Archive for Juli 2012

Schon wieder ‘ne Goldene – Olympische Spiele 1960 in Rom und 1976 in Montreal

27. Juli 2012 | von | Kategorie: Alles ganz simpel Leseproben, Blog, Leseproben

1976 Turnen

Pünktlich zu den Olympischen Spielen 2012 in London gibt es mal wieder einen Auszug aus meinem Buch “Alles ganz simpel”. Im ersten Teil berichtet mein Opa vor allem, wie er Olympia 1976 in Montreal erlebt hat.
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Meine persönlich erste Olympiade im Sportverlag erlebte ich am Radiogerät und gewissermaßen auf den Straßen von Berlin. Der Boxer Wolfgang Behrendt hatte 1956 in Melbourne die erste Goldmedaille für die DDR im Bantamgewicht errungen. Als der Volksheld in einer gigantischen Parade auf der Karl-Marx-Allee in Berlin empfangen wurde, winkte ich ihm begeistert zu und hoffte einmal im Leben beim größten Sportereignis der Welt, selbst mit dabei zu sein.
Schon 1960 gingen meine Träume in Erfüllung. In einem großen Tross von DDR-Sportjournalisten, Funktionären (und Aufpassern) fuhren wir mit dem Zug nach Rom und wohnten dort in einem Kloster. Zu elft in einem Raum war das weder luxuriös noch ruhig, da mindestens ein Kollege immer Dienst hatte und wir uns fast 24 Stunden die Klinke in die Hand gaben. Doch das fantastische Rom mit seiner einmaligen Architektur und die Atmosphäre, die herrschte, wenn so viele Menschen aus unterschiedlichen Ländern aufeinander trafen, entschädigten für den unruhigen Schlaf.
1960 Vierermannschaft mit Schur-Bild

Die Segelwettkämpfe fanden in der Bucht von Neapel statt. Im olympischen Dorf traf ich einen westdeutschen Kollegen, der in Südamerika lebte und von dort aus auch für das Sportecho Artikel schrieb. Da er für einige Verlage im Westen zudem Fahr- und Testberichte über die neusten Automodelle verfasste, hatte er in Rom wieder einen schicken Wagen zur Verfügung gestellt bekommen. Er sprach mich an: „Ich fahre heute runter nach Neapel zum Segeln und will mir dann mal die Stadt anschauen.“ „Können wir mitfahren?“, rief ich sofort. „Na klar. Ich habe genug Platz im Auto!“ Und schon bestieg ich mit unserem Fotografen Herbert Kronfeld die Luxuskarosse.
1960 Fahnenträger-Bild

Dort angekommen, parkten wir etwas oberhalb des Yachthafens. Ich schaute hinab und erkannte sofort jemanden. „Herbert, komm mal schnell her. Dort unten stehen gerade die Olympiasieger in der Drachen-Klasse. Mach doch mal ein paar Fotos!“ Der ließ sich nicht lange bitten, rannte hinunter und sprach die drei Männer an. Ganz professionell ließ er sie auf- und abmarschieren und gab Befehle, in welchem Winkel sie sich vor ihrem Boot „Nirefs“ aufzustellen hatten. Zufrieden kehrte er zurück, zückte sein Notizbuch und sagte: „Horst, sag mir mal schnell noch die Namen.“ Ich antwortete: „Zaimis, Eskidioglou und Kronprinz Konstantin von Griechenland.“ Herbert sah mich geschockt an: „Das ist jetzt nicht dein Ernst? Das hättest du mir doch mal vorher sagen können. Weißt du eigentlich wie ich den angefahren habe, als er sich nicht in die richtige Position stellen wollte.“ Ich musste grinsen. Er hatte soeben den späteren König von Griechenland herumkommandiert.
1960 Golf von Neapel
Es waren genau diese kleinen Begebenheiten am Rande, die für mich die große Faszination Olympia ausmachten. Geschichten, die man nur dann erzählen konnte, wenn man sie selbst erlebt hatte.

