rauchen und nachts am Strand tanzen, mussten wir ja auch noch. Das nenne ich mal positiven Stress! Auf dem Nachhauseweg schimmerte das Meer fast immer in einem geheimnisvoll-dunklen Blaugrün während der Mond sein goldgelbes Licht über uns ausgoss.
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Doch eines Tages gingen wir dann doch mal ins Dorf, um zu schauen, wie man hier überhaupt wieder wegkommt. Langsam hieß es also, Abschied von den Traumstränden zu nehmen. Nachdem wir über eine Woche gegammelt hatten, machten wir uns ernsthaft daran, weiter in Richtung Norden zu fahren. Am Abend mussten wir am Stand von Vito eine schwierige Entscheidung treffen: sollten wir die allerletzte „Caipirinha de Mangaba“ lieber mit Wodka oder ganz gewöhnlich mit Cachaça auffüllen lassen? Wir hatten es wirklich nicht einfach in Morro de São Paulo und wären gerne bis an unser Lebensende geblieben…

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