Archive for Januar 2012

Icke bei tv.berlin

22. Januar 2012 | von | Kategorie: Alles ganz simpel Leseproben, Blog

imagesAm Dienstag, den 24.01.2012, war ich beim Frühcafe von “tv.berlin” eingeladen.
Mit der Moderatorin Sarah Maria Breuer sprach ich über mein Buch “Alles ganz simpel” und über meinen Großvater ohne den dieses Werk ja nicht zustande gekommen wäre.

Hier im Nachgang noch das Video von der Sendung, die ich selbst natürlich nicht live verfolgen konnte. Es war ziemlich früh, ich war ganz schön müde, aber es hat Spaß gemacht! Die Moderatorin und ihr Team waren außerdem sehr angenehm.

Frühcafé-Talk mit Mark Scheppert (24.01.2012) – TV Berlin Video
Eine Kindheit und Jugend in Breslau während der Weimarer Republik und in Hitlers Reich. Einen mörderischen Weltkrieg und die Kriegsgefangenschaft. Die Gründung und den Aufbau der DDR vom Mauerbau bis zum Mauerfall. All das hat Horst Schubert miterlebt und später seinem Enkel erzählt. Unter einem Pseudonym verfasste dieser das Buch „Alles ganz simpel“ um den Weg vom Hitlerjungen in Schlesien bis hin zum Alterspräsidenten der Linken in Marzahn-Hellersdorf zusammenzufassen. Heute morgen ist der Autor Mark Scheppert zu Gast.

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“Generation Wall” for free!!!

19. Januar 2012 | von | Kategorie: Blog, Mauergewinner Leseproben

Generation Wall

Generation Wall


Only this weekend (01/20/2012 – 01/23/2012) you can get my ebook „Generation Wall“ for free!
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(nur dieses Wochenende (20.01.2012 – 23.01.2012) gibt es mein Ebook „Generation Wall“ gratis!)
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With the publication of his autobiographical debut novel ‘Mauergewinner’ (Engl.: Generation Wall) Mark Scheppert was immediately quite successful. He even reached number one of the BoD bestselling list in Germany.

“He hadn’t moved a single bit – but nonetheless converted from Ossi to Wessi. His whole life M.S. has been living in the Eastern part of Berlin. At his 37th birthday he experienced his personal turnaround.”
Spiegel Online

– Amazon.de in Germany
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– Amazon.co.uk in Great Britain
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– Amazon.com in the USA
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– Amazon.fr in France
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– Amazon.it in Italy
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– Amazon.es in Spain
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When I started writing these stories in 2008, I pledged to create something NEW and EXCEPTIONAL about the German Democratic Republic that does not exist so far and reflects the feelings of my generation. Why? Well, it was odd. Nowhere in these supposedly typical literary monuments for this dematerialised country, I could picture myself. I did neither belong to this generation of “Zonenkindern” (“Children of the occupation zones” by Jana Hensel), nor did I live in “Sonnenallee” (“At the shorter end of sun alley” by Thomas Brussig or in a “Turm” (“The Tower” by Uwe Tellkamp). My youth, my experiences and my fights with this strange place called GDR did not occur in these books. And certainly not my emotions that I associated with this time. Bizarre.
Was I so different?

That could not be true. Once again I had this sinister feeling that until today we, the Ossis, have not found our own voice that is able to tell the stories of our past with dignity and self-confidence, humorous but sober, without playing something down, kitsch, nostalgia or glorification and definitely far away from coming to terms with the political past.
I thought that in this reunited Germany, there has slowly grown an image of the GDR that has nearly nothing in common with the GDR I lived in.
Has a piece of me indeed vanished with the GDR? My experiences and memories were still alive, but to keep them, I needed to write them down. I had no idea how difficult it turned out to be to reflect this time as I planned – witty, honest but also cautious and avoiding typical patterns.
I tried hard not only to remember but to connect past and present, to find out what the heritage of the GDR did to the Germany of today. Moreover, I wanted to know in how far the former living in the GDR has influenced my personal development.

I knew what I was looking for, the tiny little things, the precise ones, the details that maybe can show the whole situation. My family with all its strange rituals, my friends with all their mad ideas, school, sports competitions and my personal surroundings – all those parts form the whole thing. And not to forget – this strange feeling to be submitted to the merciless mechanisms of a totalitarian state – that was coming up for the first time at this age.

The right genre for all this, were fast-paced short stories. I did not intend to create a literary monument, but something that entertains and draws the reader into the plot.

What came out were 16 stories with 16 typical events. But they are also connected. Minor characters of one story become main characters in others. Some themes occur twice or will be intensified at a certain point. Finally, the whole affair is created in each reader’s mind leaving enough space for personal connections.