Die Kirche hatte im Vorfeld der Spiele übrigens überall Grundstücke und Immobilien in der Innenstadt gekauft, die sie danach gewinnbringend verkaufen konnte. Überall klebten Plakate: „An Gott kommt niemand vorbei.“ Auf vielen stand schon bald darunter: „Doch! Sante Gaiardoni!“ Als Radsportexperte hatte ich seine beiden Olympiasiege im Sprint und 1000 Meter Zeitfahren im Stadion erlebt und begeisterte mich nun für den Humor der Italiener und die Euphorie um ihren Champion. Gegen Ende der Wettkämpfe war an einigen Transparenten sogar das Wort „Gott“ durchgestrichen und durch „Franco“ ersetzt worden. Auch den italienischen Box-Olympiasieger im Schwergewicht Francesco de Piccoli hatte ich bei einem Kampf live bewundern können. Ich ahnte damals nicht, dass Piccoli wieder in der Versenkung verschwinden und der Junge, der im Halbschwergewicht gewonnen hatte, eine ganz große Nummer werden würde. Sein Name: Cassius Clay.

1960 Segeln-Bild

Auch in Montreal 1976 erinnere ich mich komischerweise zuerst an die Segelwettbewerbe, obwohl ich beileibe kein ausgewiesener Experte für diese Sportart war. Die Regatten fanden auf dem Ontariosee, knapp 280 Kilometer vom eigentlichen Austragungsort entfernt statt und da an einem Tag nicht sonderlich viel los war, fuhr ich mit einem Pressebus hinaus. Dort angekommen organisierte eine befreundete Presse-Verantwortliche, dass ich auf einer Yacht eines einheimischen Motorbootbesitzers mitfahren konnte. Zusammen mit einem schwedischen Kollegen schipperten wir also auf den ozeangroßen See. Sofort bot uns der Kapitän ein Bier an, was wir natürlich nicht ablehnen konnten. Als ich meine 6×6 Praktika herausholte, beugte sich der Schwede interessiert zu mir herüber. Wir brauchten diese Kamera, da unsere Druckerei für ganzseitige Farbaufnahmen nur diese Bilder verwenden konnte. Der Journalist aus dem Norden konnte ganz gut Deutsch. „Ist das noch eine von vor dem Krieg?“, fragte er mich plötzlich. Ich sah ihn erstaunt an und reichte ihm das gute DDR-Fabrikat. „Oh, entschuldigen sie bitte“, rief er, nachdem er sie etwas genauer begutachtet hatte. Das Ding sah tatsächlich antiquiert aus und war zudem riesengroß, doch die Qualität schien auch ihn zu überzeugen. Wir prosteten uns zu und genossen den herrlichen Sommertag. Segeln ist ja relativ langweilig, aber auf unserem Boot war es nach etlichen Bieren sehr lustig. Zufällig wurde unser Jochen Schümann an diesem Tag auch noch Olympiasieger in der Finn-Dinghy-Klasse.
1976 Segeln Schümann

Doch das war ja schon fast keine Sondermeldung mehr. 40 Goldmedaillen sollten am Ende für unser kleines Land zu Buche stehen. Journalisten aus anderen Ländern lästerten schon: „Immer wenn ihr euch trefft, freut ihr euch über die vielen Olympiasieger, dabei wisst ihr ja teilweise die Namen am nächsten Tag schon nicht mehr.“ Ehrlicherweise musste ich das sogar zugeben. Wir hatten in Kanada am Ende tatsächlich die USA (34 x Gold) in der Länderwertung hinter uns gelassen. Das schmerzte die stolze Großmacht, die gerade ihren 200. Jahrestag der Unabhängigkeit feierte, sehr. Auch die Sowjetunion (49 x Gold) vermieste ihnen die Feierlichkeiten.
1976 Rudern 1
Nach den vielen Erfolgen, war ich bei den Ruderwettbewerben so heiser, dass ich kaum noch sprechen konnte und eigentlich wollte ich es nur leise zu unserem Fotografen herüberflüstern. Doch plötzlich war die Stimme wieder da und die gesamte Tribüne hörte meinen Schrei: „Schon wieder ‘ne Goldene!“ Alle schauten mich an – man, war das peinlich. Daran erinnere ich mich noch. Wer allerdings die Medaille für unsere großartige Sportnation gewonnen hatte, habe ich längst vergessen.

