Archive for Oktober 2010

Unsere Lesebühne

20. Oktober 2010 | von | Kategorie: Blog

unerhört-1-klein Die Friedrichshainer Lesebühne “Die Unerhörten” gibt es nun schon seit über einem Jahr. Natürlich spricht das für eine gewisse Konstanz, andererseits möchte ich nicht ganz unbescheiden feststellen: so “unerhört” sind wir mittlerweile gar nicht mehr.

Bei unserem letzten Auftritt platzte das Tasso aus allen Nähten und sogar “Gaststars” haben mittlerweile großes Interesse, bei uns aufzutreten. Also in gewisser Weise ne kleine Erfolgsgeschichte, gerade bei dem Überangebot an Lesebühnen in Berlin.
Hier erfahrt ihr mehr über die Unerhörten
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“Die Unerhörten” am 09.12.2010 in Berlin

15. Oktober 2010 | von | Kategorie: Blog

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Lesung:
Lesebühne “Die Unerhörten” am 09. Dezember um 20.00 im Café Tasso, Frankfurter Allee 11, Eintritt frei. Thema: Leckerbissen
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Die seit einem Jahr existierende Lesebühne “Die Unerhörten” tritt einmal monatlich im Café Tasso (Frankfurter Allee 11) auf und widmet sich jeweils einem anderen Thema. Mittlerweile hat die kleine Lesebühne ein festes Stammpublikum, gilt aber noch als Geheimtipp.
Die Unerhörten haben sich zum Ziel gesetzt, unterhaltsame wie auch anspruchsvolle Kurzgeschichten vorzutragen.

Es lesen für Sie (in alphabetischer Reihenfolge) :

Friedhelm Feller, Oliver Mahlke, Ariane Meinzer, Mark Scheppert, Susanne Schmidt, Ralph Trommer

Cafe Tasso
Frankfurter Allee 11
10247 Berlin,
Beginn: 20.00 Uhr
Café Tasso

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DDR-Leckerbissen

11. Oktober 2010 | von | Kategorie: Blog

GBAm 10.10.2010 haben nun die Pforten des DDR-Restaurants “Domklause” in Berlin Mitte geöffnet. Die Idee dazu hatten die Leute des DDR-Museums, welches sich genau daneben befindet. Wie oft haben mich schon Freunde und Besucher von außerhalb gefragt, wo man denn eine “Ketwurst”, eine “Grilletta”, oder einen “Goldbroiler” mit Sättigungsbeilage essen kann.
Hier gehts zum DDR-Restaurant

…das Wort “Leckerbissen” animierte mich zu folgender Geschichte:

Die Meerschweinchen tragen in Peru lustige Hüte! Vor zwanzig Minuten hatte es in der Küche fürchterlich gequiekt und gerade beschwert sich Göte meckernd beim Kellner, dass bei seinem Cuy, wie die gegrillten Kuscheltiere hier genannt werden, die Karotten-Krone fehlt. Noch immer denke ich ein wenig pikiert an unseren wuscheligen Otto, mit dem Benny und ich in unserer Kindheit so gerne gespielt hatten. Jenna verlangt nach der scharfen Soße. „Schmeckt ein bisschen wie Kaninchen“, ruft Matze mit vollem Mund und nickt mir aufmunternd zu. „Mann, seid ihr ein paar Fleischnazis. Das arme Ding“, antworte ich und steche zögerlich die Gabel in einen Schenkel. Das niedliche Vieh, scheint mich mit traurigen Augen zu fragen: „Warum?“
Otto-Buch

Wir befinden uns in einem Restaurant in Cusco, einer Stadt in Peru, welche für die Inka noch der „Nabel der Welt“ gewesen war. Doch Spanische Eroberer hatten sie vor knapp 500 Jahren erobert, überrannt, niedergebrannt und jedes einzelne Gebäude überbaut. Lediglich die gewaltigen Steine einer „Mauer“ – welch Parallele zu einem anderen Land – des ehemaligen Inka-Palastes, waren als Mahnmahl einer besiegten Kultur übrig geblieben. Wie hatte es hier bloß früher einmal ausgesehen? Ich versuche es mir vorzustellen:

Der kleine Roca sitzt neben seinem Vater auf dem belebten Marktplatz, ganz in der Nähe des großen Sonnentempels. Es war ein guter Tag gewesen. Sie hatten acht der weißen, langhaarigen Meerschweinchen und sechs der gescheckten glatten verkauft. Mutter wird sich sehr freuen, wenn sie sieht, wie viel Maismehl, Bohnen und Kartoffeln sie dafür bekommen hatten. Später waren sogar noch zwei hungrige Priester gekommen und so hatten sie zwei der Tiere vor Ort schlachten, häuten und ausnehmen müssen. Im Feuer der Manchilla müssten sie nun langsam gar sein.
In der Mittagshitze leert sich der staubige Platz allmählich. Nebenan werden Kokablätter in große Körbe gepackt, die Alpaka-Wollhändler räumen langsam zusammen und die Flötenspieler haben sich gar schon im Schatten des großen Palastes von Viracocha niedergelassen. Über ihnen funkeln die goldenen Platten des Hauptportals im Lichte der hoch stehenden Sonne.
‚Wie gern würde ich dort einmal hineingehen’, denkt Roca traurig. Niemand den er kannte, nicht einmal sein Vater, war jemals im Inneren des heiligen Tempels gewesen. Doch jeder wusste, dass in einem, ganz und gar aus Gold bestehenden Raum, die heilige Sonnenscheibe der Götter aufbewahrt wird und im silbernen Nachbarraum, die Scheibe des Mondes. Vater hatte ihm erklärte, das jenes Gold, die „Schweißperlen der Sonne“ und das Silber „die Tränen des Mondes“ sind.
Sein Vater war so klug! Als sie nach dem letzten Opferfest durch den heiligen Garten gelaufen waren, konnte er zu all den Tieren, die dort mit riesigen steinernen Köpfen nachgebildet sind, etwas sagen. Der Puma bedeutet Krieg, der Jaguar Macht, die gefiederte Schlage steht für Weisheit, im Gegensatz zur großen grauen Schlange, die den Geiz verkörpert. Das Alpaka bedeutet Wärme und der Kondor steht für eine Botschaft. Der kleine Roca hatte sich das alles gemerkt.
Erst heute fällt ihm auf, dass es dort gar kein Meerschwein gegeben hatte und er deshalb seinen Vater auch nicht gefragt hatte, welche Bedeutung es hat. Vorsichtig tippt er ihn an die Schulter: „Du Papa, für was steht…“

Foto by A. Hoppe

Foto by A. Hoppe

Mist! Irgendwie komme ich an dieser Stelle nicht weiter. Also anders:

Es gibt zwei Wörter, die ich niemals in meinen Texten verwenden wollte: nett und lecker! Auch nicht als Substantiv.
„Nett“ ist die Koseform von Scheiße und „lecker“ steht für das Unvermögen der Menschen, sich vernünftig auszudrücken. Ich kenne niemanden der „nett“ ist und bei keiner Speise, oder einem Getränk würde es mir in den Sinn kommen, sie als „lecker“ zu bezeichnen. Niemals!
Nicht mal in Dialoge anderer Protagonisten würde ich diese Adjektive einbauen. So redet einfach niemand, oder habt ihr schon mal jemanden sagen hören: „Das war ja ein mal netter Berliner Busfahrer, der hat uns sogar Leckerbissen angeboten.“ Merkt ihr was? Kein Berliner Busfahrer ist „nett“ und er bietet schon gar nicht „Leckerbissen“ an. Das ist gequirlter Käse!
Oder einer meiner Freunde würde in einer Story zu mir sagen: „Das war aber echt nett von dir, ich lade dich im Rockz noch auf ein lecker Bier ein“. Hey! Ich bin verdammt noch mal nicht „nett“ und wir tauschen in meiner Stammkneipe auch keine „Nettigkeiten“ aus. Süffiges Becks und Staropramen kann man dort bestellen, aber kein „leckeres“. Nein, ich habe keine „netten“ Kolleginnen mit „leckeren“ Hintern. Und auch Euch Leser würde ich niemals als „nett“ bezeichnen, welches an „leckerem“ Öko-Bier nuckelt. Wirklich nicht!
Vielleicht ist es wieder einmal nur eine Frage der Herkunft. Im Osten gab es die Begriffe „nett“ und „lecker“ einfach nicht. Da war jemand „duffte“, „knorke“ oder „fetzte urst ein“ und auch ein Essen konnte „duffte“ und „knorke“ schmecken, oder „fetzte manchmal urst ein“. Astrein, genial und cool kamen später noch dazu.
Und im Westen? Ich konnte ARD und ZDF früher immer empfangen und weis daher, dass die Jogurts in den Werbepausen vormals „cremig“ oder „fruchtig“ waren.
Doch genau hier habe ich es irgendwann zum ersten Mal gehört. Zwei braungebrannte 25jährige Schönheiten, die in einer mondänen 45 Quadratmeterküche, deutsche Durchschnitts-Hausfrauen mimen – natürlich kommen sie gerade vom Joggen und präsentieren die Bikini-Titten – löffeln an einer quarkartigen Speise. Die eine: „Voll nett eure neue Küche.“ Die andere: „Und der Jogurt?“. „Voll lecker!!!“ Sorry, mir wird schlecht – ich muss gleich kotzen.
Kann denn diese scheiß Nobelküche nicht hinreißend, bezaubernd, stilvoll, angenehm oder meinetwegen auch fesch aussehen? Warum sagt die alte Ziege: „Voll nett?“ – was meint sie damit? Richtig schlecht? Sonst hätte sie ja „ganz nett“ gesagt, wenn es einfach nur nichts Besonderes wäre. Und warum in Gottes Namen darf dieser bescheuerte Jogurt denn nicht munden, köstlich, delikat, herrlich, wunderbar oder einfach nur gut schmecken? „Voll lecker“, so eine gekünstelte Sprache. Wir verblöden immer mehr! Ich schmeiß meine Kiste irgendwann hochkant aus dem Fenster. Volle Kanne!
Scheinbar sind es tatsächlich deutsche Adjektive dachte ich zunächst, denn weder im Englischen, Spanischen oder Russischen habe ich entsprechende Herleitungen gefunden. Kommt mir jetzt bitte nicht mit „nice“ für „nett“ oder „rico“ für „lecker“, nur weil ein oder zwei Buchstaben dieselben sind. Das Russische „Ochn harraschow“ ist zumindest eindeutig unlecker und des Französischen bin ich nicht mächtig.
Dennoch bin ich der Herkunft unseres „Leckerbissens“ auf die Schliche gekommen. „Lecker“ kommt ursprünglich aus dem Afrikaans in Südafrika und wurde letztendlich auch ins Niederländische übernommen. Dort wird es allerdings mit zwei „kk“ in der Mitte geschrieben.
Für mich, als großen Fußballfan, wäre es die Höchststrafe, wenn mir beim Spiel Holland gegen Deutschland jemand ins Ohr flüstern würde: „Ons het lekker gespeel“ – unsere haben großartig gespielt. Der Superlativ ist noch viel schlimmer: lekkerst! Bei Wiktionary von Wikipedia könnte ich einen neuen Eintrag für die Herkunft des deutschsprachigen Wortes „Leckerbissen“ erstellen. Es gibt nämlich noch keinen. Mache ich aber nicht! Dort ist bisher nur „lecker“ erläutert. Es bedeutete ursprünglich im Deutschen: „Was gut zu lecken ist…“ Ganz kurz hatte ich eine Vorstellung davon, was es sein könnte…Verwirrend!
„Nu haste mir aber janz lecker gemacht“, schreibt Alfred Döblin dazu passender weise in seinem Buch „Berlin Alexanderplatz“
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Es gibt aber noch einen anderen Ansatz. Vor kurzem besuchte uns eine Freundin aus der Schweiz. Sie hatte als Gastgeschenk ein paar „Leckerlis“, wie sie es nannte, mitgebracht. Auch dieser Fährte bin ich nachgegangen und so erfuhr ich, dass der Begriff „Basler Läckerli“ – mit „ä“ geschrieben, erstmals 1720 amtlich erwähnt wurde.
Das lebkuchenartige Gebäck, hergestellt aus Weizenmehl, Honig, kandierten Früchten und Nüssen kann man noch heute fast überall kaufen. Alles wäre so schön, wenn ich Euch jetzt zur Weihnachtszeit, die kleinen rechteckigen Stücke mit der Zuckerglasur anbieten könnte und wüsste, dass einzig und allein diese Basler Spezialität und Gaumenfreude als „lecker“ bezeichnet werden dürfte.
Aber nein, es gibt eine Band namens „Lecker Nudelsalat“, Kochrezepte unter „lecker.de“, „voll leckere Jogurts“ im TV, „Lecker – das Kochmagazin“, Die WDR-Reihe „von-und-zu-lecker“, „Die Leckschwestern“ in einem Video, „Lecker – die CD von Atze Schröder“, die Bücher „Lafer, Lichter, Lecker“ und „Hundekekse frisch und lecker“ und unzählige weitere „Leckerein und Leckerbissen“. Sorry, aber ich möchte dieses Wort jetzt wirklich nicht mehr niederschreiben. Ich weis, das ist nicht gerade nett von mir.

Ich hätte vielleicht doch lieber die Märchen-Geschichte aus Südamerika weitererzählen sollen. Wollt ihr wissen, wie sie ausgegangen ist?

Der kleine Roca tippt seinen Vater vorsichtig an die Schulter: „Du Papa, für was steht eigentlich das Meerschwein in der Götter-Sprache?“ Der Alte schaut seinen Sohn fragend an: „Weist Du denn nicht mehr, wie wir mit einem „Glatthaar“ über Onkel Xocil Körper gerieben haben, um die kranke Stelle zu finden?“ Roca schüttelt den Kopf. „Es hatte auf seinem Herzen gequiekt und als wir es töteten und aufschnitten, bestätigte sich die Vermutung. Auch das Meerschwein hatte ein krankes Herz. Es steht also für Heilung.“ Sein Sohn ist mit der Antwort nicht zufrieden, denn Onkel Xocil wurde längst von den Göttern heimgeholt. „Papa, warum essen wir es dann eigentlich so oft?“ Mit stolzem Blick schaut er hinab auf seinen Sohn. Wie klug er nur ist! „Mein Junge, die Menschen unseres Volkes verspeisen es so gern, weil es ein wahrlich netter Leckerbissen ist!“

Foto by Rebeccaypedro

Foto by Rebeccaypedro


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