My greatest wish with this book is to create a whole feeling, a whole experience that covers my view on the GDR, as I am convinced that I am not the only one that is different.

I would like to share and conserve the memories that shaped me, but at the same time are somehow universal. I believe that many Ossis find themselves in these stories and all the other readers will gain insight into the ordinary days of a world they did not become acquainted with.
In occasion of the 20th anniversary of the fall of the Berlin Wall, these stories describe a different view on this vanished country and will hopefuly fight oblivion.

Mark Scheppert

Ebook "Generation Wall"
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Lesung im Waschsalon in Berlin

19. Januar 2012 | von | Kategorie: Blog

KapitalistenschafEs klingt zwar ungewöhnlich, aber am 27.01.2012 lese ich zusammen mit unserer Lesebühne “Die Unerhörten” ab 20 Uhr im Friedenauer Waschsalon “Schnell & Sauber” in der Rheinstraße 62. Unser Thema diesmal: Schmutzige Wäsche.
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Im Mittelalter trafen sich die Frauen an der Dorfquelle, um dort Schmutzige Wäsche zu waschen. Hierbei wurden sämtliche Geheimnisse ausgeplaudert und genüsslich zog man über Fehler sowie Missetaten nicht Anwesender her.

Die waschbrettbäuchigen Unerhörten laden Euch also herzlich zur Lesung in den wunderbaren Waschsalon nach Friedenau ein.

Weitere Infos:

Wer: Berliner Lesebühne “Die Unerhörten”
Wann: 27.01.2012, 20 Uhr
Wo: Waschsalon
Rheinstr. 62
14159 Berlin-Friedenau
(Nähe S-Bhf. Friedenau )
www.friedenauer-waschsalon.de

Wie: Eintritt frei

Thema: Schmutzige Wäsche

Im Mittelalter trafen sich die Frauen an der Dorfquelle, um dort Schmutzige Wäsche zu waschen. Hierbei wurden sämtliche Geheimnisse ausgeplaudert und genüsslich zog man über Fehler sowie Missetaten nicht Anwesender her.

Die waschbrettbäuchigen Unerhörten laden Euch diesmal zur Lesung in den wunderbaren Waschsalon nach Friedenau ein.

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Neue Rezi “90 Minuten”

17. Januar 2012 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Blog

Brasilien-Kolumbien 364Heute bekam ich von Alexander Endl die Nachricht, dass er eine Rezension zu “90 Minuten Südamerika” geschrieben hat. Er ist unter anderem bekannt durch die Seite “Clubfans United”. Mir gefallen seine offenen Worte gut und der Schreibstil ist sowieso exzellent.
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“…Ein Buch. Mit ungewöhnlichem Titel, der Kombination von “90 Minuten”, die man mit dem Fußball assoziiert, und Südamerika, dem Kontinent auf der Südhalbkugel. Aber was ist das für ein Buch? Soll es ein Reiseführer a la Kerstin Gier sein? So ein “witziges” Anekdotenbuch über halb wahre und halb arrangierte Zufälligkeiten einer “verrückten” Reise? Oder ist es doch eher ein Szene-Buch aus dem Fan-Leben?…”

Hier könnt ihr die vollständige Rezension lesen.

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Rekord für die Ewigkeit – DHfK Leipzig Teil 3

15. Januar 2012 | von | Kategorie: Alles ganz simpel Leseproben, Blog

Foto: Sportverlag Berlin

Foto: Sportverlag Berlin


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(Leseprobe aus: “Alles ganz simpel”)
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…mein Sohn Klaus sollte 1958 zunächst an die KJS (Kinder- und Jugendsportschule) in Halle delegiert werden. Er war ein hoch talentierter Fußballer und Leichtathlet – besonders in den Wurfdisziplinen – doch er wurde dort nicht genommen. Inge rief aufgebracht in der Schule an. Man sagte ihr, dass sie jährlich nur vier Kinder von Nicht-Arbeitern aufnähmen. Er läge an fünfter Stelle und könne daher nicht berücksichtigt werden. Der Rektor dieser Schule war Wolfgang Lohmann, der in meiner Studienzeit noch Rektor an der DHfK gewesen war. Wütend setzte mich ins Auto und fuhr nach Halle. Lohmann strahlte: „Horst, bist du das wirklich?“ Ich schmunzelte, denn auch diesmal war ich es und fragte ihn vorwurfsvoll: „Warum hast du mich damals eigentlich in der Diplomprüfung nicht durchfallen lassen?“ Er schaute mich fragend an: „Wie meinst du denn das?“ „Tja, vor dem Studium war ich all die Jahre Arbeiter gewesen und durch euer Diplom gehöre ich plötzlich zur Intelligenz. Deswegen darf mein Sohn jetzt nicht an eure KJS!“ Mein ehemaliger Rektor schwieg einen Moment und murmelte dann: „Die Vorschriften mit der Arbeiterklasse mache ich doch nicht!“ Im nächsten Jahr wurde Klaus an der Sportschule zugelassen.