DTSB-Präsident Manfred Ewald erzählte mir später einmal, dass der Schweizer Präsident der Internationalen Ruderförderation zu ihm gesagt habe: „Manfred, so geht das aber nicht. Ihr macht das Rudern kaputt, wenn ihr so viel gewinnt.“ In anderen Ländern würden die Fördermittel gestrichen, wenn sie der DDR immer mit fünf Bootslängen hinterher fahren.
Und ein westdeutscher Kollege erzählte mir folgendes: Als er im Taxi in Montreal gefragt wurde, aus welchem der beiden Deutschlands er eigentlich käme und er etwas genervt mit „Bundesrepublik“ geantwortet hatte, drehte sich der Fahrer um und sagte: „Na, da müssen sie sich aber nicht gleich ärgern!“
„Der wusste wenigstens, dass es zwei deutsche Staaten gibt!“, rief mir der Kollege empört zu, denn in den Stadien dieser Spiele war die DDR-Hymne mittlerweile als die deutsche bekannt. Dennoch musste er schmunzeln und klopfte mir auf die Schultern. Bei Olympiaden war es nämlich so, dass wir Journalisten uns untereinander oft sehr gut verstanden. Da gab es kein Ost oder West, sondern nur Sympathie oder Antipathie – wie im normalen Leben.
1976 Schwimmen 4
Neben unserem sensationellen Marathon-Olympiasieger Waldemar Cierpinski war die Schwimmerin Kornelia Ender 1976 der große Star im DDR-Team. Sie allein holte vier Goldmedaillen und gewann zwei Finalläufe innerhalb von nur 25 Minuten. Bei den 100 Metern Schmetterling egalisierte sie ihren eigenen Weltrekord und bei den 200 Metern Freistil verbesserte sie ihn sogar. Die weltweite Presse war hinter ihr her, als sich eines Tages eine ältere Dame aus den USA im Pressezentrum meldete. „Wen wollen Sie denn sprechen?“ „Kornelia Ender. Das ist meine Enkelin!“ Kein Mensch, so erfuhr ich später, nicht einmal die „Journalisten aus der Normannenstraße“ (MfS) hatte gewusst, dass Frau Ender Verwandtschaft in Amerika hatte. Und das, wo doch jeder und alles hundertfach vorher überprüft worden war. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit wurde das Treffen dann organisiert – so simpel hätte das alles sein können.
1976 Waldemar
Bei meiner Rückkehr von Olympia erzählte mir mein Sohn Klaus immer, dass er ganz gebannt vor dem Fernseher gesessen und geschaut hatte, ob er mich irgendwo entdeckte. Über Montreal berichtete er zum Beispiel folgendes:
Als die kleine Marija Filatowa gerade ihre Bodenkür vollführte, hatte er anerkennend genickt und einen kräftigen Schluck aus der vorsorglich in Reichweite deponierten Bierflasche genommen. Dann starrte er ungläubig auf seine beiden Kinder – meine Enkel. Der zweijähriger Benny und sein vierjähriger Bruder Marko wirbelten, tanzten und sprangen wie wild auf dem Wohnzimmerteppich herum. Sie haben Purzelbäume geschlagen und versucht an den Wänden einen Kopfstand zu machen. Ausgelöst hatte diese außerplanmäßige „Sportstunde“ eine kleine sowjetische Turnerin und beendet wurde sie von der Mutter, die berechtigte Angst um die große Bodenvase hatte.
1976 Turnen 2

Im zweiten Teil berichtet mein Opa, wie er die Olympischen Spiele 1980 in Lake Placid erlebte.

Im dritten und letzten Teil berichtet mein Opa über seine Erlebnisse bei der Olympiade 1980 in Moskau.