Foto: Sportverlag Berlin

Foto: Sportverlag Berlin

Obwohl ich während meiner Studienzeit nie der allerbeste in einem Prüfungsfach gewesen war – sogar im Schwimmen gab es zwei Jungs die schneller kraulten – sorgte Klaus Jahre später dafür, dass ich dort immerhin einen Rekord aufstellte. Er war der erste Nachkömmling eines Absolventen, der ebenfalls an der DHfK studierte. Wie auf meinen Sohn Volker, der im Leipziger Interhotel arbeitete, war ich sehr stolz auf ihn und Dr. Schingnitz hob auf unseren Jubiläumstreffen immer sein großes sportliches Potential hervor. Allerdings bescheinigte mir unser ehemaliger Lehrer Franke auch, dass mein Kind „ja noch viel fauler sei als ich.“

Für eine Sportecho-Reportage schaute ich später einmal selbst beim Training des Übungsverbandes der DHfK zur Vorbereitung auf das Turn- und Sportfest in Leipzig vorbei. Mein damaliger Mitkommilitone Erich Bunzel war dort mittlerweile als Sportlehrer tätig und leitete das Geschehen von einem hohen Gerüst aus. Irgendeinen Reporter hätte Erich wohl nicht auf seinen Kommandoturm gelassen, aber ich durfte. Bei einem Übungsteil mussten zehn bis zwölf Studenten eines von mehreren riesigen Trampolinen auf die Wiese schleppen und oben wurden dann halsbrecherische Salti gesprungen.

Foto: Sportverlag Berlin

Foto: Sportverlag Berlin


Die jeweiligen Träger saßen nun im Schneidersitz zu beiden Seiten der Geräte. Erich reichte mir ein Fernglas und rief mir grinsend zu: „Damit du mal siehst, auf was für verrückte Einfälle dein Junior so kommt.“ In der Mitte unter einem der Trampoline saß tatsächlich mein Sprössling mit zwei anderen Kumpels. Während über ihnen die Turner auf der Gummimatte Kopf und Kragen riskierten, spielten die drei in aller Seelenruhe Skat. Das hätten wir uns früher mit Sicherheit nicht getraut. Natürlich habe ich darüber in meiner Reportage kein Wort verloren und hoffte gleichzeitig, dass sie das bei der offiziellen Aufführung nicht machen würden…

Zum Weiterlesen Buch: “Alles ganz simpel”
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Hier gehts zum ersten Teil der Leseprobe (Theorie an der DHfK) und hier zum zweiten Teil (Praxis an der DHfK).

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“Ist das nicht Scheiße…”: DHfK Leipzig – Teil 2

7. Januar 2012 | von | Kategorie: Alles ganz simpel Leseproben, Blog

Foto: Sportverlag Berlin

Foto: Sportverlag Berlin


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(Leseprobe aus meinem Buch: “Alles ganz simpel”)
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…schienen schon einige unserer Lehrer dem Film „Feuerzangenbowle“ mit Heinz Rühmann entsprungen zu sein, war einer der Sportlehrer ein echtes Original. Dr. Hans Schingnitz war ein blonder, stets etwas kauzig dreinschauender Mann Ende 30 mit markanten Gesichtszügen. Man kannte ihn wahrscheinlich in ganz Leipzig. Sein Markenzeichen waren sportliche Knickerbocker, lange Strümpfe und sein museumsreifes Fahrrad, das er überall unangeschlossen stehen ließ. Am Hauptbahnhof auch mal 14 Tage, wenn es auf eine längere Reise ging.
Schon in der Nazizeit war er aktiver Lehrkörper gewesen und hatte sich besonders auf die Bereiche Leichtathletik, Boxen, Rugby und Ringen spezialisiert. In den ersten Stunden wirkte er auf uns sehr ernst, unnahbar und weltfremd.
Foto: E. Döbler

Foto: E. Döbler

Doch das war die größte Fehleinschätzung unserer Studienzeit, denn Dr. Schingnitz wurde schon bald zu unserem Lieblingslehrer. Je länger man ihn kannte, sah man, dass in dieser rauen Schale, ein zuvorkommender und überaus humorvoller Kerl steckte, der stets auch dem Pförtner und den Putzfrauen höflich und mit Achtung entgegentrat. Und auch wir Schüler konnten immer auf Augenhöhe mit ihm sprechen.