Zum Weiterlesen: Alles ganz simpel

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Tragische Friedensfahrt

18. Juli 2012 | von | Kategorie: Alles ganz simpel Leseproben, Blog

Foto: Sportverlag Berlin

Foto: Sportverlag Berlin


Rechtzeitig bevor die “Tour de France 2012” endet noch ein Auszug aus meinem Buch “Alles ganz simpel”:
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Ich weiß nicht mehr genau, wer im Stadion in Warschau am Start der Friedensfahrt 1956 meine geheimsten Wünsche aussprach: „Der Schur, das ist der Mann, der die reellste Chance hat, die Friedensfahrt zweimal hintereinander zu gewinnen.“

Gustav-Adolf Schur, genannt „Täve“, war der populärste Radrennfahrer in der Geschichte der DDR. Als erster Deutscher gewann er die Straßenrad-WM der Amateure und die Friedensfahrt. Den Gipfel seiner Beliebtheit erreichte Täve, als er als Titelverteidiger und großer Favorit bei der WM 1960 am Sachsenring antrat. Vor heimischem Publikum verzichtete Schur aus taktischen Gründen auf seine Siegchance, um seinen Teamkollegen Bernhard Eckstein zu schützen, der das Rennen schließlich gewann. Unzählige weitere Erfolge, wie die Medaillen bei Olympischen Spiele ließen sich hier aufzählen. In einer nach dem Ende der DDR durchgeführten Umfrage wurde Täve mit fast der Hälfte der Stimmen zum größten DDR-Sportler aller Zeiten gewählt.

Ich hatte den jungen Mann aus Heyrothsberge bei Magdeburg bereits 1953 bei einem Trainingslager in Kienbaum kennen gelernt. Er wirkte auf mich äußerst zuvorkommend und bescheiden. Wenn Täve den Speiseraum betrat, ging er zu den zwanzig Leuten, die dort saßen und sagte jedem freundlich „Guten Tag“. Das war kein Getue, denn bis heute hat sich daran nichts geändert. Zu seinem 80. Geburtstag war ich eingeladen und konnte das mit eigenen Augen beobachten.

Foto: Sportverlag Berlin

Foto: Sportverlag Berlin

Natürlich las mittlerweile ein ganzes Land hoffnungsfroh unsere Berichte, lauschte am Radio oder verfolgte in Hunderttausender Scharen das Geschehen live an der Rennstrecke. Dennoch musste man abwarten, denn die sowjetischen Fahrer galten als stark, die junge polnische Garde war zu beachten und die erstmals teilnehmenden Italiener waren für viele ein Geheimtipp.
Auf der ersten Etappe „Rund um Warschau“ würde sich zeigen, wer zum Kreise der Favoriten zu rechnen ist. Bis etwa 30 Kilometer vor dem Ziel fuhr das Hauptfeld zusammen. Doch plötzlich bliesen die Italiener zum Sturm. Während alle Augen auf Dino Bruni gerichtet waren, der immerhin den dritten Platz bei der Straßen-WM belegt hatte, trat stattdessen der schwarzhaarige Aurelio Cestari an und ehe man richtig erkannt hatte, was geschah, heftete sich Bruni an dessen Hinterrad. Schnell vergrößerten die Azzurri ihren Vorsprung. Nur ein Quartett machte sich auf die Verfolgung. Darin fuhr ein weiterer Italiener. Auch das schien Teil eines Plans zu sein. Die Ausreißer vereinigten sich zu einer Sechsergruppe und rasten dem Ziel entgegen.

Da vor allem Cestari auf den letzten Kilometern fast ununterbrochen die Führungsarbeit übernahm, opferte er sich damit für den Tagessieger Bruni. Dass er jedoch noch so viel Kraft besaß, um Zweiter zu werden, hatten wir nicht vorhergesehen. Während die Zuschauer begeistert den Sieger feierten, gab es unter den so genannten Experten die einhellige Meinung: Bruni wird diese Friedensfahrt gewinnen. Die wirklichen Fachleute hatten etwas anderes in ihre Blöcke notiert. Stärkster Mann der Italiener: Aurelio Cestari.