Ein Beispiel: Rugby war neben Boxen die große Leidenschaft des Dr. Schingnitz. „Druck“, „Fassen“, „Gasse“ und „Gedränge“ höre ich ihn noch heute brüllen und erinnere mich daran, dass mir manchmal schon die Luft wegblieb, während der Lehrer von hinten weiterhin: „Druck!“, „Druck!“ brüllte, obwohl die Pille längst schon bei den Stürmern war.
Die DHfK trat ja in vielen Disziplinen auch als offizielle Mannschaft an. Oftmals spielten unsere Teams sogar in den oberen Ligen und errangen unzählige Titel. Während meiner Zeit holten zwei Mitstudenten bei den DDR-Meisterschaften in der Leichtathletik sogar einen 1. und einen 2. Platz. Unsere Nachfolger sollten die Sportschule noch zu viel größerem Ruhm führen und von 1950 bis 1990 erwarben hier ca. 16000 Studenten (davon 4000 im Fernstudium) ihr Hochschuldiplom.

Foto: R. Schramme

Foto: R. Schramme


Beim großen Auftritt unseres Rugbyteams war ich nur Zuschauer. Das Spiel gegen Hennigsdorf fand in Leipzig Leutsch vor dem Fußballmatch „Chemie Leipzig“ gegen „Horch Zwickau“ statt. In den Tagen zuvor hatte es stark geregnet. Das Spielfeld bestand eigentlich nur noch aus Schlamm und großen Pfützen. Gleich zu Beginn der Partie rutschte ein Hennigsdorfer in Dr. Schingnitz hinein und riss ihn um, sodass er der Länge nach in die schmutzig-braune Pampe fiel. Danach kannte er kein Halten mehr. Wehe der Ball besitzende Spieler befand sich in der Nähe einer Pfütze. Sofort sprintete Schingnitz dort hin und warf ihn mit einem Hechtsprung zu Boden. Es entwickelte sich eine legendäre Schlammschlacht, die zur Halbzeit beim Stand von 0:0 abgebrochen werden musste, damit danach auf dem Acker noch Fußball gespielt werden konnte. Unter dem Jubel der Zuschauer verließ unser Lehrer das Stadion.

Foto: Sportverlag Berlin

Foto: Sportverlag Berlin

Doch seinen berühmtesten und bis heute am häufigsten wiederholten Satz gab unser Lehrer beim Schwimmen von sich. Das war eigentlich gar nicht seine Sportart. Doch als Vertretungslehrer stand Dr. Schingnitz in einer der ersten Stunden am Beckenrand und rief mir seiner knorrigen Stimme: „Kann hier jemand nicht schwimmen?“ Schüchtern meldete sich einer meiner Kommilitonen. Vollkommen unerwartet schubste ihn Schingnitz ins Wasser und ließ ihn dann sekundenlang panisch zappeln. Kopfschüttelnd zeigte er mit dem Finger auf ihn und meckerte: „Na, sag doch mal selbst. Ist das nicht Scheiße, wenn man nicht schwimmen kann?“ Zu seiner Ehrenrettung: im gleichen Moment sprang er ins Wasser und holte den nach Luft japsenden Studenten hinaus. Sobald sich später ein Mitstudent in einer Disziplin, z. B Volleyball, etwas unbeholfen anstellte, riefen alle anderen im Chor: „Sag doch mal selbst. Ist das nicht Scheiße, wenn man nicht Volleyball spielen kann?“

Foto: H.G. Winkler

Foto: H.G. Winkler

Ich erinnere mich auch noch gut an das Semester, in dem wir Boxen mussten. Mein Mitstudent Richard Fehlinger, ein eher schmächtiger Junge mit Brille, der allerdings beim Bodenturnen ohne mit der Wimper zu zucken einen Auerbachsalto sprang, war mein Gegner. Wir tasteten uns ab, doch besonders Richard blieb – ohne seine Sehhilfe – stets in der Defensive. Dr. Schingnitz brüllte ihn an: „Willst du denn nicht endlich mal boxen?“, doch Fehlinger rief zurück: „Herr Doktor, ich sehe doch gar nichts!“ „Was siehst du denn?“ „Nur Nebel.“ Schingnitz antwortete ungerührt: „Dann hau rinn in den Nebel!“ Auch das wurde zum geflügelten Wort. Noch heute verabschieden wir uns bei DHfK-Treffen immer mit: „Na dann hau rinn in den Nebel!“
Ein letzter Satz zu diesem bemerkenswerten Lehrer. Gegen Ende der Studienzeit schilderte er uns mal einen eigenen Boxwettkampf. Der starke Gegner war einer seiner besten Freunde und im Publikum saß seine Angebetete. Bildlich beschrieb er das Duell in allen Einzelheiten, auch, wie er immerzu dachte, dass er die Frau auf den Rängen beeindrucken müsse. In der 3. Runde ging plötzlich alles ganz schnell: „Und eins und zwei – und noch eine rechte Gerade und dann lag er unten.“ Kurz darauf schaute er betröpfelt zu Boden: „Ich hatte gewonnen“, flüsterte er und nach einer längeren Pause fügte er traurig hinzu „und dann hat sie den anderen geheiratet.“