Foto: Sportverlag Berlin

Foto: Sportverlag Berlin


Lodz war das Ziel der zweiten Etappe. Auf den ersten Kilometern wurde gebummelt bis sich schließlich eine siebenköpfige Spitzengruppe bildete – ohne ein blaues Trikot der Italiener und ohne das gelbe des Führenden Bruni. Täve Schur und fünf Begleiter spurteten hinterher und erst jetzt wachten die Italiener auf. Bruni war zu diesem Zeitpunkt durch einen Reifenschaden bereits zurückgefallen, doch der starke Cestari setzte beherzt den Ausreißern nach. Bis kurz vor dem Ziel im Stadion von Lodz war die Spitzengruppe auf etwa 50 Fahrer angewachsen und Täve Schur gewann die Etappe in großer Manier.

Jetzt geschah das Kuriose. Cestari war von den Zielrichtern in der ersten Gruppe der 50 Fahrer glatt übersehen worden. Damals war es noch sehr schwierig mit bloßem Auge und ohne Zeitlupen der Kameras, die Startnummern der Fahrer zu erkennen.
So ging die Meldung über Rundfunk und Telefon in die verschiedenen Länder Europas, dass Täve Schur nicht nur souverän die Etappe gewonnen hatte, sondern nun auch Träger des gelben Trikots wäre. Diese Nachricht wurde von allen Zeitungen, die vor 20 Uhr Redaktionsschluss hatten, auch genauso veröffentlicht. Zwar hatten viele unserem Täve das „Gelbe“ vorausgesagt, doch auf den offiziellen Ergebnislisten erschien am Abend ein anderer Name: Aurelio Cestari!

Cestari verlor auf dem dritten Tagesabschnitt das Trikot, holte es sich aber postwendend auf dem 4. Teilstück zurück. Vor dem Ruhetag auf dem Weg in die DDR hatte er 1:30 Minuten Vorsprung auf Täve, der hinter zwei Sowjets und Dino Bruni den fünften Platz der Gesamtwertung einnahm.

Foto: Sportverlag Berlin

Foto: Sportverlag Berlin


Am 7. Mai brach die Karawane in Polen zur 5. Etappe auf. 190 Kilometer standen auf der Tagesordnung, die Ausläufer des Riesengebirges wurden passiert, bevor die Fahrer die DDR erreichten. Keine leichte Etappe also, doch besonders Täve Schur schien beflügelt zu sein, da es ja nun in die von Menschenmassen gesäumten Straßen der Heimat ging. Dass er sich etwas Besonderes vorgenommen hatte, lag förmlich in der Luft.
Schon nach 10 Kilometern Fahrt bildete sich eine Fluchtgruppe. 26 Fahrer machten sich auf und davon und als sie merkten, dass sich im Hauptfeld nichts rührte, legten sie noch einen Zacken zu. Nach 80 km betrug ihr Vorsprung schon über 5 Minuten und nach 120 km fast 9 Minuten. Plötzlich ging ein Ruck durch das Feld und vor allem die Azzurri um Cestari traten jetzt an. Es gelang ihnen eine 15-köpfige Verfolgergruppe auf die Beine zu stellen, doch Aurelio Cestari hatte an diesem Tag das Rennfahrerglück verlassen. Durch einen Reifenschaden fiel er weit zurück und erreichte abgeschlagen das Etappenziel im Görlitzer Stadion der Freundschaft.
Lange vor dem schwarzlockigen Italiener hatte ein blonder Bursche aus der Magdeburger Börde in einem einmaligen Endspurt sein Rad über die Ziellinie geworfen: unser Täve Schur. Wie er in der Zielkurve plötzlich angetreten war und den starken polnischen Sprinter Wiesniewski im Finish niederrang, hatte man lange nicht gesehen.