Foto: H. Hendel

Foto: H. Hendel


Übrigens waren wir immer ganz brave Studenten. Im Ernst: gleich im ersten Semester entdeckte Heinz Sachse das „CT“ – ein vornehmes Lokal mit Damenkapelle und Tanz im Schauspielhaus. Sofort war klar: das erste Haus am Platze wird unsere Stammkneipe. Man muss sagen: wir waren nicht oft dort – nur von Montag bis Freitag jeden Tag. Natürlich ging das ins Geld, zumal ich die 180 Mark Stipendium zu Hause bei Inge abgab. Doch nebenbei verdiente ich mir bereits ein kleines Taschengeld als Übungsleiter und durch die Bombenverpflegung im Internat brauchte ich ja sowieso nur Kohle für Alkohol und meine Caro-Zigaretten. „Zwanzisch Mark – und dann ins CT“ wurde unser Leitspruch.
Außerdem spürte Lothar Mosler in Panitzsch, unweit von Leipzig, eine Fabrik auf, die Obstwein herstellte. Er hatte erfahren, dass man dort, wenn man 300 Gramm Zucker abgab, die Literflasche für nur 90 Pfennig erhielt. Als so genannte Spitzensportler kamen wir ohne weiteres an massenhaft Zucker heran, welchen wir alsbald nicht mehr zur Leistungssteigerung einnahmen, sondern (zu unserer späteren Schwächung) in der Panitzscher Weinfabrik abgaben.
Im „CT“ und anderen Lokalen konnte man damals nämlich eigene Flaschen mitbringen, wenn man am Eingang ein vorgeschriebenes „Korkengeld“ bezahlte. Auch das sparten wir uns, denn wir schmuggelten unsere Pullen einfach hinein und bestellten zu sechst eine Flasche Weißwein. Nun hatten wir sogar Gläser, um unseren Fruchtwein zu süffeln.
Foto: H. Hendel

Foto: H. Hendel

Damals war Bier im Verhältnis zu unserem Obstwein relativ teuer, doch einmal bekam das „CT“ auch Porter, also dunkles Bier, geliefert. Da wir es alle einmal probieren wollten, bestellten wir bei unserer Stammkellnerin Frau Weimann jeder eine Flasche. Doch am Ende des Abends vergaß sie, diese abzurechnen.
Beim nächsten Besuch hatten alle gerade ihr Stipendium bekommen. Als sie abkassieren wollte, sagten wir: „Frau Weimann und dann bezahlen wir noch die sechs Porter, die Sie beim letzten Mal vergessen haben!“ Sie zog sich einen Stuhl zu uns heran und murmelte: „So etwas ist mir ja mein ganzes Leben noch nicht passiert.“ Seit jenem Tag hatten wir bei ihr unbegrenzten Kredit und kamen auch mit auffälligen Taschen immer problemlos hinein. Manchmal habe ich heutzutage das Gefühl, dass sich unser halbes Studentenleben im „CT“ abgespielt hat, denn sogar wenn ich Inge später einmal dorthin ausführte, traf ich immer einen meiner Spezies, sei es Karl-Heinz Balzer den Stabhochspringer, den Fußballer Horst Scherbaum oder eben Heinz Sachse den Turner.