Foto: Sportverlag Berlin

Foto: Sportverlag Berlin


Der Lohn für sein Können war das Trikot des Spitzenreiters. In „Gelb“ ging es also nach Berlin. „Täve soll sich lieber noch ein bisschen zurückhalten“, rief uns einer der Trainer zu, als wir nach 20 Kilometern eine 30-köpfige Spitzengruppe an uns vorbei rollen sahen. Auch wir Journalisten hielten das für eine gute Taktik, doch nach 50 Kilometern dachten wir anders, als wir sahen, wie Täve – zerschunden und zerschrammt – aus einem Haufen verbeulter Rennmaschinen hervor kroch. Das Resultat eines bösen Massensturzes. Da drei andere DDR-Fahrer ganz vorne mitfuhren, begleitete sie der Materialwagen an der Spitze und erst als die Westdeutschen Täve eine neue Maschine reichten, konnte dieser weiterfahren. Doch bis dahin war viel wertvolle Zeit vergangen. Am Tag zuvor hatte solches Pech den Italiener Cestari zurückgeworfen – nun war es umgekehrt. Cestari kam als fünfter ins Walter-Ulbricht-Stadion und schob sich damit gerade einmal auf den 20. Platz der Gesamtwertung vor. Täve lag nach der Beendigung der Etappe mit knapp 15 Minuten Rückstand auf dem 22. Platz. Was für eine Tragödie in Berlin.

Foto: Sportverlag Berlin

Foto: Sportverlag Berlin


Ich war mit Täve Schur zu diesem Zeitpunkt schon befreundet. Bei einer anderen Friedensfahrt hatte ich ihn nach einem ähnlich schweren Sturz am Abend in seinem Hotelzimmer besucht. Natürlich wollte ich ihn zu seinem Pech befragen und ihm gleichzeitig von der großen Anteilnahme der Zuschauer berichten. Ich klopfte an seine Tür und er rief: „Komm rein Horst.“ Ich entdeckte ihn in dem kleinen Raum nebenan. Täve stand in der Badewanne und schrubbte mit einer harten Wurzelbürste über seinen von Schürfwunden und Hautfetzen bedeckten Körper um ihn zu reinigen. Mich schmerzte es allein schon vom Zusehen. ‚Wenn das keine Härte ist!’, dachte ich damals.

Bezüglich der Renntragik spielte die 7. Etappe von Berlin nach Leipzig keine Rolle, denn erst am darauf folgenden Tag ging die Pechsträhne einer der beiden Protagonisten weiter. Elf Fahrer hatten sich gleich zu Beginn formiert und schon nach 28 Kilometern 2 Minuten Vorsprung herausgefahren. In Halle bildeten sich erste Grüppchen, die sich auf die Verfolgung der Spitzenreiter machten. Unter ihnen wieder einmal Aurelio Cestari. Nur ihm und unserem Lothar Meister gelang es, in die Führungsgruppe aufzuschließen. Dann kam der erste „große Klassiker“ der diesjährigen Friedensfahrt: die steile Wand von Meerane. Dieser 340 Meter lange „Pickel“ inmitten der Textilstadt mit einer durchschnittlichen Steigung von über 12 % ist bei Radsportlern gefürchtet. Nun würde sich also zeigen, was die Bergspezialisten so draufhaben. Ich hatte schon einige Male oben an der „Wand“ gestanden, doch niemals zuvor sah ich eines der Asse derart mühelos diesen Berg nehmen, wie den Italiener Cestari.