Foto: G. Hafenberg

Foto: G. Hafenberg

Immer an einem Montag hatten wir Parteilehrjahr. Am Tage des Faschings machte sich Unruhe breit. Überall flüsterte man: „Geht ihr denn hin?“ Erich Bunzel war es schließlich, der sich traute den Parteisekretär zu fragen, ob wir den „heiligen“ Termin verschieben können. Der Grund: im großen Saal am Zoo fand der Rosenmontagsball mit dem Rundfunktanzorchester unter Kurt Henkels statt. Da mussten wir hin!
Es gelang und so schlüpften wir in unsere eleganten weißen Hosen und Hemden vom Berliner Deutschlandtreffen, ließen uns die Arme und Gesichter von der kleinen Knilch (alias Sigrid) mit Mickey Mäusen bemalen und gingen so tätowiert feiern. Jemand besorgte sechs beDHfK-Fasching, reits abgerissene Karten, sodass wir ohne Eintritt hineingelangten. Als ich mit Heinz gerade mal einen Tanz ausließ und durch das Lokal bummelte, entdeckten wir Hans „Bolle“ Bolt mit einer Studentin an einem Tisch. „Der Schweinepriester hat noch Kohle“, murmelte ich, denn sie tranken genüsslich eine teure Flasche Weißwein. Als er uns sah, winkte er herüber und rief: „Setzt euch doch dazu!“ Wir kamen ins Gespräch, doch als die Tanzkappelle aufhörte zu spielen, sagte Bolle plötzlich: „Oh, jetzt müssen wir aber verschwinden. Dort hinten kommen die Leute, die eigentlich hier sitzen.“ Der Trick sprach sich schnell unter uns Mittellosen herum und so wurde der Rosenmontag nicht nur ein äußerst amüsantes Tanzvergnügen, sondern auch noch ein feuchtfröhliches.
Doch irgendwann war auch das schönste Studium einmal zu Ende. Nach dem offiziellen Festakt floss der „Sovetjskoje Schampanskoje“ auf den Zimmern, bevor wir die Gaststätte an der Pferderennbahn belagerten und bis zum Schankschluss böse versackten. Wie wir von dort zurückgefunden haben – und ob wir noch im „CT“ waren – weiß ich bis heute nicht…
Cover Alles ganz Simpel-klein

Zum Weiterlesen Buch: “Alles ganz simpel”
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Hier gehts zum ersten Teil der Leseprobe (Theorie an der DHfK).
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Lesen Sie im dritten und letzten Teil der Leseprobe, wie mein Opa an der DHfK doch noch einen Rekord aufstellte.

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“Verstehe nur Bahnhof”: DHfK Leipzig – Teil 1

3. Januar 2012 | von | Kategorie: Alles ganz simpel Leseproben, Blog

Foto: H. Hendel

Foto: H. Hendel


Leseprobe aus dem Buch “Alles ganz simpel”
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…der Wunsch nach Freizeitbeschäftigungen war schon in den Nachkriegsjahren sehr groß und so hatten sich Ende 1949 in den Buna-Werken bereits 17 Sportabteilungen gebildet. Dort gab es mittlerweile sogar eine Betriebssportleitung mit vier hauptamtlichen Mitarbeitern. Einer von ihnen sprach mich eines Tages an, ob ich an einem Übungsleiterlehrgang an der Landessportschule teilnehmen wolle. Da ich dafür sechs Wochen freigestellt wurde, war das wie ein bezahlter Urlaub und so ließ ich mich gerne nach Freyburg an der Unstrut schicken.
Da ich mich dort scheinbar nicht ganz dumm angestellt hatte, delegierte man mich direkt im Anschluss zu einem fünfmonatigen Übungsleiterlehrgang, der auf höherem Niveau in Leipzig stattfand. Dieser sollte die Kursteilnehmer zur Hochschulreife führen und zur Vorbereitung der Gründung einer Sporthochschule dienen. Wir waren sozusagen die Versuchskaninchen. Im Anschluss daran wurde ich gefragt: „Willst du denn nun hier studieren oder nicht?“ Wollte ich nicht! Mir gefiel meine Arbeit in den Buna-Werken und höhere Ziele hatte ich mir nie gesteckt.
Foto: G. Hafenberg

Foto: G. Hafenberg

Letztendlich war es mein Vater, der stundenlang auf mich einredete und immer wieder betonte: „Wir hatten nie diese Möglichkeit. Nutze deine Chance!“ Somit gehörte ich im Herbst 1950 zusammen mit 91 anderen Frauen und Männern zu den ersten Studenten an der neu gegründeten DHfK (Deutsche Hochschule für Körperkultur) in Leipzig. Um es vorweg zu nehmen: trotz der wenigen Damen (26) gab es in unserem Studienjahrgang am Ende sage und schreibe 14 Paare und 13 davon heirateten später sogar.
Zwei Dinge änderten sich in meinem Leben als angehender Diplomsportlehrer maßgeblich. Zum einen musste ich nun ins Internat in die Friedrich-Ebert-Straße ziehen und zum anderen begann ich meine verloren gegangene Jugend nachzuholen. Wir hatten allesamt diesen fürchterlichen Krieg und die bitteren Jahre danach erlebt, doch während des Studiums kehrten wir endgültig ins Leben zurück.

Das Studium war für mich überraschend einfach zu bewältigen, wahrscheinlich auch, weil ich es nicht so bitterernst nahm. Natürlich hatten die meisten – wie ich – nur eine achtjährige Volksschulbildung absolviert und die lag oftmals schon Jahre zurück, sodass man sich ans Pauken erst wieder gewöhnen musste. Doch wir verstanden uns alle vom ersten Tag an prächtig und halfen uns gegenseitig, wenn Not am Mann war, aus der Patsche.

Foto: H. Hendel

Foto: H. Hendel

In Leipzig zeigte sich schnell, dass meine vielleicht größte Stärke das Organisieren ist. Ich wurde zum 2. Sekretär der FDJ-Hochschul-Gruppenleitung gewählt, um zusammen mit Günter „Paddel“ Hegewald die Interessen der Studenten zu vertreten. Oftmals mussten wir Hannelore Bänder vom Deutschen Sportausschuss energisch bearbeiten, dass man Studenten, die die Hausordnung mal eigenmächtig außer Kraft gesetzt hatten, nicht bestrafte. Nachtruhe war nämlich bereits um 22 Uhr, doch man durfte sich eigentlich bloß nicht vom Pförtner erwischen lassen und musste am nächsten Tag anwesend sein. Obwohl wir um 6 Uhr von Lautsprechern geweckt wurden und die Vorlesungen zum Teil schon um 7 Uhr begannen, gab es nie Klagen.
Wir verteilten Handzettel, gestalteten Partys und organisierten sogar einen DHfK-Funk, indem wir die Sprechfunkanlage in den Gängen mit einem Radio und Mikrofon koppelten. Günter und Manfred richteten sogar ein eigenes Fotolabor ein und zweckentfremdeten dafür nachts eine Toilettenkabine. Mein Freund Günter war sowieso ein Multitalent, denn er konnte sogar die singende Säge melodisch erklingen lassen, während sie bei mir nur quälende Jammertöne hervorbrachte.

Foto: M. Reichenbach

Foto: M. Reichenbach

Im Russischunterricht verstand zum Beispiel nicht nur Lothar Mosler beim Thema „Woksal“ (Bahnhof) oftmals nur selbigen. Legendär waren seine Antworten, wenn er von Lehrer Georg Franke angesprochen wurde, um etwas zum jeweiligen Sachgebiet zu sagen. Er sagte dann immer „Da.“ (Ja) Der Lehrer: „Geht das auch ein bisschen zusammenhängender?“ Lothar nickte: „Da, da, da!“ Doch auch Franke schmunzelte in sich hinein. Als er uns mal ein russisches Lied beibringen wollte, welches wir nicht kannten, rief er: „Mensch, das grölen die Russen doch immer auf ihren LKWs.“
Weder das Wort „grölen“ war nun noch erwünscht noch „Russen“, da es nur noch im Wortschatz der Westdeutschen vorkam. In der DDR waren es längst die „sowjetischen Freunde“. Erst im Laufe der Zeit verstanden wir, dass der Schorsch (Georg) nur das tat, wozu er beauftragt war: uns die russische Sprache zu lehren. Eine sowjetische gab es nämlich nicht.
Franke war sowieso ein ungewöhnlicher Mann. Einmal nahm er eine Zeitung vom Katheder, zeigte sie uns und sagte: „Dies ist die ‚Prawda’. Das ist in der Sowjetunion das, was früher bei uns der ‚Völkische Beobachter’ war.“
Erst Jahre nach Stalins Tod, ahnte ich, dass er mit seiner krassen Einschätzung der damaligen Parteizeitung gar nicht so falsch gelegen hatte. 1951 bekam er für diese Aussage nur deshalb keinen Ärger, weil ihn niemand verpfiffen hatte. Wir mochten seine direkte Art und die Antwort auf die Frage, ob bei diesem eigenwilligen Lehrer alle den Abschluss erlangt haben, lautet: „Da!“ Manche Mädchen auch nur: „Weil sie immer so gut gerochen haben“, gestand uns Schorsch auf einem späteren Treffen.