Foto: Sportverlag Berlin

Foto: Sportverlag Berlin

Mit der Kilometerzahl 131 war die „steile Wand“ auf unserem Etappenplan gekennzeichnet und auch Cestari musste wissen, dass es nun noch 59 Kilometer bis nach Karl-Marx-Stadt waren. Mit dem Mut der Verzweiflung trat er in die Pedalen und kurbelte ganz allein dem Ziel entgegen. Schnell gelang es ihm zwei Minuten Vorsprung herauszufahren und kurz vor dem Ziel jubelten ihm die Menschen zu, sodass er sicher schon glaubte, seinen ersten Etappensieg in der Tasche zu haben. Knapp 100 Meter vor der Einfahrt ins Ernst-Thälmann-Stadion preschten die Verfolger heran: der Pole Krolak und der Schwede Amell. Vollkommen entnervt musste der tragische Held die beiden an sich vorbeiziehen lassen.
Ruhetag! Doch schon ging es weiter mit dem Spektakel. 141 Kilometer galt es bis nach Karlovy Vary zu bewältigen und wieder einmal sorgte der Italiener für Wirbel. Die Etappe schien ihm auf den Leib geschnitten zu sein, denn in Schneeberg erspurtete er die Bergwertung vor Dumitrescu und unserem Täve, bei dem es auch wieder besser zu rollen schien. Knapp 35 km vor dem Ziel trauten wir unseren Augen nicht. Cestari hatte sich aus der 11köpfigen Spitzengruppe gelöst und strebte wieder in einer Alleinfahrt dem Ziel entgegen…

…Lesen Sie im zweiten Teil wie die Friedensfahrt 1956 ausging und über das tragische Ende einen großen Radsportlers.

Cover Alles ganz Simpel-klein

Zum Weiterlesen: “Alles ganz simpel”
Mark Scheppert & Horst Schubert
ISBN-13: 978-3842380462

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Rezi zu “90 Minuten” bei “Nach-dem-Spiel-ist-vor-dem-Spiel”

11. Juli 2012 | von | Kategorie: Blog

nach dem Spiel ist vor dem SpielSeit dieser Woche gibt es eine schöne Rezension zu meinem Reise-und Fußballroman “90 Minuten Südamerika” beim Fußballblog “Nach-dem-Spiel-ist-vor-dem-Spiel.com” .
Das freut mich insofern sehr, da sich die hervorragend gestaltete Seite und deren Inhaber (Björn Brodermanns) sehr intensiv mit “Borussia Mönchengladbach” auseinandersetzt. Wie jeder Ossi hatte ich vor der Wende auch immer einen Westverein dem ich die Daumen drückte. Ratet mal welchen?
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“Das pure Leben: 90 Minuten Südamerika – Love, Sex und Fußball

Stopp. Wenn du ein Mensch mit Flugangst bist, solltest du jetzt nicht weiterlesen. Tust du es dennoch, könnte dich dies in eine Zwickmühle bringen. 90 Minuten Südamerika von Mark Scheppert ist mehr als „nur“ ein normales Buch über Fußball. „90 Minuten“ ist vielmehr ein fußballerischer Reiseführer, der den Leser in den Koffer packt und mit auf seine Reise quer durch Südamerika nimmt…

Hier kann man weiterlesen


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Meine Schwarz-Rot-Gold-Trilogie

10. Juli 2012 | von | Kategorie: Aktuelles

P1000273

Mit dem Buch “Alles ganz simpel” ist meine Trilogie endlich vollständig. Nunmehr werden drei Generationen vor, während und nach dem Mauerfall literarisch eingefangen.