Foto: J. Cords

Foto: J. Cords

Im Biologie- und Geografieunterricht galt mein bester Freund Heinz Sachse als Wackelkandidat, der in diesen Fächern zwischen zwei Noten schwankte. Nur diese Studenten wurden mündlich getestet. Es gab also einen Aushang mit den Namen der Prüflinge, doch das Prüfungsfach fehlte. Heinz spekulierte auf Biologie, da er dort ziemlich dicht vor dem Abgrund stand. Er hatte gebüffelt und aalte sich mit uns am offenen Fenster in der Sonne, als die Geografie-Lehrerin vorbeikam. „Na den Herrn Sachse sehen wir ja gleich!“ Wie von der Tarantel gestochen, rannte er aus dem Zimmer und stürmte den Gang entlang. Er hatte Glück und konnte die Lehrerin abpassen. Mit zittriger Stimme erklärte er ihr, dass er lediglich von Mitteldeutschland etwas Ahnung hätte. Vom Titicacasee und Popocatepetl habe er auch schon mal was gehört.
In der Prüfungskommission ergriff sie sofort die Initiative und schickte einige Prüflinge auf eine Reise um die komplette Erde. „So und nun zu Herrn Sachse“, sagte sie irgendwann. „Kommen wir bei Ihnen einmal zu heimischen Gefilden, genauer gesagt zu den mitteldeutschen Gebieten der DDR.“
Es muss eine denkwürdige Geografieprüfung gewesen sein, denn Lothar Mosler korrigierte den Fragesteller aufgebracht, als es darum ging, welche Getreidesorte in einem bestimmten Teil der Sowjetunion angebaut wird. „Nein, da muss ich ihnen widersprechen. In dieser Region wird überwiegend Roggen angebaut! Ich habe es mit eigenen Augen gesehen.“ Die Weisheiten aus einem Lehrbuch kamen gegen die Lebenserfahrung eines deutschen Soldaten oftmals nicht an. Als ein anderer Schüler bei den höchsten Vulkanen Amerikas stockte, fragte die Geografielehrerin: „Herr Sachse, können sie vielleicht weiterhelfen?“ „Ja, z.B. der Popocatepetl bei Mexiko Stadt.“ Bald wurde nach dem größten Binnensee von Südamerika gefragt. „Da können wir ja sicherlich noch einmal den Herr Sachse fragen?“ „Klar, kein Problem“, antwortete dieser selbstbewusst. „Gesucht ist der Titicacasee zwischen Peru und Bolivien.“ Für Heinz war alles prima gelaufen. In Biologie wurde er nicht mehr geprüft und in Geografie hatte er sich, dank einer herzensguten Lehrerin, sogar um eine Note verbessert.

In Deutsch gehörte Heinz Sachse zu den Besten und da auch ich mit dieser Sprache ganz gut umgehen konnte, hatte uns Studienrätin Dr. Malige ins Herz geschlossen. Viele andere hatten das Volksschuldeutsch fast vergessen und vor allem Probleme mit der Kommasetzung. Uns lobte sie immer als Gegenbeispiel und fragte, wo wir das so gut gelernt hätten. „Ich setze die Kommata eigentlich einfach nach Gefühl“, sagte ich beiläufig. Heinz nickte bestätigend. „Um Himmels Willen“, sagte die Lehrerin. „Aber gut, jetzt habt ihr ja die Regeln gelernt und macht es bitte nun auch danach.“ In der nächsten Arbeit schrieben wir beide eine Vier. Der Text wimmelte nur so vor Fehlern. Frau Dr. Malige bat uns, nach der Stunde kurz zu bleiben. „Setzt die Zeichen in Gottes Namen bitte wie vorher nach Gefühl!“ Und siehe da: danach flutschte es wieder.

Foto: R. Schramme

Foto: R. Schramme

Dann gab es da noch die Abschlussprüfung in Physiologie bei Dr. Kurt Tittel. Der hatte angekündigt, dass er aus den vier Problemkreisen der Physiologie drei Themen für die schriftliche Prüfung auswählen werde, aus denen wir Delinquenten ein uns genehmes aussuchen könnten. Wir waren kühle Rechner: man müsse sich dann ja nur auf zwei Themen vorbereiten. Zum Beispiel Atmung und Blutkreislauf oder Ernährung und Muskel. Im ungünstigsten Fall wäre eines dieser Themen auf jeden Fall mit dabei.
Am Prüfungstag stellte sich Dr. Tittel vor den Pult und erklärte nuschelnd: „Leider sind ja einige Studenten heute nicht anwesend, da sie Wettkämpfe haben. Deshalb werde ich heute nur zwei Themengebiete zur Auswahl stellen, damit für die anderen noch etwas übrig bleibt.“ Totenstille im Saal. Als die Fragen kamen, hörte man einige erleichtert aufatmen. Bei nicht wenigen hingegen wechselte die Gesichtsfarbe von leichenblass in tiefrot. Es waren genau die Themen, die sie nicht gelernt hatten.
Obwohl wir die Toilette nur einzeln und nacheinander aufsuchen sollten, marschierten wir unter dem Vorwand eines „plötzlichen, fürchterlichen Durchfalls“ oder einer „hartnäckigen Nierenerkrankung“ scharenweise aufs Klo, wo sich dann die „Glücklichen“ mit den „Pechvögeln“ trafen. Bei so viel Kameradschaft und auch wegen der wohl gesonnen Einstellung des Lehrkörpers, was die Einhaltung der Toiletten-Vorschriften betraf, konnten am Ende fast alle die Abschlussprüfung in Physiologie bestehen. So gesehen: Eigentlich war alles ganz simpel…
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Cover Alles ganz Simpel-klein

Zum Weiterlesen Buch: “Alles ganz simpel”
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Lesen Sie nächste Woche im zweiten Teil der Leseprobe, wie mein Opa die Praxis an der DHfK erlebte.

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