Nach meinem Werk “Mauergewinner”, welches – nicht nur wegen der Auszüge bei Spiegel Online – noch immer gelesen wird, war ich natürlich besonders nervös gewesen, wie der Fußball- und Reiseroman „90 Minuten Südamerika“ beim Leser ankommt.
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Ich hatte das Buch in einer guten Schreibphase verfasst und für mich ging es dabei – obwohl ich das nie zugeben würde – um viel. Entweder: „Das war´s dann wohl mit der Schreiberei“, oder „na siehst du, es geht doch.“
Es ging! Nachdem die freundlich gemeinten Lobhudelein aus dem Freundes- und Bekanntenkreis durch waren, flatterten die ersten Rezensionen ein, und derer nicht zu wenig. Eigentlich möchte ich hier keine Zeitschrift explizit erwähnen, aber dass mein Buch bei 11freunde sehr gut wegkam, war schon saucool.
Etliche, mir vormals größtenteils unbekannte Fußball- und Reisemagazine haben (manchmal auch kritisch) über die „90 Minuten“ berichtet und selbst SPON veröffentlichte wieder eine Leseprobe. Bei Fritten, Fußball und Bier gibt es mittlerweile sogar eine Rubrik unter dem Namen „Schepperts Weltreise“.
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Mein drittes Werk „Alles ganz simpel“ ging dann auch leichter (fast simpel) von der Hand. Im Prinzip ist es ja nur durch den Tod meines Vaters entstanden, da ich mich in der Zeit danach viel mit meinem Opa unterhalten hatte. Insofern ein Glücksfall, denn wer hat schon einen (noch so fitten) 86jährigen Großvater der zudem so viel erlebt hat? Sehr schön war übrigens auch, dass die Aufzeichnungen dazu bei etlichen kühlen Bieren im Paule in Biesdorf entstanden sind – das nenne ich dann mal Schriftstellerleben!
Die Zielgruppe war zwar hier nicht so richtig greifbar, dennoch wurde das Buch in der lokalen Presse bisher ganz gut besprochen und besonders unsere erste gemeinsame Lesung war der Knaller. Volles Haus und richtig gute Stimmung. Heute bin ich froh, dass ich mir die Zeit genommen habe, seine Geschichte niederzuschreiben.
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Parallel dazu entwickelte sich unsere Lesebühne „Die Unerhörten“ nach ein paar Störfeuern prima. Wir hatten erstmals unzählige „Auswärtsspiele“ in anderen Stadtteilen, waren zu Lesungen und im Radio eingeladen. Außerdem gehören wir zu den Nominierten für die Beste Lesebühne Berlins 2011 und treten regelmäßig einzeln in der Feuerwache in der Studiobühne Friedrichshain auf.
Im Mai 2012 erschien unsere erste Kurzgeschichtensammlung unter dem Titel Süß-Sauer bis Schaf.

Hört sich alles toll an, oder? Okay, um ehrlich zu sein: leben kann ich davon nicht – auch wenn der eine oder andere eines meiner Bücher für sich, die Oma, Mutti oder den liebenswerten Freund bei Amazonien oder im Buchhandel bestellt.

Aber die unzähligen positiven Reaktionen haben mir Mut gemacht, in irgendeiner Form weiterzumachen.
Wie, wann und was werde ich noch sehen.

In diesem Sinne
Lasst es scheppern!

Mark S.

(Nachtrag 1: Zu “90 Minuten” habe ich 2012 sogar noch ein Ebook als Nachtrag veröffentlicht: 90 Minuten Update – Was bis zur Fußball-WM 2014 geschah)

(Nachtrag 2: Den “Mauergewinner” gibt es auch in Englisch als “Generation Wall”)

(Nachtrag 3: Douglas Adams sagte einmal in etwa: “Jede gute Trilogie hat mindestens vier Bände!”)

Frühcafé-Talk mit Mark Scheppert (24.01.2012) – TV Berlin Video
Eine Kindheit und Jugend in Breslau während der Weimarer Republik und in Hitlers Reich. Einen mörderischen Weltkrieg und die Kriegsgefangenschaft. Die Gründung und den Aufbau der DDR vom Mauerbau bis zum Mauerfall. All das hat Horst Schubert miterlebt und später seinem Enkel erzählt. Unter einem Pseudonym verfasste dieser das Buch „Alles ganz simpel“ um den Weg vom Hitlerjungen in Schlesien bis hin zum Alterspräsidenten der Linken in Marzahn-Hellersdorf zusammenzufassen. Heute morgen ist der Autor Mark Scheppert zu Gast.

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2. Friedenauer Lesenacht am 18.08.2012

3. Juli 2012 | von | Kategorie: Termine

Wann: 18. August 2012 ;zu jeder vollen Stunde ab 18 Uhr
Wo: Noyman Miller
Hauptstr. 89
Berlin-Friedenau
( www.noymanmiller.de)
Wie: Karten für die Lesenacht 10 Euro, im Vorverkauf 9 euro

Thema: 2. Friedenauer Lesenacht

Weitere Infos: www.suedwestpassage.com

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